17.11.2020 - 11:47 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Die Kirchenthumbacher Kriegerdenkmäler: Stein gewordene Zeugen des Kriegswahnsinns

Das Kirchenthumbacher Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs hat eine bewegte Geschichte. In den 1970er Jahren entgeht es knapp dem Schreddern und ist dann jahrelang im Exil, bevor es eine neue Heimat findet.

Fast 100 Jahre alt ist das Kirchenthumbacher Kriegerdenkmal. Nach jahrelangem Exil an der Forstkapelle fand es schließlich seine endgültige Heimat auf der Anlage am Friedhof.
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Von Georg Paulus

Jedes Jahr am Volkstrauertag stehen die Denkmäler für die Gefallenen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs im Mittelpunkt. Sie werden geschmückt, es gibt Reden, die Nationalhymne ertönt. Doch heuer ist alles anders: Die Corona-Pandemie verhindert jedes öffentliche Gedenken – nicht aber das stille Erinnern.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war von Geldentwertung, Arbeitslosigkeit und Kriegerwitwen geprägt. Deshalb dauerte es lange, bis auf Bitten von Franz Xaver Eckert, von 1918 bis 1925 Pfarrer in Kirchenthumbach, auf dem Kirchenvorplatz ein Denkmal zu Ehren aller Gefallenen errichtet wurde. Ein Künstler aus Schwabach schuf das aus drei Teilen bestehende Ehrenmal aus Gussbeton.

„Den im Weltkrieg 1914 – 1918 gefallenen Helden. Gewidmet von der Pfarrgemeinde Kirchenthumbach“, steht auf einer der Sockelseiten, die übrigen führen die Namen der Gefallenen auf. Das Mittelteil des Kriegerdenkmals, eine gedrehte Säule mit dorischem Kapitell, zeigt die Zahlen 1914 – 1918 und das bayerische Rautenwappen. Den Abschluss des Denkmals bildet eine Christusfigur mit einem Kreuz, dem Siegeszeichen über den Tod, die flankiert wird von knieenden Kriegern.

Als Standort für das Kriegerdenkmal wurde der Platz zwischen der Pfarrkirche, der Knabenschule und dem alten Schulhaus auserkoren. Die Stufen im Zaun aus Eisenstäben ermöglichten es, das Ehrenmal für die Gedenkfeiern vom Kirchplatz und auch von der Straße her zu erreichen.

Um im Zweiten Weltkrieg Angehörigen von Gefallenen einen Ort des Gedenkens, der Trauer und des Gebetes zu geben, brachte Schreinermeister Adolf von der Grün im Auftrag von Pfarrer Josef Bollmann in Form des Eisernen Kreuzes gesägte Holztäfelchen mit den Namen der Gefallenen in der Bergkirche an der Wand zwischen Kanzel und Sakristei an. Später wurden diese Gedenktafeln entfernt, doch Klara Völkner und Marianne Iberl retteten sie. Der VdK-Ortsverband gab diesen Andenken in der Aussegnungshalle des Leichenhauses wieder eine Heimat. Die Rahmen dafür fertigte Schreiner Gerhard Hammer an.

Als in den 1970er Jahre die alte Pfarrkirche einem neuen Gotteshaus Platz machen musste und dabei auch der Vorplatz neu gestaltet werden sollte, drohte dem Kriegerdenkmal das Schreddern. VdK-Vorsitzender Ludwig Kellner und Gemeinderat Alfred Kirsch waren es, die zusammen mit Helfern das Denkmal retteten und am Wald in Nähe der Forstkapelle lagerten.

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Der Gefallenen wurde nun am Holzkreuz im neuen Friedhof gedacht. Granitblöcke, in die Steinmetzmeister Hermann Heindl im Auftrag der Marktgemeinde die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs meißelte, nutzte man als Denkmal.

Unterstützt von Martin Kohl, der Gerät seiner Firma Kollmer zur Verfügung stellte, befreiten Mitglieder des Rentner-und Pensionistenvereins das alte Kriegerdenkmal aus der "Verbannung" und säuberten es, machten die Namen wieder lesbar.

Der damalige Bürgermeister Fritz Fürk gab dem Denkmal zu Ehren aller Gefallenen des Ersten Weltkriegs und den Granitblöcken mit den Namen der Toten des Zweiten Weltkriegs auf der Grünfläche am Leichenhaus eine endgültige Heimat: ein würdiger Ort, an dem jedes Jahr am Volkstrauertag aller Opfer des Kriegswahnsinns gedacht werden kann.

Es ist ein gelungenes Ensemble, das am Leichenhaus entstanden ist. Es besteht aus dem Denkmal zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs und Granitblöcken mit den Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs.
Hintergrund:

Viele Tränen am "Heldengedenktag"

Von der Zeit Pfarrer Eckerts bis zum Ende des Dritten Reiches fanden am Kriegerdenkmal "Heldenehrungen" statt. Das ist mir als Bub von sechs, sieben Jahren von meiner Piehl-Oma in Erinnerung. Nur Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs war in Frankreich ihr „Girgl“ gefallen, und sie stand mit vier Kindern und einem kleinen Hof allein da. "Weil bloß g'scheid g'red wird", ist sie bis 1945 zu keiner "Heldenehrung" gegangen. Erst 1946 konnte ihre Tochter, meine Mutter, sie überreden, ans Kriegerdenkmal zu kommen, nachdem auch ihre Söhne Georg, Alois und Michael gefallen waren. Meine Paulus-Oma, die in Russland ihren Sohn, meinen Onkel Hans, verloren hat, war nie zu bewegen, an einer Feier am Kriegerdenkmal teilzunehmen. Sie hat lieber in unserer Bergkirche gebetet.

Vom Kirchplatz aus verfolgten wir Kinder das Geschehen am sogenannten Heldengedenktag. Mit Fichtenzweigen-Girlanden hatte man das Geländer geschmückt und Fahnen wehten, als nach dem Gottesdienst die Feuerwehr, der VdK und der Burschenverein mit ihren Fahnen, der Bürgermeister, unser Pfarrer, die Gemeinderäte und unsere Blaskapelle am Kriegerdenkmal antraten, die Musiker ein Stück spielten und unser Bürgermeister eine Rede hielt. Dann trugen Feuerwehrmänner einen Kranz zum Kriegerdenkmal und die Blaskapelle spielte das "Lied vom guten Kameraden". Viele der Frauen, die auf dem Kirchplatz die Feier miterlebten, begannen dabei zu weinen. Dann betete man gemeinsam mit dem Pfarrer ein Vaterunser. Anschließend sprach der VdK-Vorsitzende und legte danach ebenfalls einen Kranz am Kriegerdenkmal nieder. Ein letztes Schauspiel für uns Buben war es, wenn nach dem Rückmarsch mit Blasmusik zum Gasthof Thumbeck nach dem Befehl des Feuerwehrkommandanten – „Fahnen, marsch“ – die Fahnenträger mit blitzenden Helmen fast im Laufschritt die Fahne in den Gasthof trugen.

Beteiligten sich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg außer der Feuerwehr auch viele Witwen von Gefallenen, Kriegsheimkehrer und VdK-Mitglieder an der Gedenkfeier, so wurden es später jedes Jahr weniger, die am Volkstrauertag an der Zeremonie teilnahmen. Außer der Feuerwehr und der Reservistenvereinigung, die in ihren Uniformen zum Kriegerdenkmal kommen, sind jetzt kaum mehr „Zivilisten“ zu sehen. Dabei ist der Tag auch dem Gedenken aller gewidmet, die aufgrund von Bürgerkrieg, Unterdrückung, Terror und Hunger umkamen, die ihre Heimat verlassen mussten und eine waghalsige Flucht nicht überlebten. Vor nicht allzu langer Zeit wurden auch Menschen im anderen Teil Deutschlands verfolgt und bei ihrer Flucht in die Freiheit erschossen. Darum sollte der Volkstrauertag vor allem Jüngeren als Tag des Gedenkens, als Tag der Freiheit in Erinnerung bleiben. Nicht überall auf der Welt ist das allen möglich.

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