22.11.2020 - 13:00 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Holzkunst, die staunen lässt: Schnitt für Schnitt zum Engel

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Holzkünstlerin Stephanie Huber verwandelt mit der Motorsäge einen Baum in eine Skulptur. Diese ziert die nächsten Jahrzehnte den Marktredwitzer Friedhof.

Stephanie Huber in Aktion. Mit einem kräftigen Schnitt schneidet sie einen mächtigen Stumpf vom Ahorn ab.
von Autor FPHProfil

Auf einmal knackt es. Mit einem Knall kracht der gut 200 Kilogramm schwere Ast an das Gerüst. Stephanie Huber weicht mit einer geschickten Drehung dem an einer Schlinge baumelnden Koloss aus. Fertig. Mit einem spektakulären Schnitt hat die Holzbildhauerin aus Hildenbach die Arbeit an ihrem aktuellen Werk begonnen: Sie verwandelt am Vorplatz der Aussegnungshalle am Marktredwitzer Friedhof einen Spitzahorn in eine vier Meter hohe Engelsskulptur.

Eigentlich sollte der Baum aus Sicherheitsgründen weg. Die Trockenheit der vergangenen Jahre hat dem mächtigen Ahorn stark zugesetzt. „Die rechte Seite war bereits völlig dürr“, sagt Jürgen Gläßel, Baumschutzbeauftragter der Stadt Marktredwitz. Für die Besucher des Platzes wäre der Baum zunehmend zur Gefahr geworden. Es bestand die Gefahr, dass Äste abbrechen. Schweren Herzens hat der Baum-Experte der Stadt daher beschlossen, das stattliche Exemplar zu entfernen. Doch als Jürgen Gläßel den alten Spitzahorn so betrachtete, sah er in ihm die Form eines Engels. „Man kann die zwei Flügel erkennen.“

Bis Weihnachten

Über Innenstadt-Koordinator Dominik Hartmann kam Gläßel in Kontakt mit der Hildenbacher Holzkünstlerin Stephanie Huber. Die 45 Jahre alte studierte Forstingenieurin und Künstlerin war schnell von der Idee angetan. Bis Weihnachten will sie mit der Arbeit fertig sein. Voraussichtlich an den Feiertagen wird der vier Meter hohe Engel den Menschen am Friedhof Trost und sicher auch Freude spenden.

Noch kann sich ein Laie kaum vorstellen, wie aus dem Baumstamm ein Engel werden soll. „Ich muss langsam arbeiten, Schnitt für Schnitt behutsam setzten“, sagt Stephanie Huber im Gespräch mit der Frankenpost. Eine Skizze, wie sie sich den Engel vorstellt, hat sie gezeichnet. Doch wenn sie mit ihren Kettensägen vor dem Baum steht, ist das noch einmal etwas anderes.

Das Thema Engel macht mich schon demütig.

Stephanie Huber

Heute wuchtet die Frau eine Säge mit einem 90 Zentimeter langen Schwert auf das Gerüst, das um den Baum herum aufgebaut ist. Zunächst muss sie den Spitzahorn zuschneiden. Das bedeutet, die mächtigen Aststümpfe zu entfernen, die noch vorhanden sind. So kraftaufwendig die Arbeit ist, so viel Gefühl ist auch notwendig. Die Stümpfe sind mit einer Schlinge gesichert, die an einem Kran befestigt ist. Diesen steuert Jürgen Gläßel mit einem Joystick und verlädt die schweren Brocken auf einen Laster.

Schützende Lasur

Seit 20 Jahren erschafft Stephanie Huber mit ihren Motorsägen Skulpturen. „Diese hier ist nicht die größte“, sagt sie. Vor vier Jahren hat sie zum Beispiel in Ismaning einen fast neun Meter hohen Baum in ein Kunstwerk verwandelt. „Eichen und Eschen sind in aller Regel lange haltbar. Dies ist mein erster Ahorn, daher kann ich die Lebensdauer des Kunstwerks nicht genau einschätzen.“ Ist der Engel fertig, wird die Künstlerin das Kunstwerk mit einer Lasur überziehen, um es vor Witterungseinflüssen zu schützen. Baumschutzbeauftragter Jürgen Gläßel glaubt, dass sich sicherlich die nächsten 20, 25 Jahre die Friedhofsbesucher an dem Engel erfreuen werden.

„Das Thema Engel macht mich schon demütig“, sagt Stephanie Huber. Es passe jedoch hervorragend zu dem Platz und auch in die Zeit. Damit liegt sie auf einer Linie mit Jürgen Gläßel. Für ihn ist die hier entstehende Skulptur auch ein Zeichen der Hoffnung inmitten der Corona-Zeit. „Daher habe ich mir gedacht, ,Engel der Hoffnung’ könnte ein guter Name sein.“ Er sei froh, dass aus dem dürren Spitzahorn am Marktredwitzer Friedhof eine in der Region einmalige Engelsskulptur werde. „Wenn sie fertig ist, werden wir auch das Umfeld noch etwas schöner gestalten.“ So sollten rings herum Blumen blühen und ebenfalls zum Verweilen einladen.

Die Arbeit an dem Engel ist körperlich enorm anstrengend. „Daher werde ich vermutlich kaum täglich acht Stunden mit der Motorsäge arbeiten, da ich sonst nach einiger Zeit mehrere Tage zur Regeneration benötigen würde“, sagt Stephanie Huber. Sollte das Wetter mitspielen, wird die Skulptur dennoch bis Weihnachten fertig werden. „Das ist mein Ziel, da es ein sehr schöner Zeitpunkt wäre. Allerdings hängt dies stark vom Wetter ab. Bei Eisregen kann ich hier nicht arbeiten.“

Lebendig wirkende Konturen

In den nächsten Tagen und Wochen werden die Proportionen des Engels immer deutlicher aus dem Baumstumpf heraustreten. Die schiere Größe des Baumes, die schweren Sägen und das sicherlich häufig nicht allzu gute Wetter sind Herausforderungen, die Stephanie Huber gerne annimmt. „Ich freue mich, die Idee umsetzen zu können. Wichtig ist zunächst, dass ich mir immer sicherer werde, wo genau ich beginnen und schneiden soll.“ Hier kommt das anfangs angesprochene Gefühl ins Spiel, ohne das ein derartiges Projekt nicht umsetzbar wäre. Das Gesicht des Engels wird die Künstlerin zunächst mit der Motorsäge formen und ihm anschließend mit dem Winkelschleifer lebendig wirkende Konturen verleihen. Eines ist schon heute klar: Dieser Engel am Marktredwitzer Friedhof wird Hoffnung verleihen.

Da auch die Verantwortlichen für die Stadtfinanzen von der Idee mit dem Engel begeistert waren, haben sie Wege gefunden, das Projekt zu finanzieren. Auch Jürgen Gläßel hat dazu beigetragen. Er wird einige der geplanten Baumpflanzungen am Friedhof verschieben. „Das ist sinnvoll, da wir in nächster Zeit ein neues Baumkonzept erarbeiten und daher noch etwas warten sollten.“

Übrigens: Mehrere eindrucksvolle Holzskulpturen von Stephanie Huber sind im Waldershofer Stadtpark zu sehen. Unter anderem steht auf dem Kiosk-Vorplatz auch ein Sofa mit Tisch, das derart realistisch wirkt, dass sich so mancher Besucher gewundert hat, warum es so hart ist.

Die "Rawetzer Kalendergeschichte(n) 2021" beschäftigen sich mit altem Handwerk

Marktredwitz
So wird der Engel einmal aussehen.
So hat der Spitzahorn ausgesehen.

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