22.07.2020 - 14:12 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Elisabethenheim und Schulgebäude: Ganze Gemeinde hat mitgebaut

Grünes Licht für den Bürgerentscheid in Kirchenthumbach. Am 27. September stimmen die Einwohner über den Absriss der alten Schulgebäude ab. Deren Geschichte geht teils zurück bis ins Jahr 1913.

von Fritz FürkProfil

Es steht fest – der Marktgemeinderat gibt dem Bürgerbegehren und damit dem Bürgerentscheid zum Erhalt der beiden Schulgebäude und des Elisabethenheims grünes Licht. In geheimer Wahl können die wahlberechtigten Bürger von Kirchenthumbach am Sonntag, 27. September, ihr Votum abgeben Dabei entscheidet nicht allen die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Die Mehrheit muss aus mindestens 20 Prozent der Wahlberechtigten resultieren. Derzeit sind in der Gemeinde 2600 Personen wahlberechtigt.

Die Interessengemeinschaft "Bürgerbegehren - Bürgerentscheid", vertreten durch Hermann Hummler, Rosi Schuller, Martin Kohl, Peter Eller, Gerhard Seemann und Gerhard Dettenhöfer ist es in drei Tagen gelungen, 665 gültige Unterschriften zu sammeln. Bei der Abstimmung wird die Frage lauten: "Sind Sie dafür, dass die bestehenden Schulgebäude und das Elisabethenheim dauerhaft erhalten bleiben und nicht abgerissen werden." Die drei Gebäude stellen ein ortsprägendes Ensemble dar, das den Ort auszeichnet. Mit dem Abriss würde ein Stück Ortsgeschichte zerstört, argumentieren sie. Stattdessen sollten die Gebäude einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden, lautet ihr Standpunkt.

Bürgerentscheid kommt: Entscheidung über alte Schulgebäude in Kirchenthumbach

Kirchenthumbach

Die Entstehung dieser drei historischen Häuser ist hoch interessant. Alle drei Gebäude entstanden in einer Zeit, als Geld knapp war. Bürgermeister Alois Lotter sagte einmal: "Um die Schulen bauen zu können, mussten sich die Bürger das Geld vom Mund absparen und selbst die Kinder mussten mitarbeiten." Einige mutige Männer und Frauen gründeten im Jahr 1911 den Elisabethenverein. Mit dieser historischen Entscheidung war auch der Weg frei für ein kleines Kloster und einen Kindergarten, der zwei Jahre später am 25. Mai 1913 seinen Betrieb aufnehmen konnte.

Zunächst bedurfte es eines eigenen Grundstücks. Theresia Seemann, die ein kleines Häuschen besaß, in dem sie einen Krämerladen betrieb, schenkte das Gebäude mitsamt dem Grundstück dem Elisabethenverein, jedoch mit der Auflage, dass sie bis zu ihrem Tode darin ein Zimmer bekommt und das Wohnrecht erhält.

Der gesamte Bau nebst Instandsetzung und Einfriedung des 60 Dezimal großen Gartens kostete 20.500 Mark. Die Vereinsmitglieder haben die Transporte des Materials mit Pferden, Ochsen und Kühen kostenlos erledigt. Das nötige Bauholz wurde gestiftet. Schon bald war der Elisabethenverein stolzer Besitzer des architektonisch gelungenen Hauses. Am 25. Mai 1913 sind die Schwestern von der Generaloberin Innocentia eingezogen. Pfarrer war damals Alois Gmeiner und Bürgermeister Martin Böhm.

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Ein Musterschulhaus im ganzen Bezirk

Unter Federführung von Pfarrer Leonhard Zechmeier und Bürgermeister Jakob Prüschenk wurde bereits im Jahre 1925, nachdem die Bevölkerungszahl rapide gestiegen war, der Bau eines Mädchenschulhauses ins Auge gefasst. Die Eschenbacher Volkszeitung zitierte am 2. Oktober 1928 aus Anlass der Einweihung Pfarrer Zechmeier mit den Worten: "Überraschend schnell ist in Kirchenthumbach ein neues Mädchenschulhaus entstanden. Zwei klösterliche Lehrkräfte aus dem Orden der armen Franziskanerinnen Dillingen werden in Zukunft Unterricht erteilen. Die beiden Lehrschwestern sind nur im schwäbischen Kloster, aber keine gebürtigen Schwäbinnen, sodass die Eltern keine Angst haben brauchen, die Kinder verstehen dieselben nicht. Seit Jahren war in Kirchenthumbach wegen vermehrter Kinderzahl ein vierter Lehrsaal nötig. In Ermangelung desselben musste Abteilungsunterricht gegeben werden."

Am 10. September 1927 wurde der erste Stein zum Grundmauerwerk des Schulhauses gelegt, nachdem 800 Kubikmeter Erde mit Pickel und Schaufel ausgehoben waren und mit den Pferd des Braueibesitzers Martin Dobmann wegtransportiert wurden. Schon nach fünf Wochen konnte der Dachstuhl aufgesetzt werden. Die ganze Arbeit leisteten in dieser Zeit zehn Maurer und neun Handlanger. 120.000 Ziegel (Reichsformat) wurden verarbeitet und 450 Kubikmeter Quadersteine. Der Chronist von damals schrieb: "Viele wunde Hände und Schweißtropfen gab es her, bis diese großen Prachtstücke von Steinen an Ort und Stelle waren." Das Gebäude ist 25 Meter lang, 17 Meter hoch und zehn Meter breit.

Der Weiheakt des neuen Schulhauses wurde am 29. September 1928 durch Schuldekan, Geistlichen Rat Lommer unter Assistenz von Kooperator Iberle, vollzogen. Im Namen der politischen Gemeinde sprach Bürgermeister Prüschenk. Bezirksschulrat Binapfel bezeichnete das neue Schulhaus als das schönste und zweckmäßigste im ganzen Bezirk und man könne hier sehen, was durch Einigkeit und Zusammenarbeit erreicht werden könne.

Hand- und Spanndienste waren gefordert

Durch die Erweiterung des Truppenübungsplatzes im Jahre 1938 siedelten sich viele Familien in und um Kirchenthumbach an. Hinzu kam der Zustrom der Heimatvertriebenen. Die Einwohnerzahl der Marktgemeinde hat sich im Jahr 1946 mehr als verdoppelt. Die Schulraumnot wurde zum besonderen Sorgenkind der Gemeinde. Der Marktgemeinderat mit Bürgermeister Hans Schuller beschloss am 15. Juni 1953 den Erweiterungsbau des Mädchenschulhauses, respektive den Bau eines Knabenschulhauses mit Kindergarten. Schuller verstarb am 24. Oktober 1954. Zu seinem Nachfolger wurde Alois Lotter gewählt.

Mit den Bauarbeiten wurde im September 1955 begonnen. Schon am 21. September 1955 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Nach einer Bauzeit von nur zweieinhalb Monaten war der Bau soweit fortgeschritten, dass am 12. Dezember 1955 in feierlicher Form das Richtfest gefeiert wurde. Bereits bei der Bürgerversammlung am 1. Oktober 1954 im Josefshaus erläuterte Bürgermeister Schuller die Kosten des Projekts. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 200.000 Mark. Der Finanzierungsplan sah vor: 50.000 Mark Staatszuschuss, je zwei Darlehen zu 40.000 Mark. Somit blieben 70.000 Mark Eigenleistung der Gemeinde. Der Eigenanteil verminderte sich durch billiges Baumaterial, das durch den Abbruch des Luisenhofes gewonnen wurde.

Die männlichen Gemeindemitglieder von 18 bis 50 Jahren mussten Hand- und Spandienste leisten. Eingespannt wurden auch die Schulkinder. Die Ziegel (Backsteine) vom Luisenhof waren noch mit Mörtel behaftet. Die Schüler der Abschlussklasse mussten während der Unterrichtszeit die Steine von den Mörtelresten befreien. Jeder Schüler musste während der Unterrichtszeit 250 Steine bearbeiten. Doch die Burschen kamen nicht hinterher.

Die Gemeinde machte den Schülern ein Angebot: Für jeden außerhalb der Unterrichtszeit geputzten Stein sollten sie einen Pfennig erhalten. Verlockend, denn mit zehn Pfennigen konnte man sich damals eine Kugel Eis leisten. Umso größer war die Enttäuschung, als die Schüler nach Abschluss der Aktion nichts von dem versprochenen Lohn sahen. Niemand wollte sich an die Abmachung erinnern. Die Buben klagten: "Die Gemeinde hat als Anerkennung nicht einmal eine Brotzeit und ein Limo für uns übrig gehabt."

Die feierliche Einweihung in Form eines Festaktes ging am Sonntag, 23. Dezember 1956 über die Bühne. Die kirchliche Weihe, der ein Festgottesdienst voraus ging, vollzog Pfarrer Josef Bollmann.

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