27.10.2020 - 18:52 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Verhängnisvoller Schuss auf Luchs im Fichtelgebirge

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Der Vorsitzende der Jägerschaft Fichtelgebirge, Ekkehard Schwärzer, ist über den Kollegen, der versehentlich Luchs Ivan erschoss, entsetzt. Er empfiehlt ihm, den Jagdschein abzugeben.

Der zugewanderte und jetzt höchstwahrscheinlich getötete Luchs Ivan wurde im Rahmen des Monitorings wiederholt fotografiert.
von Autor FPHProfil

Der Mann, der den Luchskuder "Ivan" zur Strecke gebracht hat, geht seit gut zehn Jahren leidenschaftlich zur Jagd. Er saß vor einigen Tagen als Jagdgast auf der südlichen Schneeberg-Seite im Revier Meierhof des Forstbetriebs Selb auf dem Hochsitz. Als er ein Wildschwein zu erkennen glaubte, drückte er ab. Getroffen hat er einen Luchs, wie sich bei der Nachsuche einige Zeit später herausstellte. Gefunden hat den Kadaver nicht der Jäger, sondern ein Förster des Forstbetriebs Selb, auf dessen Gebiet sich das Tierdrama ereignete.

Es gibt auch gute Nachrichten über die Luchs-Population

Friedenfels

Mittlerweile scheint klar, dass der Luchs ein guter Bekannter im Steinwald war: Es handelt sich um "Ivan" aus dem Harz, der vor ziemlich genau zwei Jahren im Steinwald aufgetaucht ist. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Luchs, Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg aus Friedenfels, hält dies zumindest für sehr wahrscheinlich. "Hundertprozentige Gewissheit kann nur ein Gentest bringen. Allerdings hat ,Ivan' ein sehr auffälliges Fleckenmuster, das dem des getöteten Luchses gleicht", sagt der Experte im Gespräch mit der Frankenpost.

Besonders bitter: "Ivan" ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Vater der drei jungen Luchse aus dem Steinwald. Für Freiherr von Gemmingen-Hornberg ist der Vorfall ein herber Verlust. Immerhin sei die Luchs-Population in Deutschland zum Beispiel weit geringer als die beim Wolf. Auch die Reproduktionsrate der beiden Beutegreifer sei höchst unterschiedlich. "Man geht davon aus, dass die Population des Wolfes pro Jahr um etwa ein Drittel wächst. Das heißt, wenn heuer um die tausend Wölfe in Deutschland leben, werden es im kommenden Jahr um die 1300 sein. Beim Luchs ist die Reproduktionsrate geringer."

Dass der Steinwald-Luchs im Hohen Fichtelgebirge unterwegs war, ist nicht ungewöhnlich. "Kuder, also männliche Luchse, haben riesige Reviere und streifen viel umher", sagt von Gemmingen-Hornberg. Gut möglich, dass "Ivan" auf der Suche nach "Julchen" war, die vor Kurzem im Fichtelgebirge ausgewildert worden ist.

"Ein herber Verlust"

Trotz des schweren Verlustes ist der Vorsitzende des Arbeitskreises Luchs Nordbayern optimistisch, dass irgendwann wieder ein Kuder in die Gegend kommt. "Immerhin gibt es ja im Steinwald und im Fichtelgebirge nun zwei Weibchen, wenn das nicht verlockend ist ..."

Ekkehard Schwärzer, Vorsitzender der Jägerschaft Fichtelgebirge, ist entsetzt über den Vorfall. "Wenn man einen Luchs nicht von einer Sau unterscheiden kann, dann tut es mir echt leid. Was wäre gewesen, wenn ein Mensch auf allen Vieren beim Pilzesammeln unterwegs gewesen wäre?" Der Vorsitzende der Jäger nimmt kein Blatt vor den Mund: Schießen sei immer eine vorsätzliche Handlung, bei der eine Kreatur getötet wird. "Genau deswegen müssen Jäger so umsichtig sein und dürfen natürlich niemals den Finger am Abzug krumm machen, wenn sie nicht wirklich ganz genau sehen, auf was sie zielen."

Hintergrund:

Erinnerungen an den erschossenen Mann aus dem Maisfeld

Am 8. September 2012 erschoss ein Jäger in der Nähe von Schönwald im Naturpark Fichtelgebirge einen 26 Jahre alten Mann, der sich in einem Maisfeld herumtrieb. In den frühen Morgenstunden hatte der Jäger ebenfalls geglaubt, er schieße auf ein Wildschwein. Tragischerweise war zu nachtschlafender Zeit der junge Mann im Drogenrausch unterwegs und geriet dabei in die Nähe des Hochsitzes des Jägers.

Der Jäger ist drei Jahre später wegen fahrlässiger Tötung zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Für den Vorsitzenden der Jägerschaft Fichtelgebirge, Ekkehard Schwärzer, ist der Fall von vor wenigen Tagen klar: "Ich habe den Jäger aufgefordert, seinen Jagdschein zurückzugeben, bis der Sachverhalt endgültig geklärt ist." Momentan ermittelt die Staatsanwaltschaft aber wegen einer Straftat, bei der nicht nur der Jagdschein auf dem Spiel steht. Luchse sind nach verschiedenen rechtlichen Kriterien streng geschützt, sodass das Töten eines Tieres strafrechtlich verfolgt wird. So lange der Vorfall nicht juristisch geklärt ist, will sich der Leiter des Forstbetriebs Selb, Michael Grosch, nicht näher dazu äußern. Nur so viel: Bei dem Jäger handelte es sich nicht um einen Förster aus dem Forstbetrieb, sondern um einen Jagdgast. "Wir haben viele Jagdgäste in unseren Revieren, das ist also keineswegs ungewöhnlich."

Ekkehard Schwärzer kann nicht verstehen, warum der Jäger keinen Nachtsichtvorsatz an seinem Gewehr hatte. "Bei den Sichtverhältnissen, die damals herrschten, kann die Distanz zwischen Jäger und Luchs nicht allzu groß gewesen sein. Mit einem Nachtsichtvorsatz hätte er die Großkatze sicherlich erkannt." Am 20. Februar ist das neue Waffenrecht in Kraft getreten. Demnach sind für Jäger Nachtsichtvorsätze und Nachtsichtaufsätze für Zielfernrohre waffenrechtlich nicht mehr verboten. Jagdrechtlich ist der Einsatz von Nachtzieltechnik eigentlich zwar nicht erlaubt. In Bayern haben aber das Landwirtschafts- und das Innenministerium den Einsatz von Nachtsichttechnik für Jäger erleichtert. Besondere Gründe für eine Einzelgenehmigung liegen wegen der akuten Gefahr eines Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest vor. Die Ausnahme vom Verbot gilt daher nur für die Schwarzwildjagd.

Jäger wussten Bescheid

Luchs "Ivan" ist in den vergangenen Wochen offenbar immer wieder mal im Raum Bischofsgrün und Schneeberg unterwegs gewesen. Die Jäger in der Region wussten über den Luchs Bescheid. Ekkehard Schwärzer: "Wir hängen derartige Sichtungen aber nicht an die große Glocke." Für den Fehlschuss bringt er kein Verständnis auf. "Das erste Gebot in der Jägerschaft lautet: ,Was du nicht kennst, das schieß nicht tot'. Dagegen habe der Jagdgast ganz klar verstoßen. Es ist unverzeihlich, wenn der Jagdeifer größer ist als die Sorgfalt." Dem Vernehmen nach hat sich der Jäger schon einige Dinge geleistet, die nicht ganz korrekt waren. Genauer wollte sich Schwärzer nicht äußern, da der Vorfall zu einem laufenden staatsanwaltschaftlichen Verfahren geworden ist. Mit Luchsen haben die Jäger im Fichtelgebirge übrigens kein Problem: "Im Gegenteil. Sie sind hier willkommen."

2018 tauchte ein zweiter männlicher Luchs im Gebiet Steinwald auf

Friedenfels

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