07.04.2021 - 18:59 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Legasthenie: Druck rausnehmen, Hilfe suchen

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Aufklärung und eine Therapie können von Legasthenie und Dyskalkulie Betroffenen viel Leid ersparen. Die systemisch-integrative Lerntherapeutin Sabine Söllner weiß, was Eltern und Kinder tun können.

Die systemisch-integrative Lerntherapeutin Sabine Söllner geht die Probleme oft spielerisch an.
von Adele SchützProfil

Legasthenie (Lese- und Rechtschreibschwäche) und Dyskalkulie (Rechenschwäche) werden oft jahrelang nicht erkannt. Durch Überforderung und Versagensängste entsteht enormer Leidensdruck. Rat und Hilfe bieten zum Beispiel Lerntherapeuten für Kinder und Jugendliche wie Sabine Söllner aus Kümmersbruck. Der Bedarf an Aufklärungsarbeit sei groß, sagt sie. Frühzeitiges Erkennen dieser Schwächen würde sowohl betroffenen Kindern als auch deren Eltern eine Menge Leid ersparen.

Es gebe sogar noch Lehrkräfte, die Legasthenie und Dyskalkulie nicht anerkennen würden oder nicht mit dem Erscheinungsbild vertraut seien. Sabine Söllner erlebt immer wieder, dass Kinder mit diesen Teilleistungsstörungen der Wechsel an ein sonderpädagogisches Förderzentrum empfohlen werde, statt die Schwächen zu therapieren. Die Arzthelferin, Fachtherapeutin für Psychotherapie und staatlich anerkannte Heilpädagogin ist bereits in ihrer Ausbildung zur Heilpädagogin mit Legasthenie und Dyskalkulie in Berührung gekommen. Bei ihrer Arbeit als sozialpädagogische Familienhilfe ist sie ebenfalls oft damit konfrontiert worden. Daraufhin beschloss sie, eine zertifizierte Zusatzausbildung als systemisch-integrative Lerntherapeutin zu machen.

Sabine Söllner bietet auf den Einzelnen zugeschnittene Therapien an. Sie sollen Fähigkeiten fördern und berücksichtigen auch Vorlieben bei der Therapiemethode. „Was neben Fachkompetenz auch ein bestimmtes Maß an Einfühlungsvermögen fordert“, sagt sie. Sie hat ein Faible für Spiele, was sie mit ihrer Therapiearbeit verbinden kann. „Zu attraktiven Spielen lassen sich die kleinen – und wenigen großen – Patienten gerne einladen“, erklärt sie. Die Therapieerfolge werden so spielerisch erreicht.

„Legasthenie und Dyskalkulie sind Teilleistungsstörungen, sprich: umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, die nicht auf eine Intelligenzminderung oder unangemessene Beschulung zurückzuführen sind“, erklärt Sabine Söllner. „Sie können einzeln, aber auch gemeinsam auftreten. Nicht selten kommt zusätzlich noch eine ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom/Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung; Anm. d. Red.) hinzu.“ Das größte Problem sei in diesem Zusammenhang der enorme Leistungsdruck auf die Kinder seitens der Schule und der Eltern und die daraus resultierenden Versagensängste und seelische Not der Kinder. Sie erreichten oftmals nur niedrige Bildungsabschlüsse, da die schulischen Förderungen nicht ausreichen würden. Ein Nachteilsausgleich würde oft nicht ausreichend erfolgen.

„Wenn Ihr Kind eine Legasthenie oder eine Dyskalkulie hat, dann sind Verständnis, Rückhalt und Geborgenheit in der Familie als engste Bezugspersonen die wichtigste Unterstützung, die man seinem Kind geben kann“, betont die Therapeutin.

Sie empfiehlt, die betroffenen Kinder über Legasthenie/Dyskalkulie zu informieren.

  • „Beschreiben Sie die Lernstörung als das, was sie ist: eine besondere Herausforderung, die zu nehmen ist.“
  • „Verdeutlichen Sie dem Kind, dass es viele andere gibt, die das gleiche Problem haben.“
  • „Erklären Sie ihm, dass diese Lernbeeinträchtigung nichts mit seiner Intelligenz und seinen Begabungen zu tun hat.“
  • „Geben Sie positive Beispiele für Menschen, die ebenfalls Legasthenie haben.“
  • "Schaffen Sie klare Perspektiven für Ihr Kind. Beschreiben Sie ihm, wie Sie als Familie mit der Unterstützung durch die Schule, Lehrer und Therapeuten das Problem gemeinsam angehen werden.“
  • „Vor allem aber nehmen Sie Druck raus: Machen Sie der Überforderungsspirale und den Versagensängsten gleich zu Hause ein Ende.“
  • „Machen Sie sich bewusst, dass es ein langer Weg wird, den die Familie gemeinsam gehen muss und erwarten Sie keine kurzfristigen Erfolge.“
  • „Wecken Sie die Lernmotivation Ihres Kindes und belohnen es für seinen Fleiß.“

Die psychische Belastung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Legasthenie und Dyskalkulie sei enorm, berichtet Sabine Söllner. Bereits in der Schule seien die Betroffenen häufig mit Misserfolgen konfrontiert.

Dazu kämen noch die Schwierigkeiten mit alltäglichen Situationen. Belastungs- und Leistungsdruck sowie das Gefühl des Versagens würden häufig weitere Probleme und Symptome nach sich ziehen.

Häufige Begleiterscheinungen bei Legasthenie – noch mehr bei Dyskalkulie – seien:

  • Schulangst bis hin zu Angststörungen und Vermeidungsverhalten
  • schulische Probleme
  • psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchweh, Übelkeit
  • psychische und soziale Belastung wie Selbstwertverlust, Schuldgefühle, Rückzug, ADHS, depressive Störung und Störung des Sozialverhaltens

„Die Ursachen für eine Lese-Rechtschreib-Störung liegen in einer komplexen Kombination mehrerer Faktoren wie Genetik, Neurobiologie, Denk- und Wahrnehmungsprozesse“, sagt sie. „Die Lese- und/oder Rechtschreibstörung sowie die Dyskalkulie sind nicht heilbar.“ Eine frühzeitige und gezielte Therapie könne jedoch helfen, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sowie im mathematischen Bereich deutlich zu mindern.

Werden sie nicht behandelt, würden die Probleme weiter zunehmen und es könne sein, dass sich Folgekrankheiten entwickeln. „Eine Therapie sowie spezielle Förderungen sind in jedem Fall anzuraten. Selbst im Erwachsenenalter kann eine Therapie noch sinnvoll sein“, so Sabine Söllner.

Die medizinische Diagnose wird bei Kindern und Jugendlichen durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten gestellt. Auch psychologische Psychotherapeuten können den Test machen.

Bei Erwachsenen dürfen Psychiater oder psychologische Psychotherapeuten eine medizinische Diagnostik vornehmen.

Eine Liste mit Therapeuten ist jeweils bei den Jugendämtern erhältlich. Weitere Informationen von Sabine Söllner gibt es auf www.lerntherapie-soellner.de oder Telefon 0175/4448933.

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