25.08.2021 - 18:16 Uhr
KemnathOberpfalz

Vom Steinzeit-Feuerzeug bis zur Feuerwaffe

Einst diente es als Gefängnis, heute ist es ein echtes Kleinod: Das Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum in Kemnath überrascht mit der Bandbreite seiner Exponate.

Um den Besuchern die Funktion und den Nutzen der Handfeuerwaffen von damals zu erklären, nimmt Hans Rösch diese 4,5 Kilogramm schwere Steinschlossflinte in die Hand. Um das wertvolle Exponat zu schonen, zieht er extra Handschuhe an.
von Ulla Britta BaumerProfil

Wenn Hans Rösch, der Ehrenvorsitzende des Heimatkundlichen Arbeits- und Förderkreis Kemnath und Umgebung e. V. (HAK), das Portal zur Fronveste aufsperrt, knarzt und ächzt die schwere Tür, als würde sie all das Leid und die Schmerzen der Vergangenheit mitteilen wollen. Unweigerlich duckt sich der Besucher beim Eintreten des im 17. Jahrhundert erbauten Gebäudes ein wenig ob der Gewissheit, in ein ehemaliges Gefängnis zu gehen. Doch das ist lange her: Seit 1984 ist das denkmalgeschützte Gebäude zum Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum ausgebaut.

Viel Platz auf zwei Etagen

Die Führung durch das Museum beginnt im Erdgeschoss. Der „Hausl“, wie Hans Rösch sich selbst bezeichnet, tut hier seinen Dienst bereits seit Jahrzehnten. Er gehört dem Team des Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums Kemnath an und unterstützt den Museumsleiter Dr. Bernhard Piegsa bei der Museumsbetreuung. Das Museum bietet auf zwei Stockwerken viel Platz, auch für Sonderausstellungen wie die über Schloss Wolframshof. „Dafür haben wir diesen Raum“, erklärt Rösch im Erdgeschoss.

Die Abteilung Vor- und Frühgeschichte unter der Leitung von Hans Bäte entführt den Besucher in die Zeit des heutigen Kemnather Landes vor 250 Millionen Jahren bis zu den jüngsten Gräberfunden im Raum Wirbenz und am Rauhen Kulm. Noch vor wenigen Jahren herrschte die Meinung vor, die Gegend wäre in der Steinzeit nicht von Menschen besiedelt gewesen. Funde von Feldbegängen widerlegen das, und die Besiedlungsgeschichte der Region musste neu geschrieben werden. Hobbyarchäologe Bäte sammelt mit seiner Arbeitsgruppe Vor- und Frühgeschichte auf den Fluren von Kemnath immer wieder Kleinode ein. Auch das Auge von Hans Rösch ist längst geschult für die Jahrtausende alten Relikte der Kemnather Kultur. Unter den Exponaten gibt es wahnsinnig alte Dinge, wie die Replik eines "Pebble tool", auf Deutsch "Geröllgerät". Das Original wurde am Rauhen Kulm gefunden, sein Alter kann sich zwischen 500 000 und 1,2 Millionen Jahre bewegen. „Ein Sensationsfund für unsere Gegend“, sagt Rösch.

Mitmachecke für Kinder

Kemnath lag vor rund 250 Millionen Jahren am Meer, das belegen unter anderem Wirbel und Rippenteile von drei verschiedenen Fischsauriern aus der Gruppe von Meeresreptilien, die bei Flurbegängen im Raum Eisersdorf gefunden wurden. Die Echsen waren bestens an ein Leben im Wasser angepasst und traten das erste Mal vor 245 Millionen Jahren auf. In einer Ecke ist ein Steinzeit-Arbeitsplatz für Kinder eingerichtet. „Hier können sie spielerisch lernen, wie die Neandertaler lebten“, erklärt Rösch. Bäte zeigt den Buben und Mädchen mit echten Flintsteinen das Feuermachen. Dann dürfen sich die Kinder selbst im Funkenschlagen versuchen und auch Pfeilspitzen, Schaber oder Mittelalterschmuck herstellen. Wer sich in dieser Abteilung Zeit nimmt, lernt die Evolution der Menschheit näher kennen.

Hans Rösch führt seine Gäste im ersten Stock in die Originalzellen der Fronfeste des Landrichters auf Burg Waldeck. Der „Hausl“ weiß schauderhafte Geschichten von Gefangenen, von Folter und Hinrichtung zu erzählen. Überlieferte Schicksale und die nahezu original erhaltenen Zellen lassen die Geschichte lebendig werden. Die Angst vor Folter und Tod scheint sich in die Gefängnismauern eingebrannt zu haben. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn plötzlich die Zellentür hinter einem zuschlägt – für immer? „Wer nicht gestehen wollte, dem hat man einen Stein auf die Brust gelegt“, erzählt Rösch mit Fingerzeig auf einen Granitstein, den selbst ein bärenstarker Mann kaum heben kann. Nur wer gestand, wurde den Stein wieder los und überlebte vielleicht. „Deshalb gibt es heute das Sprichwort: Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, erklärt der kundige Führer. An den Zellwänden sind schöne Malereien zu sehen. Damit hätten sich gefangene Kirchenmaler, die oft „wild zechten“ und nicht zahlten, die Zeit vertrieben, berichtet Rösch. Und in der Ecke steht die Schandgeige, die bei zänkischen Weibern zur Anwendung kam.

Erste bayerische Waffenmanufaktur

Der zweite Stock des Museums beherbergt in der Abteilung "Fortschau" Handfeuerwaffen aus der ersten bayerischen Waffenmanufaktur des Kurfürsten Max II. Emanuel. „Unser Museum ist wegen der Einmaligkeit dieser Ausstellung Schwerpunktmuseum für diese Waffen“, weiß Rösch. Nach einem schlechten Start in Fichtelberg wurden in Fortschau, einem Ortsteil von Kemnath, von 1689 bis 1801 Handfeuerwaffen für das bayerische Militär sowie Jagd- und Scheibenbüchsen hergestellt. Dann wurde die Produktion nach Amberg verlegt.

Im Herzstück des Museums zieht sich Rösch Handschuhe über. Dann erst nimmt er die alte Steinschlossflinte in die Hände. Sie ist 4,5 Kilogramm schwer und stammt aus der Zeit um 1750. Rösch demonstriert, wie die Flinte geladen wurde, wie schwer diese Waffen waren und wie sie gehandhabt wurden. „Jeder im Alter von über 18 Jahren musste damals am Sonntag schießen gehen, sonst wurde er bestraft“, heißt es aus der Überlieferung. Aus dieser Pflicht seien später die Königlich-Privilegierten Schützengesellschaften entstanden.

Vergangenheit und Zukunft

Die Waffenabteilung ist Röschs Spezialgebiet. Zu jeder Flinte oder Pistole kennt er eine lehrreiche oder spannende Geschichte, etwa wem sie gehörte und ob sie für die Jagd, das Militär oder zum Scheibenschießen gebaut wurde. Gern hört man dem „Hausl“ beim Erzählen zu. In der Waffenabteilung endet die Museumsführung dann auch. Über die Treppen hinab und hinaus durchs Portal geht es zurück in die Gegenwart. Für manche beginnt in den alten Mauern indes die Zukunft: Paare können hier seit einiger Zeit im historischen Ambiente den Bund der Ehe schließen.

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Service:

Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath

  • Geöffnet Sonntag von 14 bis 16 Uhr sowie jeden ersten Sonntag im Monat zusätzlich von 10 bis 12 Uhr, der Eintritt ist frei.
  • Termine für Sonderführungen ab 6 Personen nach Vereinbarung, Mail: museum-kemnath[at]web[dot]de oder bei Kerstin Hörl, Tel. 09642/707709, Mail kerstin.hoerl[at]kemnath[dot]de
  • Geeignet für Einzelpersonen, Paare, Gruppen, Familien und Kinder, Erdgeschoss barrierefrei,
    Parkmöglichkeiten vor dem Museum und auf dem nahen Marktplatz.
  • Weitere Information online unter www. hakkem.de. oder im Schaufenster Turmdurchgang Kemnath.
  • Weitere Tipps in und um Kemnath: Sonderausstellung "Musikeum" mit Musikautomaten neben dem Museum,
    Geo-Erlebnis-Weg Kemnather Land,
    Kemnather Karpfenweg,
    Wanderung zum Rauen Kulm,
    Besichtigung der Burgruine Waldeck,
    Einkaufsbummel im nahegelegenen Bayreuth
Einst war die Fronveste ein Gefängnis, seit 1984 dient sie als Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum.
Im Eingangsbereich des Museums kann dieses Hochrad bewundert werden.
In der Steinzeit-Arbeitsecke zeigt Hans Rösch den Kindern, wie mit Flintsteinen einst Feuer gemacht werden konnte.
Dieses uralte Steinzeitmesser ist ein ganz außergewöhnliches Fundstück.
In der Gefängniszelle haben sich Häftlinge mit Wandmalereien verewigt.
Die Fahne des Kriegervereins Kemnath 1877.
So könnten die Büchsenmacher ausgeschaut haben.
In den Vitrinen sind die Waffen unterteilt in Militärwaffen und Jagdwaffen der edlen Herren.
Der Stempel der Fortschauer Waffenfabrik, eingeprägt in das Metall am Abzugshahn der Flinte.
Auch eine Pistole ist unter den Exponaten.
Die Waffen der edlen Herren wurden mit aufwendigen Intarsien im Holzknauf verziert.
Die Handfeuerwaffen in den Vitrinen sind sehr interessant. Vor allem die Männer dürften ihre Freude daran haben.

 

 

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