Die Fassbinderei in Tirschenreuth am Leben erhalten

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Zum immateriellen Kulturerbe wurde die Fassbinderei in Tirschenreuth erklärt. Dem viele Hundert Jahre alten Handwerk hat sich der Arbeitskreis Historisches Handwerk verschrieben. Denn die Tradition soll nicht in Vergessenheit geraten.

Herbert Konrad demonstriert, wie man auf traditionelle Weise ein Fass herstellt.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Herbert Konrad (72), Vorsitzender des Arbeitskreises Historisches Handwerk Tirschenreuth, hat es gemeinsam mit seinen 42 Mitgliedern geschafft: Die Fassbinderei ist in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturgutes aufgenommen worden. Dass es jemals dazu kommt, hätte sich noch vor über 20 Jahren, als sich der Arbeitskreis gegründet hat, niemand zu träumen gewagt.

Fährt man als Auswärtiger durch das kleine Dorf Matzersreuth bei Tirschenreuth, lässt sich nicht erahnen, was sich hinter den Mauern der Scheune verbirgt: eine wahre Fundgrube aus Jahrzehnte alten Werkzeugen. Zwei Drittel des Raumes machen die Fassbinde-Maschinen aus, auf dem Boden liegen Holzspäne.

Mit der Daubenbiegemaschine, 110 Jahre alt, bringen Herbert Konrad und seine Mitglieder die Holzstücke für die Fässer in Form.

Überall ein Stück Geschichte

Konrads Hände sind rau und spröde von der Arbeit in der Werkstatt. Er trägt seine gelbe Schürze, hat schon am frühen Morgen gewerkelt in der winterkalten Scheune. Mit alten, historischen Werkzeugen fertigen er und weitere 15 aktive Mitglieder Stühle, Gehstöcke, Schöpfer - und binden Fässer.

Überall an den Wänden hängt ein Stück Geschichte. Mit jedem Foto, jedem Schriftstück, verbindet Konrad eine Erinnerung. Und wenn er über seine Leidenschaft, das Handwerk, spricht, ist der Redefluss des ehemaligen Polizisten kaum zu bremsen. "Meine Frau sagt oft, ich könnte doch gleich in der Scheune schlafen."

Dass die Matzersreuther Fassbinderei nun als immaterielles Kulturerbe gilt, macht Konrad merklich stolz. Der Weg dorthin war jedoch alles andere als klar vorgezeichnet.

Neben dem Fassbindehandwerk wurde ein weiteres Kulturgut in die Liste aufgenommen

Tirschenreuth

Maschinen und Inventar vor Verschrottung gerettet

Der Abriss der Fassbinderwerkstatt von Josef Mickisch 1997 in Tirschenreuth markierte die Geburtsstunde des Arbeitskreises, wie Konrad erzählt. "Damals war ich noch Mitglied im Stadtrat."Als die Unterlagen zum Abbruch auf seinem Tisch lagen, habe er die Räte gefragt, ob sie sich bewusst seien, was dort alles für Schätze zu finden seien. Konrad kannte das Innenleben der Fassbinderei, hatte zu Produktionszeiten selbst ein Fass erworben. Bis heute hat er jenes prominent in der Werkstatt platziert.

"Das Zeug wäre damals einfach verschrottet worden", sagt Konrad. Er schüttelt den Kopf. "Wir haben dann den Bezirksheimatpfleger eingeschaltet." Historikerin Anita Zwicknagl übernahm die Inventarisierung der Stücke. Konrad und seine Mitstreiter konnten durch ihr Engagement all die alten Maschinen und Werkzeuge retten.

Er führt durch die große Scheune, die bis in jedes Eck gefüllt ist mit gesammeltem Inventar, alte Fässer stapeln sich. Die Maschinen aus der Fassbinderei Mickisch sind teilweise über 100 Jahre alt. "Sie funktionieren bis heute", sagt Konrad. Mit ihnen arbeiten die Mitglieder in der Werkstatt nach alter Tradition.

Hier geht es zum Teil der Handwerkerscheune, der nur der Fassbinderei gewidmet ist.

Gemeinsamer Ort zum Werkeln

Von Anfang an sei es die Idee des Arbeitskreises gewesen, einen Ort zu errichten, an dem Interessierte historisches Handwerk erlernen und sich gegenseitig schulen können. "Im letzten Jahr hatten wir über 20 Anmeldungen", sagt Konrad. Dann kam Corona.

Die Zeit haben die Mitglieder genutzt, um sich als immaterielles Kulturerbe zu bewerben. "17 Seiten haben wir abgegeben." Die Unterlagen, gesammelt in einer dicken Mappe, liegen vor ihm auf dem selbstgezimmerten Tisch. "Wir haben es einfach probiert." Und nach dem zweiten Anlauf hat es geklappt: Am Mittwoch kam die Zusage. Das freut auch Bürgermeister Franz Stahl. Er sagt: "Die Aufnahme in die Liste ist eine große Aufwertung der Arbeit, aber auch der ehemaligen Mickisch-Sammlung."

Nun, da die Fassbinderei zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt worden ist, erhoffen sich Konrad und seine Mitglieder ein noch breiteres Interesse. Einen Fernseher wollen sie vielleicht montieren für Besucher, um Videos abspielen zu können. Ansonsten soll alles beim Alten bleiben. Konrad schmunzelt. "Für uns geht die Arbeit ganz normal weiter."

Hintergrund:

Immaterielles Kulturerbe

Immaterielles Kulturerbe stifte Identität und stärke den gesellschaftlichen Zusammenhalt, heißt es aus dem Heimatministerium. In seiner Mitteilung schreibt es zur Fassbinderei Tirschenreuth: "Der Arbeitskreis trägt in vorbildlicher Weise zur Erhaltung traditioneller Handwerkstechniken bei, zudem wird hier Geschichte im regionalen Rahmen erfahrbar."

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