10.03.2020 - 17:33 Uhr
FlossOberpfalz

Massenhafte Auswanderung nach Amerika

Da sich Juden nirgends frei niederlassen durften, verließen sie in Scharen ihre Heimat. Erst ab 1861 konnten sie ihren Wohnsitz frei wählen. Dies bedeutete den langsamen Niedergang der Landgemeinden, von denen Floß eine der interessantesten war.

Das Innere der ehemaligen Synagoge in Sulzbürg.

Vermutlich waren es vor dem sogenannten Rindfleisch-Pogrom 1298 geflüchtete Juden der umliegenden Gemeinden, die sich als erste in Sulzbürg, heute Landkreis Neumarkt, niederließen. Für die hier herrschenden Grafen von Wolfstein wurden sie politische Vermittler, intimste Berater - auch in Familiensachen - und Geldgeber. Die Grafen von Wolfstein, denen der Marktort Sulzbürg gehörte, wussten demnach sehr wohl, aus der Ansiedlung der Juden Vorteile zu gewinnen. Sie dankten es auch den Juden durch viele Privilegien im Umgang mit Christen oder durch Verzicht auf besondere Kleidung und Abzeichen.

Viele Städte litten unter dem Juden-Verbot, so auch das benachbarte Neumarkt. Mit den Sulzbürger Juden wurde daher eine Übereinkunft getroffen, dass diese - natürlich gegen Abgaben - das Land betreten durften. Die diesbezüglichen Verträge unterlagen alle drei Jahre der Genehmigungspflicht durch die Amberger Regierung. Sie mussten sich dem einzigen Rabbinat in Bayern, dem in Schnaittach, unterstellen. Der Sulzbürger Judenfriedhof zeugt heute noch von einer einst blühenden Gemeinde.

Nach dem Tod des letzten Reichsgrafen zu Wolfstein 1740, fielen die Besitzungen an das Kurfürstentum Bayern. Den dort ansässigen Juden wurde erlaubt, in der Oberpfalz Handel zu treiben. Selbstverständlich musste dieses Privileg mit einem jährlichen Schutzgeld bezahlt werden. Wie in Schnaittach, durften Ehen nur mit Mädchen aus dem Ausland geschlossen werden. Kapital sollte nach Bayern fließen. Auch in Sulzbürg gab es zumindest einen privilegierten Juden: Nathan Hirsch. Er war Militärlieferant und durfte in der ganzen Oberpfalz Grundstückshandel betreiben. Mit der Schaffung des modernen Bayern mussten nicht nur Rechte und Pflichten der Katholiken mit denen der Protestanten auf einen Nenner gebracht werden, sondern auch die der Juden und Nichtjuden. Hierzu erschien 1813 das sogenannte Judenedikt. Doch bis zur vollkommenen Gleichstellung, vor allem dem freien Niederlassungsrecht, im sogenannten Matrikelparagraphen geregelt, sollten noch Jahrzehnte vergehen. Erst ab 1861 durften Juden ihren Wohnsitz frei wählen. Dies bedeutete langsam den Niedergang der Landgemeinden. Die Juden aus Sulzbürg wanderten mehrheitlich nach Neumarkt ab und beteiligten sich dort am wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt.

Eine der interessantesten, weil die einzige politisch selbstständige Judengemeinde in Bayern, war Floß. Im reichsunmittelbaren Herrschaftsgebiet der Lobkowitzer, in Neustadt/WN ansässig, wurden sie 1684 von dort vertrieben. Herzog Christian August, Herr über Pfalz-Neuburg, erlaubte ihnen erst im Ort, später vor dem Ortskern, dem "Judenberg", zu siedeln und stellte ihnen einen Schutzbrief aus. Zum Leidwesen der ortsansässigen Handwerker war ihnen der Handel gestattet. Dieser wurde vorzugsweise mit Stoffen, Häuten und landwirtschaftlichen Produkten betrieben. Die Haltung von Vieh war ihnen dagegen verboten worden.

Unter den Flosser Juden, die fast alle miteinander verwandt waren, gab es viel Streit, Streit auch mit den Einwohnern der nichtjüdischen Gemeinde. Es war einerseits die Konkurrenzsituation, andererseits wurde den Juden zum Beispiel ein Ritualmord vorgeworfen. Der Matrikelparagraph des Juden-Edikts hatte eine massenhafte Auswanderung nach Amerika zur Folge. So entspannte sich, wie in anderen Gemeinden auch, das Verhältnis zur christlichen Gemeinde.

Die politische Gemeinde hatte einen Vorsteher mit Abgeordneten und alle zu einer Gemeinde gehörenden Institutionen wie Feuerwehr, Nachtwächter bis hin zur Armenpflege. Mit fast 400 Einwohnern zählte die jüdische Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts 20 Prozent der Bevölkerung von Floß. Im Zuge des Judenedikts durften die ersten Juden in der christlichen Gemeinde siedeln und - nachdem die Synagoge einem Brand zum Opfer fiel - wurde diese ebenfalls in der christlichen Gemeinde neu errichtet. In Floß entstand eine Elementarschule für jüdische Kinder, doch die jüdische Gemeinde bestand auf einen christlichen Lehrer.

Ab 1851 war Israel Wittelshöfer aus Floß Distriktsrabbiner. Diesem schlossen sich später auch Sulzbach, Amberg, Weiden und Cham an. Nach seinem Tod 1896 gehörte Floß vorübergehend zum Rabbinat in Bayreuth - was von der Regierung in Regensburg nicht gerne toleriert wurde - und wurde dann, wie auch Neumarkt und Amberg, vom Rabbiner Dr. Magnus Weinberg betreut. Die Flosser Judengemeinde ging den Weg aller Landgemeinden, wobei sich viele der Juden nach Weiden orientierten. (ddö)

Mehr zu jüdischen Gemeinden

Oberpfalz
Der Thoraschrein in der Synagoge in Floß. Sie steht heute unter Denkmalschutz. Erbaut wurde sie auf dem Judenberg 1815 bis 1817. Bei den Novemberpogromen 1938 wurde die Innenausstattung komplett zerstört.
Ein Teil des Judenfriedhofs in Sulzbürg.
Ein Grabstein auf dem Sulzbürger Friedhof. Die Messer oben rechts und links bedeuten, dass der Verstorbene einem Mord zum Opfer fiel.

Mehr zu jüdischen Gemeinden in der Oberpfalz:

Sulzbach-Rosenberg

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.