08.04.2021 - 14:36 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Pest, Cholera und Covid: Kirchenthumbach und die Seuchen

Epidemien kannten und kennen keine Landesgrenzen. Von all den Seuchen waren von jeher auch die Bürger des Marktes Kirchenthumbach leidvoll betroffen. Es gibt nur wenige Aufzeichnungen, aber diese lassen aufhorchen.

Ort : Durch schwedische Truppen wurde der Markt Kirchenthumbach im 30-jährigen Krieg total zerstört. Nach einer Zeichnung von Schriml präsentierte sich der Markt nach dem Wiederaufbau mit diesem Aussehen.
von Fritz FürkProfil

Pest und Cholera, Spanische Grippe, die Lungenpest, Diphtherie und jetzt der Kampf gegen das Corinavirus. Alle betrafen auch Kirchenthumbach. Die Altvorderen überlieferten: "Nur wer immun war, überlebte, die anderen mussten zum Teil qualvoll sterben."

"Geschenke" durchziehender Truppen

Von 1618 bis 1648 tobte der 30-jährige Krieg, ein irrsinniger Glaubenskrieg. Er ging in die Geschichte als Konflikt um die Hegemonie des Heiligen Römischen Reiches in Europa ein, der schließlich als Territorialkrieg endete. Mehrmals zogen schwedische und kaiserliche Truppen durch den Ort. Sie schlugen Lager auf, plünderten was es zu plündern gab und als "Dank" ließen sie unheilbare Krankheiten mit tödlichem Ausgang zurück. Nach einem historischen Aufsatz von Pfarrer Paulinus Fröhlich waren die Kriegsjahre unbarmherzig und grausam. 1633 war Essen knapp. Gegessen wurden Krautstengel, Wurzeln, Hunde und Katzen. Eine Katze kostete acht Gulden.

Die Zerstörung Kirchenthumbachs durch die Schweden ist, das geht aus Kirchenrechnungen hervor, auf das Jahr 1634 datiert. Der Markt wurde in Schutt und Asche gelegt. Doch die Habsburger, die "Kaiserlichen" waren auch keine Heiligen. Sie beraubten die Kirche und plünderten das vorrätige Getreide. Die meisten der zahlreichen Todesopfer des 30-jährigen Krieges sind aber nicht feindlichen Waffen erlegen, sondern der in seinem Gefolge mitmarschierenden Pest. Davon betroffen waren auch die Bewohner der umliegenden Ortschaften Thurndorf, Göttersdorf sowie Alt- und Neuzirkendorf. Dort stießen die Österreicher mit den schwedischen Truppen zusammen und machten die Katastrophe perfekt.

Nur 20 Überlebende

Bei einem Überfall auf Thurndorf durch die Schweden wurde nahezu der ganze Ort vernichtet. Pest und Cholera traten auf. Nach der Köstler-Chronik aus dem Jahre 1915, wurde auf dem Calvarienberg zufolge eines Gelübdes zwischen1635 und 1641 eine Kapelle erbaut. In dieser Zeit mussten die Thurndorfer "Untertannen" viel ertragen: Krieg, Feuer und Schwert sowie eine schreckliche Pest, die fast alle Bewohner hinwegraffte. Es sollen nur 20 erwachsene Personen am Leben geblieben sein.

Kirche trotzt Kriegen und Krisen

Altzirkendorf bei Kirchenthumbach

In Kirchenthumbach gab es ähnliche Seuchen und Hungersnöte. Das größte Ereignis auf dem Gebiet der Epidemie ist das Auftreten der Pestseuche im Jahr 1347. Diese Pandemie von Beulen- und Lungenpest, hat ein Viertel der damaligen Bevölkerung hinweggerafft. Diese Krankheit ist in die Geschichte als "Schwarzer Tod" eingegangen. Im Verlauf traten hitziges Fieber mit Blutauswurf auf, gefolgt von Brandbeulen und schwarzen Flecken, die der Seuche ihre Bezeichnung gaben. Die Lymphdrüsen schwollen an, die Beulen in den Achselgruben brachen auf und drei Tage später folgte der Tod.

Die Pest soll nach Pfarrer Fröhlich 1631 von den Kaiserlichen eingeschleppt worden sein. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1634. Die Leute trauten sich nicht mehr auf die Straße und sie wagten sich nicht einmal die Fenster zu öffnen. Die Zahl der Opfer stieg an. Meist waren es Frauen und Kinder, da die Mehrzahl der Männer in das Heer eingereiht wurde. In ihrer Not legten die Kirchenthumbacher Christen mit den örtlichen Geistlichen Georg Martin und Ferdinand Mayer ein Gelübde ab. Sie versprachen, jedes Jahr am Dreifaltigkeitssonntag nach Gößweinstein zur Heiligsten Dreifaltigkeit zu pilgern. Dieses Versprechen wird noch heute eingelöst. Rund 100 Gläubige pilgern jährlich nach Gößweinstein in die Fränkische Schweiz und nehmen die Strapazen von rund 80 Kilometern Fußmarsch auf sich.

100 Kinder starben an Diphterie

Kurz nach der Jahrhundertwende um 1900 brach in Kirchenthumbach die lebensgefährliche bakterielle Infektionskrankheit "Diphterie" aus. Sie wurde als "Würgeengel der Kinder" bezeichnet. Innerhalb der Gemeinde verstarben in kürzester Zeit über 100 Kinder. Die Familie des Landtagsabgeordneten, ehemaligen Bürgermeister und Posthalter Josef Friedl und seiner Frau Katharina mussten innerhalb einer Woche vier ihrer 13 Kinder zu Grabe tragen.

Die Spanische Grippe nach dem Ersten Weltkrieg machte auch vor den Toren Kirchenthumbachs nicht Halt. Aus der Gemeinde wurden ab 1914 125 junge Männer zu den Waffen gerufen. Viele von ihnen fielen. Weniger als die Hälfte sah ihre Heimat nicht wieder. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Heimkehrer die Krankheit mitgebracht und verbreitet haben, was allerdings letztendlich nicht beweisen werden konnte. Es folgte eine der schlimmsten Grippeepidemien der Geschichte. Die Spanische Grippe tötete in nur wenigen Monaten fast 50 Millionen Menschen. Im Deutschen Reich sollen es 426 000 Menschen gewesen sein. In Kirchenthumbach starben zahlreiche Kinder und auch junge Bürgerinnen und Bürger.

Pfarrer Franz Xaver Eckert und Bürgermeister Martin Böhm waren geschockt. Sie mussten zusehen und miterleben, wie aussichtslos die auf dem Land ohnehin kaum vorhandenen Mediziner kämpften, um eine Pandemie zu hindern. In ihrer Not griffen die Patienten zum Alkohol, vornehmlich zu Wermut-Fusel und selbst gebranntem Schnaps.

Vor allem die Aufrechterhaltung der Herz-Kreislauf-Funktion bei den lebensgefährlichen Lungenentzündungen war das Gebot der Stunde. Aspirinhändler aber auch Scharlatane machten ein gutes Geschäft. Für eine Tablette musste man im Tausch drei Pfund Kartoffel oder 100 Gramm Speck einlösen.

Derzeit wird die Weltbevölkerung von der Coronaepidemie umklammert. Besonders davon betroffen sind auch Gemeinden in der Oberpfalz. Auch aus dem Gemeindegebiet Kirchenthumbach sind Todesfälle zu verzeichnen.

Einem Gelübde zufolge pilgern die Kirchenthumbacher Christen jedes Jahr am Dreifaltigkeitssonntag (Sonntag nach Pfingsten) nach Gößweinstein. Das Versprechen stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriege, wo Pest und Cholera die halbe Bevölkerung hinwegraffte. Das Foto zeigte die Pilger im Jahr 2008.
Bei der Fußwallfahrt nach Gößweinstein in die dortige Basilika wird das Bildnis der Heiligsten Dreifaltigkeit mitgeführt.
Der Kalvarienberg.

 

 

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