Kümmersbruck
26.03.2024 - 18:39 Uhr
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Zwei Kommunen in Amberg-Sulzbach wollen Demenz bewusst ins Ortsleben integrieren

Kümmersbruck und Ursensollen wollen Menschen mit Demenz besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen. Als "demenzsensible Gemeinden" wollen sie aber auch Verständnis wecken.

Tanzen tut gut - auch dem Kopf. Denn die Bewegungen erfordern Konzentration und Koordination. Kümmersbruck möchte als "demenzsensible Kommune" ein Angebot zum Bayerischen Tanz etablieren. Symbolbild: Caroline Seidel/dpa
Tanzen tut gut - auch dem Kopf. Denn die Bewegungen erfordern Konzentration und Koordination. Kümmersbruck möchte als "demenzsensible Kommune" ein Angebot zum Bayerischen Tanz etablieren.

Auch Menschen mit Gedächtnis-Problemen, wie sie demenzielle Erkrankungen mit sich bringen, sollen teilnehmen können am gesellschaftlichen Leben: Darum geht es in einer "demenzsensiblen Kommune". Zwei davon gibt es im Landkreis Amberg-Sulzbach. Kümmersbruck und Ursensollen sind seit Januar Teil eines entsprechenden Projektes des bayerischen Landesamtes für Pflege. Ziel ist es, "Maßnahmen zu schaffen, damit trotz Demenz das Leben in der Kommune lebenswert bleibt": So erklärt es Barbara Hernes vom Senioren-Mosaik im Naturpark Hirschwald, das als Projekt-Koordinator in der Region fungiert. Natürlich nicht zufällig, denn das Seniorenmosaik hatte bereits passende Angebote und auch Fachleute rund ums Thema Demenz, und zudem gehören die beiden Projekt-Gemeinden dem Naturpark an. Nun sollen bereits Vorhandenes weiter ausgebaut, durch Neues ergänzt, die Akteure noch besser vernetzt und die Öffentlichkeit noch mehr eingebunden und sensibilisiert werden, damit Menschen mit Demenz und ihre Familien in der Region gut leben können.

"Dabei und mittendrin"

Für Menschen mit Gedächtnisproblemen, wie es sie (nicht nur) bei Demenz gibt, passende Angebote zu organisieren, ist nur ein Teil des Projekts "Dabei und mittendrin" in Kümmersbruck und Ursensollen. Ebenso wichtig ist es, andere für die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu sensibilisieren, wodurch am Ende beide Seiten profitieren. "Es geht immer um den wertschätzenden Umgang", so fasst es Barbara Hernes zusammen. Das könne der Besuch von Schülern im Altenheim sein, der Jung und Alt einander näher bringt, aber auch, dass die Mitarbeiterin an der Supermarktkasse weiß, warum sich eine ältere Kundin vermeintlich "merkwürdig" verhält und wie sie damit umgeht, damit die Kommunikation und damit auch das Miteinander funktioniert.

Kommunen konnten sich für das Projekt bewerben, Kümmersbruck und Ursensollen wurden aufgenommen und bekommen für ihre Aktivtäten als "demenzsensible Kommunen" über 18 Monate nun eine Förderung von 20.000 Euro bei zehn Prozent Eigenbeteiligung. Dabei können laut Hernes bestehende Angebote ebenso schon genutzt werden wie Erfahrungen aus den lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz. Darauf bauen Hernes und ihre Mitstreiter, allen voran Jennifer Nelhiebel, Gerontopsychiatrische Fachkraft des Seniorenmosaiks, auf. "Wir haben mit Menschen gesprochen, die Seniorenarbeit in den Kommunen machen", um zu klären, "was wollt ihr?" Kümmersbruck hätte gern ein Angebot im Bayerischen Tanz, an dem auch Menschen mit Gedächtnisproblemen teilnehmen können, Ursensollen möchte Ähnliches im Singen anbieten.

Es geht um "Teilhabe"

"Teilhabe" ist ein Begriff, den Hernes oft benutzt. Sie nennt einen Museumsbesuch als Beispiel. Menschen, deren Gedächtnis beeinträchtigt ist, bräuchten hier andere Anknüpfungspunkte als nur die gezeigten Objekte. Deshalb wählen man ein Thema und dazu passende Ausstellungsstücke, die dann zur Grundlage spannender Gespräche mit den Senioren werden. Dabei helfen spezielle Frage-Techniken, die Museumsführern oder Gruppenleitern und damit auch den Besuchern ganz neue Wege eröffnen. Ähnliches gibt es bereits im Erzählcafé, wo beispielsweise Brauchtum im Jahreslauf oder auch Märchen Ansatzpunkte für gewinnbringenden Austausch bieten. "Uns geht es darum, positive Gefühle zu vermitteln", sagt Hernes. Das kann auch bei einem "Frühlingsspaziergang mit allen Sinnen" geschehen, der von Vogelgezwitscher und Blütenduft begleitet wird.

Verständnis für Menschen mit demenziellen Problemen vermitteln Angebote wie spezielle Unterrichtsstunden: Hier erleben

Schüler, wie es einem älteren Menschen mit Wortfindungsstörungen geht, wenn sie etwas erklären sollen, dabei aber wichtige Begriffe nicht verwenden dürfen. Die Arbeitsgruppe Soziales in Ensdorf ist schon ein paar Schritte weiter, sie bringt regelmäßig Schüler und Seniorenheimbewohner zusammen – zu Bewegung, Spielen, Gesprächen. Nachdem es anfangs laut Jennifer Nelhiebel durchaus auch schüchterne Zurückhaltung gegeben habe, freuen sich Alt und Jung inzwischen immer schon aufs nächste Treffen.

Großes Thema wird noch größer

Wie groß das Thema jetzt schon ist und dass es künftig noch größer werden wird, darauf verweist Isabel Lautenschlager, die Geschäftsführerin des Naturparks Hirschwald: Bereits jetzt sei in Deutschland bei 1,8 Millionen Menschen eine Demenz diagnostiziert. Dazu komme eine wahrscheinlich hohe Dunkelziffer und die Tatsache, dass jetzt die geburtenstarken Jahrgänge altern. Deshalb, sagt Barbara Hernes, "ist es wichtig, dass wir jetzt ausprobieren", wie die Gesellschaft demenzsensibel werden kann, "sonst ist es zu spät". Hernes und ihre Kollegen arbeiten gerade an Flyern, die das Projekt "Dabei und mittendrin" in Kümmersbruck und Ursensollen vorstellen und auch über geplante Aktivitäten informiert. Infos gibt es auch online beim Seniorenmosaik im Naturpark Hirschwald. Nächste Angebote bei "Dabei und mittendrin" sind:

  • Frühlingsspaziergang mit allen Sinnen: Samstag, 20. April, 10 bis 11 Uhr, beim Planetarium Ursensollen
  • "Gehen ist des Menschen beste Medizin"/Bewegungsspaziergang: Samstag, 25. Mai, 10 bis 11 Uhr, beim alten Bräukeller in Ursensollen.
  • weitere Info bei Jennifer Nelhiebel (0170/5886351, aktiv[at]seniorenmosaik[dot]de)
Hintergrund:

Demenz

  • "Demenz" stammt aus dem Lateinischen und lässt sich mit „ohne Geist“ übersetzen.
  • Durch eine demenzielle Erkrankung verschlechtert sich die geistige Leistungsfähigkeit
  • Gedächtnis, Denkvermögen, Orientierung, Auffassungsgabe, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen/Fähigkeit zur Entscheidung lassen nach.
  • Demenzerkrankungen sind bisher nicht heilbar.
  • Rund zwei Drittel der Betroffenen sind an einer Alzheimer-Demenz erkrankt - die häufigste Form einer demenziellen Erkrankung.
  • Bei Betroffenen löst die Diagnose Demenz häufig die Angst aus, die Selbstständigkeit zu verlieren.
  • Mit voranschreitender Alterung der Gesellschaft nimmt die Anzahl der Menschen mit Demenz zu.
  • In der Altersgruppe der über 90-Jährigen hat heute mehr als jeder Dritte demenzielle Symptome.
  • Derzeit leben in Bayern rund 270.000 Betroffene, etwa 70 Prozent davon sind Frauen.
  • Menschen mit Demenz in Bayern/Prognose: 2030 rund 300.000, 2040 rund 380.000.

Quelle/weitere Infos: www.stmgp.bayern.de/pflege/demenz/

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