Olympia 1972: Prägende Tage zwischen Freude und Terror

Siegfried Bock war bei Olympia. Allerdings nicht als Athlet, sondern als Postbeamter. An die fünf Wochen bei dem Großereignis 1972 in München erinnert er sich auch fast 50 Jahre später noch gerne.

von Stefan Puhane Kontakt Profil

Weit über 15000 Mitarbeiter der Deutschen Bundespost wollten 1972 zu Olympia. Das sportliche Großereignis in der Landeshauptstadt, das wegen eines schrecklichen Attentats einen so tragischen Verlauf nehmen sollte, faszinierte vor fast einem halben Jahrhundert unzählige Menschen rund um den Globus. So auch Siegfried Bock aus Kaltenbrunn, der damals beim Postamt Grafenwöhr arbeitete. Er wollte ebenfalls einer von insgesamt nur 3500 Freiwilligen werden, die in insgesamt 69 Sonderpostämtern für die Olympischen Spiele eingesetzt wurden. Obwohl die Chancen darauf eher gering waren, hatte der Oberpfälzer Fortuna auf seiner Seite und wurde für diese einmalige Aufgabe ausgewählt.

Das erste Mal in München

"Ich habe mich damals wirklich sehr über die Zusage gefreut", erinnert sich der heute 77-Jährige, "obwohl ich mir bei 15000 Bewerbern eigentlich keine allzu großen Hoffnungen gemacht hatte". Für den jungen Mann aus Kaltenbrunn war das Mitwirken an den Olympischen Spielen wie der Schritt in eine neue Welt. Der damals 28-Jährige betrat im Rahmen seiner Tätigkeit für Olympia erstmals Münchener Boden – und war mächtig beeindruckt.

"Ich war davor wirklich noch nie in München. Das kann man sich heutzutage vielleicht gar nicht mehr vorstellen, aber das war halt auch der Zeit geschuldet, in der man noch nicht so mobil war wie jetzt", erklärt er.

"Das erste Mal in einer Weltstadt war sehr beeindruckend für mich. Das Flair von München, die vielen Menschen aus all den Nationen, das war schon etwas ganz Besonderes!"

Interessenten aus aller Welt

Zusammen mit drei Kollegen aus der nördlichen Oberpfalz verbrachte Bock rund fünf Wochen am Stück in der Landeshauptstadt, ohne zwischenzeitlichen "Heimaturlaub". "Dies wäre auch nicht möglich gewesen, denn wir hatten wirklich viel zu tun", erinnert sich der rührige Oberpfälzer, der sich seit Jahrzehnten in seiner Heimatgemeinde in zahlreichen Vereinen und Institutionen ehrenamtlich engagiert.

Zwei Tage hintereinander jeweils zehn Stunden arbeiteten die Freiwilligen in "ihrem" Sonderpostamt in der "Olympia-Philatelie", das sich damals in der Akademie für das graphische Gewerbe der Hochschule befand. Einen Tag hatten sie daraufhin stets frei. Im Mittelpunkt ihres Tuns standen vor allem der Verkauf der vielen verschiedenen Briefmarken und der Abdruck der Sonderstempel, die eigens für die Olympischen Spiele produziert wurden. Interessenten aus aller Welt, die wegen des Großereignisses in der Landeshauptstadt weilten, drückten sich die Türklinke in die Hand, Nachfrage und Andrang seien immens gewesen.

Gemeinsam vor dem Fernseher

Gerade weil es im Sonderpostamt so viel zu tun gab, waren die Oberpfälzer "Posterer" nach Dienstschluss froh, dem Olympia-Trubel für kurze Zeit zu entkommen. "Wir haben beispielsweise jeden Sonntag den Gottesdienst in der Michaelskirche zwischen Stachus und Rathaus besucht", erinnert sich Siegfried Bock und schwärmt von dem "wunderbaren Chor und Orchester", die dabei stets aufspielten.

Viele Kollegen aus Neuperlach, wo die freiwilligen Helfer in einem Wohnblock, sogenannten Postdarlehenswohnungen, untergebracht waren, trafen sich zudem im Bräustüberl der Forschungsbrauerei in Perlach auf ein Bier. Und natürlich verfolgten die Beamten auch die olympischen Wettbewerbe, wenn auch meist nur im Fernsehen in einem Gemeinschaftsraum im Keller ihrer Unterkunft.

Schockierende Geiselnahme

Zwar habe jeder der Post-Mitarbeiter je zwei Eintrittskarten für Wettkämpfe erhalten, einlösen konnte Siegfried Bock diese aus einem eher traurigen Grund aber nicht wie gewünscht. Als der Kaltenbrunner nämlich zusammen mit seinem Kollegen Bernhard Hartmann aus Trabitz am 5. September die Ruder-Regatta in Feldmoching verfolgen wollte, erreichte ihn die Meldung über die Geiselnahme im Olympischen Dorf. Die beiden Ausflügler kehrten sofort zurück zum Ort des Geschehens und verfolgten wie die restliche Welt mit Schrecken die Geschehnisse rund um den Terroranschlag.

Da die Spiele wegen der Trauerfeier für die Opfer des Blutbades für einen Tag unterbrochen wurden, konnten Bock und Hartmann auch nicht wie ursprünglich geplant das Endspiel des Fußballturniers zwischen Polen und Ungarn im Olympiastadion verfolgen.

Prägendes Erlebnis

Trotz des unfassbaren Terrors, der vielen Menschen das Leben kostete, blickt Siegfried Bock ausschließlich positiv auf die Zeit in München zurück. "Das vergisst man ein Leben lang nicht. Jedes Jahr um den 10. August herum, an dem wir unsere Arbeit im Sonderpostamt begonnen hatten, erinnert man sich gerne an dieses prägende Ereignis zurück – selbst nach fast 50 Jahren."

Ein Blick in die Historie des Bleikristalls in der Oberpfalz

Neustadt an der Waldnaab
Info:

Brutales Attentat überschattet Olympia

Das Münchener Olympiastadion erinnert noch heute an die Olympischen Spiele 1972. Die langjährige Heimat des FC Bayern war eigens für das Sport-Großereignis erbaut worden. Deutschland war in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 1936 Olympia-Gastgeber.

Zunächst läuft die Olympiade perfekt. Deutschland begeistert mit neuer Weltoffenheit, die Athleten zeigen Spitzenleistungen. Der Stern der Hochspringerin Ulrike Meyfarth etwa geht auf, die damals 16-Jährige gewinnt überraschend Gold. Heide Rosendahl holt sich Platz eins im Weitsprung und in der 4x100-Meter-Staffel. Jahrhundertschwimmer Mark Spitz räumt gleich sieben der begehrten Plaketten für den obersten Platz auf dem Siegertreppchen ab und avanciert zu dem Superstar der Spiele.

Doch nach gut einer Woche nimmt dies alles ein jähes Ende und die dunkle Fratze des Terrors übernimmt die Herrschaft: Die palästinensische Gruppe "Schwarzer September" überfällt das Quartier der israelischen Mannschaft, tötet den Trainer des Ringerteams und nimmt einige Sportler gefangen. "Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Arabern" lautet die Forderung der Terroristen. Eine Befreiungsaktion der Polizei scheitert mit den schlimmsten Folgen: Ein Polizist, alle neun gefangengehaltenen jungen Männer aus Israel und fünf der acht Geiselnehmer sterben während einer unkontrollierten Schießerei.

Danach erlangt vor allem der Satz des IOC-Präsidenten Avery Brundage "The Games must go on" traurige Berühmtheit: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will den Terror nicht endgültig die Oberhand gewinnen lassen und entscheidet sich dazu, die Olympischen Spiele fortzusetzen. Die Heiterkeit allerdings kehrt nicht mehr zurück.

 

 

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