10.06.2021 - 11:16 Uhr
KemnathOberpfalz

Landwirte und Jagdpächter retten Rehkitze

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Jahr für Jahr fallen Rehkitze den Mähwerken zum Opfer. Mit dem Einsatz von Drohnen kann ihr Tod verhindert werden. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jägern gefragt. Im Raum Kemnath geschieht das bereits.

Wenn die Mahd der Landwirte für Heu und Silage beginnt, liegen in dem hohen Gras oft Rehkitze versteckt. Um die Tiere vor schweren Verletzungen oder dem Tod zu retten, arbeiten Landwirte und Jagdpächter eng zusammen.
von Christa VoglProfil

Matthias Schiml aus Schweißenreuth ist Vollerwerbslandwirt. Gras für Heu und Silage zu mähen, gehört zu den ganz normalen Arbeiten auf dem Hof. Begonnen wird damit Anfang Mai, abhängig von der Witterung. Das Problem: Dann beginnt auch die Setzzeit der Rehkitze, also die Zeit, in der die Kitze geboren werden und sich für eine Dauer von vier bis fünf Wochen im hohen Gras versteckt halten.

Noch bis vor ein paar Jahren versuchten Landwirte, den Rehnachwuchs mit verschiedenen Vergrämungsmethoden und dem "Anmähen" der betroffenen Wiesen vor dem Tod zu bewahren. "Es wurde einmal rund um die Wiese herumgemäht und einmal in der Mitte durch. Danach wurden in Abständen Scheuchen aufgestellt, meist Pfähle mit Flatterleinen, die sich im Wind bewegen", sagt Schiml. Das Ziel: Die Rehgeißen in Alarm versetzen. Sie dazu bringen, ihre Kitze im Laufe der nächsten Nacht aus der hoch stehenden Wiese zu holen und dem Nachwuchs einen geschützten Platz im Wald zu suchen.

Rehkitzsuche mit Drohnen

Seit einigen Jahren hat sich die Strategie grundlegend geändert. Zur Rehkitzsuche werden immer öfter Drohnen eingesetzt. Allerdings sind es nicht die Landwirte, die sich die Technik anschaffen und steuern, sondern im Normalfall Vereine, die sich die Rehkitzrettung auf die Fahnen geschrieben haben, Privatpersonen oder auch Jagdpächter des jeweiligen Reviers. Zum Beispiel Herbert Tretter, der für das Jagdrevier Atzmannsberg-Köglitz zuständig ist. "Heuer habe ich bereits 400 Hektar mit meiner Wärmebild-Drohne abgeflogen. Und wir haben dadurch schon 112 Kitze retten können", sagt Tretter.

Und wenn Tretter von "wir" spricht, meint er sich und sein Team: Er fliegt die Drohne, kontrolliert die Aufnahmen, schließt aus den leuchtenden Wärmepunkten, wo sich auf der abgeflogenen Fläche ein Kitz befindet und gibt einem seiner Helfer per Handy Bescheid. Die Suche beginnt. Obwohl der ungefähre Ort bekannt ist, bleibt es schwierig, das betreffende Rehkitz zu finden. Sowohl Bruno Ponnath, Hegeringleiter aus Kemnath und Pächter des Reviers Kastl 1 als auch Rainer Bayer, zuständig für das Revier Guttenberg/Schweißenreuth, sind regelmäßig Teil des Helferteams und kennen die Problematik: "Du gehst einen Meter an dem Ort vorbei, wo sie sich ins Gras ducken. Du siehst sie nicht, sie ringeln sich ein, sind ganz unscheinbar", sagen die beiden Jagdpächter.

Tier wird unter einem Korb fixiert

Ist das Kitz schließlich gefunden, wird der zweite Helfer informiert, der dann an den Fundort kommt, über den kleinen Findling einen durchbrochenen Korb stülpt und diesen mit zwei Pfählen befestigt. Auf diese Weise ist das Kitz "fixiert" und somit geschützt. Aber wäre es nicht besser, das Kitz ganz einfach an den Waldrand zu tragen, damit es dort von seiner Mutter abgeholt werden kann? Rainer Bayer schüttelt den Kopf: "Die Gefahr ist dabei groß, dass die Kitze, die bereits laufen können, wieder zurück ins hochstehende Gras laufen", sagt er.

Er erklärt die weitere Vorgehensweise: Am Morgen darauf wird die Wiese vom Landwirt gemäht, nur rund um die Körbe mit den Kitzen bleibt das Gras stehen in Form von kleinen runden Inseln. Ist die Mahd abgeschlossen, werden die Pflöcke und der Korb in der Regel durch die Jagdpächter entfernt, und das Kitz ist wieder frei. Entweder es wird an den Waldrand getragen oder stakst auf der Suche nach Schutz selbst dorthin, wo es im Laufe des Tages von seiner Mutter abgeholt wird.

"Wichtig ist vor allem, dass die Landwirte am Tag zuvor anrufen, damit wir uns darauf einrichten können", sagt Tretter, der in den vergangenen Tagen kaum zum Schlafen gekommen ist. Drohneneinsätze finden meistens zwischen 1 Uhr nachts und früh um 8 Uhr statt. "Sobald die Sonne aufgeht, stößt die Technik der Wärmebildkamera an ihre Grenzen." Denn dann lasse sich ein Rehkitz oft nicht mehr von einem Ameisenhaufen oder Ochsenzungenblättern unterscheiden. Viel besser sei die Erfolgsquote in der Nacht, wo die Bilder der Drohne "komplett schwarz seien" und nur ab und zu ein kleiner roter Punkt - im Normalfall ein Kitz - herausleuchtet.

Aber ist diese Technik wirklich notwendig? Immerhin konnten früher mit den einfachen Flatterleinen auch Rehkitze gerettet werden. Matthias Schiml schüttelt den Kopf. "Früher waren die Betriebe viel kleiner. Wenn die Heumahd anstand, dann handelte es sich dabei oft nur um zwei Hektar." Heute würde es sich aber oft gleich um über 30 Hektar handeln. "Und es ist einfach nicht möglich, diese großen Flächen mit Scheuchen auszustatten und abzugehen."

Für Matthias Schiml ist auch der Aspekt des Tierwohls wichtig. Aus eigener Erfahrung weiß er: "Es ist einfach brutal, wenn du beim Mähen ein Kitz vermähst. Oft ist es nicht tot, sondern schwer verletzt. Ihm fehlt ein Bein, es fiept, es schreit vor Schmerzen und Angst. Wenn dir so etwas passiert, möchtest du auf der Stelle mit allem aufhören." Durch den vermehrten Einsatz von Drohnen - auch Multicopter genannt - können solche Situationen vermieden werden. "Es gibt inzwischen auch verschiedene Förderungen für die Anschaffung der Drohnen. Das Interesse der Jäger ist ebenfalls da. Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren eine Dichte erreichen können, die flächendeckend ist", sagt Ponnath.

Ein Gewinn für alle Beteiligten

Und das sei eine "Win-win-Situation". Nämlich für die Landwirte, die ihre Hegeverantwortung in die Hände der Jäger legen und im Anschluss daran mit ruhigem Gewissen die Mahd für Heu oder Silage beginnen können. Dann auch für die Jäger, die einerseits im Rahmen ihrer Aufgaben Rehwild schießen und andererseits das Tierwohl nicht aus den Augen verlieren dürfen. Vor allem aber für die Rehkitze, die nicht mehr tausendfach den Mähwerken der Traktoren zum Opfer fallen müssen.

In Ebnath unterstützt die Gemeindejagd die Landwirte bei der Rehkitzrettung mit Drohne

Ebnath

Auch die Kinder der Feuerdrachen in Immenreuth beteiligten sich bei der Rehkitzrettung

Immenreuth
Hintergrund:

Wer ist verantwortlich, dass die Wiese auf Kitze abgesucht wird?

Diese Frage beantwortet unter anderem der bayerische Landesjagdverband:

  • Primär ist der Landwirt verantwortlich, die Wiesen nach den Tieren abzusuchen. Es gilt das sogenannte Verursacherprinzip.
  • Der Landwirt hat alle Vorsorgemaßnahmen zu treffen, damit Rehkitze bei der Mahd nicht verletzt oder getötet werden.
  • Der Landwirt kann einem Dritten diese Aufgaben übertragen, der diese dann zuverlässig ausführt. Er ist jedoch dann von seiner Pflicht nicht entbunden.

„Heuer habe ich bereits 400 Hektar mit meiner Wärmebild-Drohne abgeflogen. Und wir haben dadurch schon 112 Kitze retten können.“

Herbert Tretter, Jagdpächter im Revier Atzmannsberg-Köglitz

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