19.10.2020 - 13:58 Uhr
Krickelsdorf bei HirschauOberpfalz

Ferienkind von damals kommt heute noch gerne nach Krickelsdorf

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Carlo Hütter kam als Zehnjähriger erstmals nach Krickelsdorf. Als Ferienkind aus West-Berlin. Seine Eltern hatten ihn damals zur Sommerfrische nach Bayern geschickt. Seiner Gastfamilie fühlt er sich auch 50 Jahre später noch sehr verbunden.

Drei, die sich ausgezeichnet verstehen: Theresia Wittmann (94) mit ihrem einstigen Ferienkind Carlo Hütter und dessen Frau Jeanette, die ebenfalls eine gebürtige Berlinerin ist. Zuletzt war Hütter Ende Februar – und damit vor dem Corona-Lockdown – in Krickelsdorf, um mit Theresia Wittmann, ihren Kindern und Enkeln seinen 60. Geburtstag nachzufeiern.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Carlo Hütter ist gebürtiger Berliner; West-Berliner, weil die Stadt damals noch geteilt war. Dort wuchs er auf, mit seiner Zwillingsschwester und seinem Bruder. Als Ferienkinder kamen die drei Geschwister in den Landkreis Amberg-Sulzbach: Carlo Hütter nach Krickelsdorf, die Schwester nach Vilseck, der Bruder nach Uschlberg. Sechs Wochen lang waren die Berliner Ferienkinder damals da, lebten in Gastfamilien. Eine von ihnen, die sich gemeldet hatten, um Großstadtkinder aufzunehmen, waren die Wittmanns aus Krickelsdorf. Sie hatten einen Bauernhof und acht Kinder. Und wo acht Kinder satt wurden, da war auch noch Platz für ein neuntes. Doch der Aufenthalt in Bayern begann für den damals zehnjährigen Carlo erst einmal mit einer Enttäuschung: Von seiner Gastfamilie war niemand erschienen, um ihn abzuholen. Theresia Wittmann (94) klärt das Missverständnis auf. Ihr Mann, der stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Großschönbrunn war, vertrat den Bürgermeister. Und erfuhr, das Ferienkind käme nicht. Gemeint war aber nicht seines, sondern das des Ersten Bürgermeisters, erinnert sich Theresia Wittmann. "Und ich stand da zur Abholung, aber die Familie kam nicht", sagt Hütter.

Bayern oder St. Peter-Ording

Dass Carlo Hütter überhaupt zur Sommerfrische nach Bayern kam, hatte mit seiner Abneigung gegen das Landschulheim in St. Peter-Ording an der Nordsee zu tun. Da nämlich war er das Jahr zuvor. Und es gefiel ihm überhaupt nicht. Die Eltern stellten ihn vor die Wahl: Bayern oder St. Peter-Ording. Hütter überlegte nicht lange. Auf dem Hof der Wittmanns hatte jedes Kind seine Aufgabe, auch Carlo wurde schnell eingebunden. "Spielen war da nicht groß eingeplant", erinnert sich der gebürtige Berliner. "Ach komm, nur weil Ausmisten für dich kein Spiel war", zieht ihn Agathe Dietrich, das zweitjüngste der Wittmann-Kinder, auf. Dem heute 60-Jährigen fiel damals sofort ein gravierender Unterschied bei den Tischsitten auf. "Bei uns zu Hause hat uns Mutti die Schnitten gemacht. Hier wurde ein rundes Brot in die Mitte gestellt und jeder schnitt sich was ab." Für ihn als Zehnjährigen sei das gar nicht so einfach gewesen. Auch das kannte er nicht von daheim: Dass zu Tisch gebetet und das Brot gesegnet wurde. "Aber gottseidank war ich katholisch." Das nämlich habe ihn Familienoberhaupt Georg Wittmann gleich gefragt: Welchen Glauben er denn habe.

Der jugendliche Carlo Hütter hoch zu Ross in Krickelsdorf.

Carlo Hütter kommt heute noch gerne nach Krickelsdorf. Zuletzt war er Ende Februar da, als Corona noch kein Thema war und weder Abstandsregeln noch Maskenpflicht galten. Mit den Wittmanns feierte er im Gasthaus Zur Linde von Theresia Wittmanns Tochter Linde seinen runden Geburtstag nach. Am Aschermittwoch, 26. Februar, war er 60 geworden. In geselliger Runde erzählten sich die Feiernden so manche Anekdote von damals. Und da gibt es einige. Zum Beispiel diese: Familienvater Georg Wittmann schickte den kleinen Carlo los, weil eine Kuh kälberte. Der Bub sollte den Nachbarn verständigen. Der Berliner Junge konnte sich diesen urbayerischen Begriff nicht merken, wusste sich dennoch zu helfen. "Die Kuh hat ein Kind gekriegt", rief der dem Landwirt nebenan zu. "Verstanden habe ich fast alles, ich hatte eher das Problem des Wiedergebens", schildert er sein Dilemma mit dem Oberpfälzer Dialekt. Dass es von Vorteil war, ein Junge zu sein hingegen war ihm schnell klar: Er durfte mit auf dem Bulldog sitzen - oder mit dem Opa von Familie Wittmann ins Wirtshaus gehen. Auch die gute Hausmannskost, die Theresia Wittmann ihrem Ferienkind aufgetischt hat, kennt Carlo Hütter heute noch: Dotsch zum Beispiel. "Das Essen war wirklich gut", lobt er die Kochkünste der heute 94-Jährigen. Christine Stauber, das jüngste der Wittmann-Kinder, pflichtet ihm bei: "Unsere Mama hat immer sehr gut gekocht."

Kraut statt Zwiebeln

Ein besonderes Erlebnis hatte er mit sauren Bratwürsten. Die mochte er so gerne, dass später seine Mutter ihm daheim in Berlin auch welche zubereitete. Doch deren Ergebnis war so ganz anders, als er es aus Krickelsdorf kannte. Bei einem späteren Besuch stellte sich dann heraus, was Carlo Hütters Mama falsch gemacht hatte: In den Sud, der aus Wasser, Essig, Salz, Zucker und Gewürzen gekocht wurde, hatte sie anstelle von viel Zwiebeln Kraut gegeben. Ein braver Bub sei er gewesen, sagt Theresia Wittmann ein halbes Jahrhundert nach ihrer ersten Begegnung mit Carlo Hütter aus Berlin. Und auch dem Ferienkind gefiel es auf dem großen Hof in Krickelsdorf. So sehr, dass es gar nicht mehr nach Hause wollte - und auf die Idee kam, wie er das verhindern konnte. Anna Metz, eine weitere Tochter der Wittmanns, erinnert sich: "Er sprang vom Schweinestall zwei Meter in den Hof runter, in der Hoffnung, er würde sich verletzen." Eine Schnapsidee, über die Theresia Wittmann auch 50 Jahre später noch den Kopf schüttelt. "Verrückt, er hätte sich alles brechen können."

Carlo Hütter bei einem seiner späteren Besuche in Krickelsdorf.

Der Kontakt zwischen West-Berlin und Krickelsdorf riss all die Jahre nicht ab - gegenseitige Besuche inklusive. Bei einem davon tapezierte Carlo Hütters Vater sogar bei den Wittmanns. "Das war unsere erste Tapete überhaupt", berichtet Anna Metz. Denn: Während es in der Großstadt schon üblich war, die eigenen vier Wände damit verschönern, wurde auf dem Land noch geweißt und bestenfalls mit einer Rolle ein Muster geprägt. Andererseits schätzte die in der Großstadt in einer Berliner Altbauwohnung zur Miete lebende Familie Hütter das Schweinerne und die Wurstwaren des Bauernhofs in Krickelsdorf. Lachend erzählt Carlo Hütter, dass hin und wieder auf dem Heimweg ein halbes Schwein im Kofferraum des Kombi war. Mit seinen Eltern kam er manchmal in den Winterferien nach Bayern. Gemeinsam wurde dann auch Silvester gefeiert. Für die Wittmann-Kinder war Carlo Hütter bei ihren Berlin-Besuchen stets der beste Reiseführer, den man haben konnte.

"Verbindung ging nie verloren"

Inzwischen lebt Carlo Hütter mit seiner Ehefrau Jeanette, die ebenfalls gebürtige Berlinerin ist, in Herford in Nordrhein-Westfalen, ist Vater zweier erwachsener Töchter (28 und 30) und hat zwei Enkel im Kleinkindalter. Natürlich habe es auch eine Zeit gegeben, wo man sich nicht gesehen hat, der Kontakt spärlicher war, gesteht Hütter. "Aber die Verbindung ging nie verloren." Gerade in den vergangenen Jahren sei sie wieder enger geworden. Man sehe sich Minimum einmal im Jahr. Es habe auch schon Zeiten gegeben, da habe man sich vier- oder fünfmal im Jahr getroffen. Gerne denkt Carlo Hütter an die Nachfeier seines 60. Geburtstags in der Linde in Krickelsdorf bei Spanferkel, Knödel, Kartoffelsalat, Kaffee und Kuchen zurück. Und wieder mal fiel es ihm nicht leicht, Abschied zu nehmen. "Es ist immer schwer, Krickelsdorf zu verlassen", gesteht er.

Info:

Berliner Ferienkinder

Mehr als 600 Kinder: Aus einem Zeitungsartikel von 1970 geht hervor, dass im Landkreis Amberg, wie er vor der 1972 erfolgten Gebietsreform noch hieß, seit 1955 insgesamt 623 Ferienkinder aus Berlin aufgenommen wurden. Damit, so heißt es im Artikel weiter, stand Amberg an erster Stelle unter allen 143 bayerischen Landkreisen. Zum Programm gehörte stets auch eine große Landkreisfahrt mit den Kindern, an der der damalige Landrat Hans Raß teilnahm.

Kind in Iber vergessen: 1970 waren insgesamt 74 Kinder aus dem Berliner Bezirk Neukölln in den Landkreis gekommen. Das geht aus einem Zeitungsartikel von damals hervor. Als die „Berliner Ferien“ im Landkreis Amberg zu Ende gingen und der Omnibus wieder Richtung Berlin rollte, wäre fast ein Berliner Steppke hier geblieben. Dem Busfahrer fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass er es „im Vorbeifahren“ in Iber vergessen hatte. Deshalb verzögerte sich um eine halbe Stunde.

Tränen zum Abschied: Wie sehr sich die Berliner Ferienkinder im Landkreis wohlfühlten, geht aus einer Zeitungsreportage von der Abfahrt im Jahr 1970 hervor. Tränen gab es auf beiden Seiten, denn so manche Gastmutter zückte ihr Taschentuch nicht nur zum Winken. Und viele der Familien aus dem Landkreis gaben ihrem Gastkind noch hübsch Reiseproviant mit.

Über 100 Jahre alt: "Die Linde" in Krickelsdorf

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