21.07.2021 - 14:44 Uhr
KrummennaabOberpfalz

Auch krumme Gurken und Karotten schmecken gut

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Simon Rauch ist neuer Gartenbotschafter. Er betreibt eine Bio-Gemüse-Gärtnerei bei Krummennaab. Im Interview verrät er, wie sein Lieblingsgarten aussieht, was ihm vom Biomarkt unterscheidet und was der viele Regen mit seinem Gemüse macht.

Im Gewächshaus geht es richtig eng zu, aber zwischen den Reihen mit Gurkenpflanzen ist für die grüne Hängematte gerade noch Platz. Und natürlich auch für Simon Rauch, einen der diesjährigen Gartenbotschafter.
von Christa VoglProfil

„Wo bauen wir denn die Hängematte am besten auf?“, fragt Kreisfachberater Harald Schlöger, während er den Kofferraum seines Autos öffnet und sich forschend umsieht. Möglichkeiten gibt es viele in Simon Rauchs Bio-Gemüse-Gärtnerei, die an der B299 gleich bei Krummennaab liegt und von der Straße gut zu sehen ist. Vielleicht direkt bei den Hühnern und ihren beiden weißgefiederten Gockeln, die sich gerade ein morgendliches Krähduell liefern? Oder neben dem Beet mit den Kartoffeln? Oder doch lieber direkt auf dem kleinen Acker, den sich Saubohnen, Linsen, Sellerie und Gelbe Rüben teilen?

„Alles viel zu feucht“, urteilt Simon Rauch, schüttelt den Kopf und schlägt für das Interview einen ganz anderen Ort vor: eines seiner beiden großen Gewächshäuser. Am liebsten das mit den Gurken. Ein Blick ins Innere zeigt: Im Gewächshaus geht es richtig eng zu, aber zwischen den Reihen mit den hochrankenden, üppig tragenden Gurkenpflanzen ist für Schlögers grüne Hängematte gerade noch Platz. Und natürlich auch für Simon Rauch, den der Kreisfachberater als einen der diesjährigen Gartenbotschafter gewinnen konnte.

ONETZ: Herr Rauch, wie sind Sie eigentlich zum Gärtnern gekommen?

Simon Rauch: Na, eigentlich habe ich erst richtig mit ungefähr 30 Jahren mit dem Gärtnern begonnen. Selbstversorgung war für mich aber schon immer ein großes Thema und auch die Arbeit im Freien ist für mich sehr wichtig.

ONETZ: Und dann haben Sie gleich den Sprung in die Selbständigkeit gewagt?

Simon Rauch: Meine Frau und ich haben lange hin und her überlegt. Dann entschieden wir aber, es zu wagen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass eine solidarische Gemeinschaft hinter uns steht. Das ist einfach wichtig, um den finanziellen Rückhalt zu haben.

ONETZ: Eine solidarische Gemeinschaft, die hinter einem steht. Wie ist denn das zu verstehen?

Simon Rauch: Die Rede ist von einer solidarischen Landwirtschaft, einer SoLawi. In unserer SoLawi Stoapfalz – das ist der Name des Vereins – gibt es derzeit 90 Mitglieder, die einen festen Monatsbeitrag bezahlen. Während der Saison bekommen die Mitglieder im Gegenzug dafür wöchentlich eine Kiste mit Obst und Gemüse, das hier auf dem Betrieb geerntet wird. Und es besteht für sie auch die Möglichkeit, sich an Arbeitseinsätzen – pflanzen, jäten, ernten – zu beteiligen. Dieses Konzept der solidarischen Landwirtschaft ist nichts Neues, das gibt es bereits in verschiedenen Ländern.

ONETZ: Was suchen diese Menschen bei Ihnen? Im Biomarkt bekommt man doch auch frisches Biogemüse.

Simon Rauch: Nehmen wir das Beispiel von Tomaten und Gurken. Wenn Sie in den Bioladen gehen, erhalten Sie quasi das ganze Jahr dieses Gemüse. Bei mir auf dem Betrieb erhalten Sie Tomaten und Gurken nur, wenn sie reif sind, wenn die Saison dafür ist. Und das was ich anbiete, ist regional.

ONETZ: Aber sind dann die Kunden nicht oft auch enttäuscht darüber, wenn sie Gurken zum Beispiel nur von Anfang Juli bis Ende September bekommen?

Simon Rauch: Es gibt schon Menschen, die kommen zu mir aufs Feld und fragen: Haben Sie das? Haben Sie das? Haben Sie das? Aber wenn ich zu einem Bio-Gemüsebauer gehe, dann weiß ich, dass ich diese Fragen nicht zu stellen brauche. Da muss ich einfach nehmen, was dort gerade wächst. Und daraus muss ich was Gutes machen. Aus der vorgegebenen Situation was Gutes machen, das ist eigentlich die Kunst des Lebens.

Mir ist auch wichtig, dass die Kunden ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir keine Schraubenfabrik sind, sondern von der Natur leben. Und wir im Endeffekt das nehmen dürfen, was wir bekommen. Wir müssen weg von dem Anspruchsdenken.

ONETZ: Dieses Jahr regnet es ja häufig, viele Gemüsesorten kommen mit dieser Witterung nicht klar. Wie kommen Sie damit klar?

Simon Rauch: Dieses Jahr ist unser „verflixtes 7. Jahr“ (lacht). In den vergangenen Jahren hatten wir Probleme mit der Trockenheit. Und ich hatte den Eindruck, dass die Trockenheit so ungefähr das Schlimmste ist, was passieren kann. Damals sagte mir meine frühere Chefin: „Simon, es stimmt schon, dass die Trockenheit nicht einfach ist. Aber die nassen Jahre, die können noch viel schlimmer sein.“ Und sie hatte recht! Der Boden ist matschig, man kann nicht jäten und harken, die Pflanzen wachsen schlecht. Das zehrt an den Nerven.

ONETZ: Und was ist mit Schädlingen?

Simon Rauch: Letztes Jahr hatten wir auf dem Acker eine Mäuseplage. Also schafften wir uns Katzen an. Dieses Jahr gibt es sehr viele Schnecken. Ich greife wirklich nur im äußersten Notfall zu Hilfsmitteln, ich bin kein Freund davon. Ich bin ja der Meinung, dass die Natur schon weiß, was sie tut und warte sehr oft einfach ab.

ONETZ: Aber wenn man nichts tut, dann hinterlassen zum Beispiel die Schnecken Fraßspuren am Gemüse. Ist das für Ihre Kunden okay?

Simon Rauch: Wir bauen hier auf dem Betrieb 70 verschiedene Kulturen an. Es ist uns nicht am Allerwichtigsten, optisch tolle Qualität zu liefern. Wichtig ist für uns, dass so wenig Obst und Gemüse wie möglich aussortiert wird oder auf dem Feld liegen bleibt. Und das ist auch eine Botschaft, die wir an die Menschen geben möchten: Man muss nicht alles wegschmeißen, was nicht perfekt ausschaut.

ONETZ: Dann sind Sie ja nicht nur als Gärtner tätig, sondern auch als Erzieher?

Simon Rauch: Ich möchte den Menschen nur zeigen, dass Gurken und Karotten, die zum Beispiel krumm sind, auch gut schmecken. Ich möchte, dass sie ein Gefühl dafür bekommen, wann Zeit für Erdbeeren, für Gurken, für Tomaten ist und wann diese Zeit wieder vorbei ist. Dass sie Bioqualität schätzen. Dass sie es wertschätzen, wenn Gemüse in der Erde wächst und nicht auf Styroporplatten, die mit Nährlösung umspült werden. Ich glaube nämlich, dass das, was man isst, auch Auswirkungen auf den eigenen Körper und die Persönlichkeit hat.

ONETZ: Derzeit herrscht ja Hochsaison in Ihrem Betrieb. Bleibt trotzdem noch Zeit zum Entspannen?

Simon Rauch: Ich war erst vor einigen Tagen im Waldnaabtal unterwegs. Mit einem Freund bin ich von der Blockhütte bis zum Johannistal mit einem Paddelboot gefahren. Das war so toll, diese Natur bei uns, das hat mich echt von den Socken gehauen.

ONETZ: Sie sind ein Naturfreund und hier in der Oberpfalz verwurzelt. Ihren Zivildienst haben Sie aber in Südamerika abgeleistet. Was schätzen Sie an Ihrer Heimat?

Simon Rauch: Es ist schon wichtig, sich andere Länder und andere Kulturen anzusehen. Aber wenn man wieder nach Hause kommt, wenn man dann die Kirchenglocken hört. Das ist ein so schönes Gefühl von Heimat: Der Dialekt, die Freunde, die Menschen, die Natur. Das ist einfach das Allerbeste.

Äbtissin Laetitia Fech hat auch schon in der Hängematte Platz genommen

Waldsassen
Hintergrund:

Serie "Aus der Hängematte"

Am 22. Juli ist der internationale Tag der Hängematte. Diesen Tag haben Garteninitiativen, Kreisfachberater und die Bayerische Gartenakademie ausgewählt, um in verschiedenen Regionen Gartenbotschafter zu interviewen. Im Landkreis Tirschenreuth übernimmt dies Kreisfachberater Harald Schlöger. Er hat sich wie schon im vergangenen Jahr wieder auf die Suche nach interessanten Menschen und ihren Gartengeschichten gemacht. Erster Interviewgast ist Simon Rauch, der eine Bio-Gemüse-Gärtnerei an der B299 bei Krummennaab betreibt.

 

 

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