20.05.2021 - 12:42 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Jung und politisch: Das Mandat sind die Twitter-Follower

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Jugend ist in der Politik nach wie vor eine Seltenheit. Nichtsdestotrotz: Junge Politikerinnen und Politiker in Deutschland und der Oberpfalz wollen mitgestalten. Vier Menschen, vier Geschichten.

Twitter machte sie bekannt. Heute berät die 19-jährige Lilly Blaudszun die SPD im Bund sowie in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Es gibt kaum einen Satz, der über sie noch nicht geschrieben wurde. Hier ein Versuch: Lilly Blaudszun sperrt sich regelmäßig aus der eigenen Wohnung aus, kurz vor dem Interview mit den Oberpfalz-Medien, erneut. „Ich bin inzwischen ziemlich gut darin geworden, in meine eigene Wohnung einzubrechen“, sagt die 19-Jährige. Ansonsten: Jung, vom Land, Sozialdemokratin - nicht zwingend biographische Eckdaten, die in Deutschland mit politischem Erfolg verknüpft sind. Und doch ist Lilly Blaudszun gefragt wie wenige in der SPD. Aufgewachsen in Ludwigslust, einer Kleinstadt der mecklenburgischen Provinz, gilt die heute 19-Jährige seit Jahren als Prototyp der politischen Influencerin.

Blaudszun ist neben Kevin Kühnert, Ex-Juso-Chef und inzwischen Bundestagskandidat in Berlin, das wohl bekannteste Gesicht einer Politiker-Generation, die in deutschen Parlamenten nach wie vor unterrepräsentiert ist. Von den 709 Bundestagsabgeordneten waren zum Zeitpunkt der Wahl vor vier Jahren 13 jünger als 30 Jahre - das entspricht nicht einmal zwei Prozent. Unter 25 waren damals zwei Abgeordnete - 0,3 Prozent. Auch Blaudszun hat kein klassisches Mandat, ihre Bedeutung speist sich aus 36.200 Twitter-Followern. Menschen wie Blaudszun zeigen, wie Politik sein kann: schnell, kurzweilig, meinungsfreudig, interaktiv, bissig.

Im Zweifel für Erfahrung

Es sind Eigenschaften, die Blaudszuns SPD in der öffentlichen Wahrnehmung fast komplett abgehen. Die 19-Jährige weiß das. „In meiner ersten Ortsvereinssitzung saß ich nur mit alten Männern in einem Raum.“ Und da auch die SPD das weiß, hat sie Blaudszun im Superwahljahr 2021 unter anderem in das Wahlkampfteam für die Bundestagswahl geholt. Die 19-Jährige selbst spricht von einer Perspektive, die es vor ihr in diesen Teams kaum gegeben habe. Es ist aber eben auch ihre Reichweite, besonders zu jungen Menschen. Die Hoffnung, die die SPD mit Blaudszun verbindet, heißt Erstwählernähe.

Eines der jungen SPD-Gesicher der Oberpfalz ist die Kümmersbruckerin Lisa Hartinger. Der Jugendmangel ist ein Problem, das sie nicht nur in der SPD sieht: „Es gibt eine Tendenz dazu, im Zweifel Erfahrung zu wählen. Die Altersstruktur ähnelt sich allerdings in allen Parteien.“

Manchmal, so Hartinger, brauche es Glück. Das hatte sie selbst im Vorfeld der Bürgermeisterwahl in ihrem Heimatort im vergangenen Frühjahr: Der designierte Kandidat stand aus privaten Gründen nicht zur Verfügung, der Ortsverein suchte Ersatz und fand Hartinger. „Als ich Kandidatin war, hatte ich die volle Unterstützung der Genossen vor Ort. Niemand hatte ein Problem mit meiner Jugend.“ Zum Wahlsieg reichte es nicht, Hartinger holte rund 30 Prozent der Stimmen. Wo die Reise politisch für sie hingehen soll, weiß sie selbst nicht genau: „Ich könnte mir vorstellen, nochmals für das Bürgermeisteramt anzutreten, wenn die Verhältnisse stimmen.“

In Neumarkt tritt Nils Gründer für die FDP im Bundestagswahlkampf an. Nachdem er sich als 18-Jähriger für die Liberalen entschieden hatte, bekam er in der Schule durchaus Gegenwind: „Die meisten meiner Mitschüler sind eher links. Das hat mich auch irgendwo abgehärtet.“

Die Wahlkampfseite im Stil eines Blogs

Diese Härte brauche es in der Politik. Als FDP-Mann Thomas Kemmerich im vergangenen Jahr in Thüringen mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, sei auch er damit konfrontiert worden. "Ich bin in die Politik gegangen, um Leuten zu helfen, denen es schlecht geht. Und dann darf ich mich mit dem Spinner aus Thüringen auseinandersetzen." Das werde der Partei nicht gerecht, sagt Gründer.

Heute grüßt der 23-Jährige ehemalige Mitschüler von Wahlplakaten: Die FDP in Neumarkt und Amberg hat ihn als Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 232 aufgestellt, Ende April wählte ihn die FDP Bayern auf den nicht aussichtslosen Listenplatz 15.

Ein Blick nach Berlin, Wahlkreis 86: Noreen Thiel wird im Januar von der FDP in Lichtenberg als Bundestagskandidatin nominiert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Studentin 17 Jahre jung. Auch Thiel ist ein Kind der Provinz, auch sie ist in ihrer Partei eine Hoffnungsträgerin. Mit Lilly Blaudszun teilt sie die Gabe, Politik niedrigschwellig zu präsentieren. Beide zeigen sich gern im Stil der Influencerinnen, Thiels Webseite hat mehr von der Optik eines persönlichen Blogs als eines Wahlkampfauftrittes: Das Magenta der Liberalen taucht kaum auf, stattdessen Personalisierung: Bilder, Lebenslauf, Motivation, alles Thiel. Auch die Themenwahl ist persönlich: Die 18-Jährige ist seit Jahren in Therapie, spricht offen über psychische Gesundheit. Ihr Therapeut habe sie gewarnt, man werde sie auseinandernehmen. „Da habe ich mir gesagt: Sollen sie es doch versuchen.“

Thiel hat ein ausgeprägtes Selbstvertrauen, Talent für und Spaß an Selbstdarstellung, die sie aus einer gescheiterten Influencer-Karriere mitbringt. Eines ihrer Wahlplakate ziert der Spruch „Man ist nie zu jung, um die besten Ideen zu haben“. Bei Twitter erhält die 18-Jährige Mitte April eine Nachricht, der Verfasser fragt, woher sie sich denn das Recht nehme, für den Bundestag zu kandidieren. Thiel veröffentlicht die Nachricht, schreibt dazu: „Das Recht, das ich mir nehme, heißt Bundeswahlgesetz.“ Es gibt über 9000 Likes. Thiels Parteichef Christian Lindner kommt im selben Monat mit seinem beliebtesten Tweet auf rund 3500 Likes, es geht um den gescheiterten Berliner Mietendeckel.

Thiels Jugend in Kombination mit ihrer hervorgehobenen Position macht sie in ihrer Partei zu einer seltenen Erscheinung, das hat sie mit Gründer, Hartinger und Blaudszun gemein. Dass kaum jemand, der auch nur in der Nähe ihres Alters ist, im Bundestag sitzt, regt die 18-Jährige auf. "Meine Generation macht zehn Prozent der Bevölkerung aus. Es ist unser Recht, gehört zu werden.“

Zum Thema: Lisa Hartingers Bürgermeisterkandidatur

Kümmersbruck

Nils Gründer wird von der FDP als Bundestagskandidat aufgestellt

Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach
Lisa Hartinger war im vergangenen Jahr Bürgermeisterkandidatin der SPD in Kümmersbruck.
Nach seiner Nominierung auf Listenplatz 15 der FDP rechnet sich der 23-jährige Nils Gründer Chancen auf einen Sitz im Bundestag aus.
Als 17-Jährige wurde Noreen Thiel im Winter von der FDP für den Bundestag nominiert. Bildung und Digitalisierung brachten die Studentin zu den Liberalen, inzwischen fokussiert sie sich unter anderem auf psychische Gesundheit.

 

 

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