25.08.2020 - 09:57 Uhr
Kastl bei KemnathOberpfalz

"Als ob ich nie was anderes gemacht hätte": Hans Walter ohne Leerlauf ins Kastler Bürgermeisteramt

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Mal samstags bis 9 Uhr schlafen: Das kann sich Hans Walter seit Mai jetzt als Bürgermeister etwas öfters gönnen. Vorher war dies dem Kastler nur selten möglich. Dafür vermeidet er es nun, am Wochenende den Rasen vor seinem Haus zu mähen.

Zu Beginn der Corona-Pandemie hat sich Hans Walter ein E-Bike angeschafft, mit dem er in seiner Freizeit die Region erkundet oder das er für einen Abstecher hinauf zum Kastler Berg (Bild) nutzt.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

Hans Walter sitzt für das Gespräch mit Oberpfalz-Medien über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister entspannt in seinem Gewölbekeller neben seinem Wohnhaus. Vor drei Jahren hatte er angefangen, diesen zu renovieren. Damals war er neben seiner Tätigkeit bei Siemens Healthineers in Kemnath und als Kommunalpolitiker noch als nebenberuflicher Fotograf eingespannt. "20-Stunden-Tage waren und sind mir nicht fremd", blickt er an einem selbst gefertigten Eichentisch auf die Zeit vor der Kommunalwahl am 15. März zurück. Bei unter anderem etwa 15 bis 20 Hochzeiten im Jahr habe er fotografiert, meist an den Wochenenden. "Oft von 8 bis 24 Uhr, das ist harte Arbeit."

Dazu durchschnittlich 35 Stunden pro Woche bei Siemens in der Montage sowie seit Jahren die Aufgaben als CSU-Ortsvorsitzender und seit 2014 Fraktionssprecher im Gemeinderat. Früh habe man sich in der Fraktion dafür ausgesprochen, dass Walter Bürgermeisterkandidat werden soll. So verbrachte er vor allem die vergangenen drei Jahre mit vielen Terminen, auch mit Seminaren zur Vorbereitung auf mögliche neue Aufgaben.

Seit der Kommunalwahl lässt der 37-Jährige sein Fotogeschäft weitgehend ruhen. Da er auch wegen der Aufwandsentschädigung für das Bürgermeisteramt das "enge Korsett der Freiberuflichkeit" habe ablegen können, sei er nun samstags öfters daheim, auch weil in der Coronazeit kaum oder keine Vereinstermine, Sitzungen und Feste für ihn als Gemeindechef anstehen.

Nach Siemens ins Rathaus

Zwar habe er als solcher auch Phasen, "in denen man 24 Stunden Vollgas geben muss", doch die Arbeitstage seien jetzt mehr oder weniger kürzer und stellenweise entspannter, berichtet der Junggeselle. Diese beginnen zwischen 5 und 8 Uhr bei Siemens, danach sei er mehrere Stunden in seinem Büro im Kemnather Rathaus, um den Posteingang zu sichten, sich um Themen im Kinderhaus und im Bauhof zu kümmern, Grundstücksverhandlungen und Arbeitsgespräche zu führen oder Gemeinderatssitzungen vorzubereiten. Dienstagabends biete er Bügersprechstunden an, ebenso donnerstagvormittags, "aber hier mit tendenziell mehr Senioren", lacht Walter.

Er ist in Kastl aufgewachsen, die Leute kennen ihn. Und umgekehrt. Dennoch bemerkt er bei manchen, dass sie mit ihm jetzt anders umgehen. Diese meinten, "die reden jetzt mit dem Bürgermeister, der nun alles richten kann". Doch diese Ansicht rückt er in solchen Fällen wie Nachbarstreitigkeiten zurecht. Hier könne man es nur falsch machen. "Wer glaubt, Recht zu haben, müsse das notfalls juristisch klären. Das kann nicht der Bürgermeister regeln." Zudem habe der Bürger ein ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit, weshalb man nicht willkürlich agieren kann.

Keine Sympathien erkaufen

Wiederholt zu hören bekommen hat Walter auch Sprüche wie "Jetzt kommt der Bürgermeister, der kann nun die Zeche zahlen". Damit habe er zwar grundsätzlich kein Problem, "es darf aber nicht der Eindruck entstehen, sich Sympathien erkaufen zu wollen. Das geht schnell nach hinten los". Als Rathauschef habe er schon festgestellt, dass die "Leute genau hinschauen, mit wem man sich abgibt". Man werde stellenweise beobachtet und es werde registriert, was man sage und mache.

Ein weiterer Standartsatz sei "Weil ich dich grad sehe ...": Da sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es ein längeres Gespräch werden kann, spricht Walter aus Erfahrung. Daher mähe er am Freitagnachmittag oder Samstagvormittag vorm Haus nur noch selten seinen Rasen. Vorsichtig ist er auch mit spontanen Einladungen zum gemütlichen Zusammensitzen geworden. Einmal habe es "vier Stunden Dauerbeschallung" mit allen möglichen Fragen gegeben: "Das war wie in einer Bürgerversammlung." Daher nehme er sich künftig durchaus auch die Freiheit zu sagen, "dass ich jetzt Freizeit habe" und bei drängenden Anliegen gerne ein Termin im Rathaus ausgemacht werden könne. "Das hat nichts mit mangelnder Bürgernähe zu tun", betont er. Er wolle nur nicht ständig darauf achten, etwas Unpassendes zu sagen, "denn bei vielen privaten Themen ist man schnell im Bereich der Nichtöffentlichkeit und das könnte in größerer Runde problematisch werden".

Ich war nie ein großer Freizeitaktivist.

Hans Walter

Entspannung findet Walter gleich vor der Haustür. "Ich war nie ein großer Freizeitaktivist." Sein letzter klassischer Urlaub sei 2009 eine dreiwöchige Studienreise nach Indien gewesen. 2014 folgte ein fünftägiger Fotoworkshop auf Mallorca. Nach der Kommunalwahl wollte er sich drei bis vier Wochen auf eine Finca im Landesinneren der Baleareninsel zurückziehen, doch da habe es sich schon abgezeichnet, dass dies wegen Corona schwierig werden könnte. Daher hat sich der 37-Jährige nach der Wahl rasch ein E-Bike zugelegt und seit Mitte März damit rund 2000 Kilometer in der Region zurückgelegt. Burgruine Weißenstein, Bocklradweg oder Windischeschenbach waren einige der Ziele. Seitdem er mit dem E-Bike zu Besuch am Fichtelsee war, wisse er auch, "was es heißt, eine schlechte innerörtliche Straße zu haben".

Eingehend auf sein Körpergewicht gibt er zu, mit einem normalen Fahrrad diese Touren nicht bewältigen zu wollen. "Dafür bin ich zu faul", doch die Beseitigung seiner persönlichen "Lockdown-Schäden", wie er seine neuen Pfunde nennt, sei eine Aufgabe für die nächsten Monate. Da er als Bürgermeister den ganzen Tag viel sitze, wolle er im Terminplan auch sportliche Betätigung mit einplanen.

Rosen und keine passende Frau

Seit zwei Jahren ist der Kastler "bemüht, mir Kenntnisse in der Rosenzucht anzueignen". Während des Lockdowns habe er sich zum Beispiel Youtube-Videos über den richtigen Schnitt angeschaut. Mit durchwachsenem Erfolg, denn nicht alle seien heuer wieder ausgetrieben. Auch zieht er in kleinen Hochbeeten auf der Terrasse unter anderem Tomaten und Salat. Gelernt hat er mittlerweile, dass "Knochenmehl ein sehr guter Dünger ist, den auch Hunde gerne mögen".

Fast zwei Drittel der Kastler Wahlberechtigten wollten Hans Walter als Bürgermeister

Kastl bei Kemnath

In seiner Freizeit liest der CSU-Ortsvorsitzende Biografien oder Literatur über die bayerische Geschichte. "In abgespeckter Form" setzt er auch seine Heimatforschungen fort. Da heuer der Historische Erntedankzug wegen der Pandemie ausfallen muss, könne er nun die Geschichte der Veranstaltung besser aufbereiten, zum Beispiel im Hinblick auf soziale Medien. Da solle auch der Wandel Kastls weg vom früheren Bauerndorf aufgezeigt werden. Dieses und weitere Themen möchte er "so visualisieren, dass es der Jugend verständlich dargestellt werden kann".

Und was die weitere Lebensplanung angeht: In den Wahlversammlungen habe er sich immer auch als "erfolgreicher Dauersingle" vorgestellt und die Gäste dazu ermuntert, ihm Tipps für eine passende Lebensgefährtin zu geben ("Dann war das gleich erledigt"). Doch aktuell gingen noch keine nennenswerten Hinweise ein.

Hintergrund:

Start im Amt und Ziele für die Gemeinde Kast

Ab dem ersten Tag im Amt hat es laut Hans Walter wenig Leerlauf gegeben. Nach sechs Jahren im Gemeinderat sei er zu 90 Prozent in die Themen involviert gewesen und habe sich nur auf den letzten Stand bringen müssen. Stellenweise komme es ihm so vor, „als ob ich noch nichts anderes getan hätte“.

In der VG Kemnath habe er den Eindruck von Beginn an, „auf Augenhöhe akzeptiert zu werden“. Die Mitarbeiter dort schätzt er als sehr kompetent, engagiert und zuvorkommend. Ein Vorteil sei, dass Kemnaths Bürgermeister Roman Schäffler wie er ebenfalls erst im neuen Amt ankommen musste und so beide in der gleichen Situation seien. Ihnen sei Geschäftsstellenleiter Reinhard Herr, der sie sehr gut unterstütze, eine große Hilfe. Nicht besser vorstellen könne er sich die Zusammenarbeit im Gemeinderat. Das Arbeitsklima habe sich seit der Wahl spürbar verbessert. Dies sei Grundlage dafür, weiter erfolgreich zu sein. Er selbst werde nicht immer alles richtig machen, daher sei er offen für begründete Kritik.

Walter wundert sich noch über die Vielzahl von Unterschriften, die er leisten müsse, selbst für die Niederschlagung von Cent-Beträgen. Dies müsse die Verwaltung bis zu einem bestimmten Betrag künftig alleine machen können. Ein Ziel sei, „solche Relikte aus alter Zeit“ unter Wahrung der Rechtssicherheit zu optimieren. Auch wenn im Vergleich zu Kemnath, unter anderem mit Realschulneubau, Kläranlagensanierung und Brauhausareal, die Kastler Themen überschaubarer seien, sei in der VG ein Bewusstsein dafür da, dass auch in Kastl große Projekte anstehen. In den nächsten Monaten sollen Strategien entwickelt werden, um zu klären, „was wollen wir, was können wir uns leisten und wie können wir es erreichen“.

Die Gemeinde werde im Haushalt 2021 in die Verschuldung gehen müssen, unter anderem wegen der Erschließung des Baugebiets Lettenwiese II (Erweiterung) und eines neuen Bauhofgebäudes.

Info:

Ziele

  • Straßenbau: Die Verbindungsstraße Mühlhof–Weha soll breiter ausgebaut werden. Ebenso soll in diesem Bereich der Hochwasserschutz verbessert werden. Mit der Verwaltung sollen die innerörtlichen Straßen auch in Ortsteilen begutachtet und ein Straßenkataster erstellt werden.
  • Baugebiet Lettenwiese II: Nach der Sommerpause sollen der endgültige Aufstellungsbeschluss fallen und die Erschließungsplanung für 29 Parzellen in Auftrag gegeben werden. Der Bürgermeister hofft, dass im Spätherbst 2021 dann der erste Bauherr loslegen kann.
  • Rathaussanierung: Hier möchte Walter eine Grundsatzdiskussion hinsichtlich eines Raumkonzeptes anstoßen, um eine größtmögliche Förderung für das 120 Jahre alte Anwesen zu erhalten.
  • Kindergarten: Laut Gemeindetag soll es ab 2025 einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung aller Kinder bis zwölf Jahre bis 17 Uhr geben. Eine solche bietet die Gemeinde ab September bereits für 40 Schulkinder an. Angesichts von derzeit 120 Kindern im Kinderhaus Pusteblume erwartet Walter, in den nächsten Jahren wahrscheinlich an die Kapazitätsgrenze zu stoßen.
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