18.04.2019 - 15:35 Uhr
Kastl bei KemnathOberpfalz

Fingerfertige Entspannung

Klosterarbeiten sind eine Kunstform mit langer Tradition die früher zum Unterhalt der Klöster beitrug. Heutzutage ist es für Rita Raps eine entspannende und beruhigende Passion, bei der kleine Kunstwerke für die Ewigkeit entstehen.

von PMLProfil

Rita Raps hat ein seltenes Hobby: Klosterarbeiten anfertigen. Das sind filigrane Kunstwerke aus Gold- und Silberdraht, Swarovski-Kristallen, Perlen und feinen Stoffen, die früher in Klöstern im süddeutschen Raum, Österreich und Italien hergestellt wurden. Hauptsächlich sind es Andachtsbilder, religiöse Figuren, Reisealtäre, Weihnachts- und Osterdekorationen, die meist alten Vorbildern nachempfunden werden.

Mit fünf Gleichgesinnten zaubert sie Kunstwerke, für die viel Fingerspitzengefühl, ruhige Hände und sehr viel Geduld nötig sind: „Ich denke, Männer könnten das nicht machen. Frauen haben doch mehr Gefühl“, schmunzelt sie. Dann fädelt sie mit ruhiger Hand feinen Golddraht durch ein Stück „Bouillon“, von dem einige schon vor ihr liegen und das später den glänzenden Mittelpunkt einer kleinen Blüte bilden wird. Vom Lachen und Plaudern im Hintergrund lässt sie sich kein bisschen ablenken. Mit dem zweiten Versuch ist der Draht durch die Zierspirale geführt und zurechtgebogen.

Normalerweise trifft sich die Gruppe etwa alle vier Wochen. Dann wird gemeinsam gearbeitet, gelacht, geplaudert und die Projekte für die nächste Zeit abgesprochen. Dabei sind dann natürlich auch die Männer und die Familien Gesprächsthema, aber allem voran geht es um die Arbeiten. Wie so ein Treffen abläuft konnten Interessierte vor kurzem im Vulkanmuseum Parkstein erleben. Dort wurde ein kleiner Teil der Arbeiten ausgestellt. Während der Öffnungszeiten saßen Raps und die anderen Damen gemeinsam um einen großen Tisch und zeigten ihre Handarbeitskunst: „Bis aus Bamberg und Scheßlitz sind die Leute gekommen, weil sie es gelesen haben.“

Wie sie auf das Hobby kam, erzählt sie, während sie nebenbei winzige Perlen auf einen abgemessenen Golddraht auffädelt, die dann die Blätter der Blüte werden: „Ich war in Kastl bei einem Kaffeekranz‘l und die Monika hat ein paar Bilder dabei gehabt. Sie hat gemeint, sie würde einen Kurs dafür halten.“ Das war 1999. Und auch heute ist sie von der feinfühligen Arbeit „immer noch voll begeistert“.

„Die Monika“ ist Monika Frisch aus Hessenreuth, die gerade auf der anderen Seite des Tisches damit beschäftigt ist, einen Rahmen mit Goldfaden zu umwickeln. Sie hat die Faszination für die Klosterarbeit mitgebracht, nachdem sie aus Niederbayern in die Oberpfalz gezogen ist. Hier hat sie 1996 die Gruppe gegründet, in der auch Rita Raps seit 20 Jahren mitarbeitet. Dabei geht es den Mitgliedern hauptsächlich nicht darum, etwas Religiöses zu machen, „auch wenn es welche gibt, die das behaupten. Aber ich glaub das nicht. Nicht mehr heutzutage“. Für Frisch und die anderen Künstlerinnen ist es „die Liebe zu alten Sachen“. Die Liebe zum Handarbeiten, Geschick für filigrane Arbeiten und auch etwas Spieltrieb seien aber ebenso gute Voraussetzungen für dieses Hobby, schließlich „schmückt man so etwas schon noch etwas mehr aus, macht da ein Schleiferl dort ein Blümchen“.

Während die „Chefin“ redet wird es am Tisch kurz leise und alle lauschen. Sie selbst sei besonders von den opulenten Stücken aus dem Barock begeistert, aber es gebe auch viele, die modernere Arbeiten machen würden. „Ich versuche, barocke Arbeiten nachzuempfinden und nachzuarbeiten. Und es ist auch sehr interessant, die alten Techniken herauszufinden“, beschreibt Frisch ihre Passion, in der sie in über 25 Jahren zu einer Expertin geworden ist. Inzwischen erhalte sie auch immer wieder Aufträge, um historische Klosterarbeiten zu restaurieren und so zu bewahren. Auch während des nachmittags im Vulkanmuseum kommt eine Besucherin mit einem Bild auf dem Smartphone zu ihr und fragt um Rat und Hilfe, um ihr Erbstück zu restaurieren.

„Letztens war erst wieder eine mit Klosterarbeiten bei ‚Wir in Bayern‘, aber die kommt nicht mal annähernd an unsere Monika ran“, sagt Raps und alle andere stimmen zu. Dementsprechend hoch ist auch der Anspruch der Gruppenmitglieder an die Materialien und die eigenen Werke: „Wir nehmen keine Plastikköpfe, sondern welche aus Wachs mit Mohair- oder echten Haaren. Keinen Plastikstoff, sondern Seide oder Klöppelspitze. Und auch keine Plastikperlen, sondern echte Kristalle und Gold- und Silberdraht.“ Streng sei die Chefin dann aber auch: „Sie nimmt die erst ab, wenn die wirklich so sind, wie sie sein sollen“.

Auf Raps ist der Funke der Faszination schon beim ersten Mal Ausprobieren übergesprungen: „Zuerst hab‘ ich mir gedacht: Oh Gott, nein, das ist nichts. Aber dann hat es mich so erfasst. Und es ist einfach auch was Schönes, etwas für die Ewigkeit zu schaffen und keinen Kitsch, den man nach ein paar Jahren wieder wegschmeißt.“ Die Familie fände die Arbeiten auch toll: „Meine Neffen und Nichten sind ganz narrisch darauf“. Wobei ihr eigener Mann und die Kinder schon mal gefragt hätten, ob sie nicht schon genug davon habe. „Aber da mach ich, was ich will“, lacht sie. In der Zwischenzeit ist sie bei der nächsten Blüte angekommen, die sie für ein Andachtsbild vorbereitet.

Neben der Begeisterung für die Arbeiten und die Techniken ist für sie auch die Ruhe und Erholung wichtig, die man bei diesem Hobby erfahren kann. „Es beruhigt mich. Ich gehe auch noch in die Arbeit und wenn ich weiß, heute Abend will ich noch etwas machen, dann freue ich mich schon direkt drauf.“ Es könne bis zur Meditation gehen, weil man sich sehr auf die Werkstücke und die Handgriffe konzentriere, meint eine der anderen Damen am Tisch in einer kurzen Gedankenpause: „Das macht einen dann fast süchtig.“ Was es am Abend noch zu tun gibt, hängt davon ab, welche „Hausaufgaben“ die Gruppenleiterin gibt. Sie schlägt mögliche Projekte vor und jeder erhält dann Vorlagen, Vorgaben und Informationen dazu, was und wie gearbeitet werden solle.

Ein paar Werke gibt es auch, auf die Raps besonders stolz ist. So habe sie die Arbeit am Waldsassener Kindel besonders fasziniert, weil es sehr aufwendig gearbeitet war, „und auch die Schwarze Madonna, die hat mich auch so begeistert. Die wollte ich schon immer mal machen“, schwärmt sie und deutet in Richtung der ausgestellten Figur. Das wohl wertvollste Stück in ihrer Sammlung ist der Klosterladen, den sie einer Vorlage im Museum Waldsassen nachempfunden hat. Auch ihn konnte man im Vulkanmuseum bestaunen – zur Sicherheit unter einer Glasabdeckung.

Die Arbeitsstunden, die in einem fertigen Stück stecken, seien schwer zu schätzen. Für ein Andachtsbild in der Größe eines normalen Bilderrahmens zum Hinstellen schätzt sie etwa „80 oder 100 Stunden“. Um die finanziellen Werte gehe es aber nicht. Im Vordergrund stehe die Tätigkeit selbst, die Entspannung und Konzentration und, „dass man einen Fortschritt und die eigene Entwicklung sieht“. Am Ende dieses Nachmittags hat Rita Raps dann vier, fünf kleine Blüten fertigt, die sie vorsichtig nebeneinander legt: „Eine Stunde ist da gar nichts. Da braucht man nicht mal anfangen.“

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