23.04.2021 - 12:59 Uhr
Michelfeld bei AuerbachOberpfalz

Die Angst vor dem Wolf geht um in der Oberpfalz

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Gerissene Schafe, verendete Tiere am Straßenrand: Die Meldungen zu Wölfen häufen sich auch in der Oberpfalz. Die Bevölkerung ist gespalten. Jäger und Landwirte stehen Befürwortern gegenüber. Wie ist die Stimmung rund um den Wolf?

Der Wolf breitet sich auch in der Oberpfalz immer mehr aus. Für viele Landwirte und Jäger wird das zum Problem.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Peter Beer, Kreisobmann des Bauernverbands Amberg-Sulzbach, weiß: "Die Angst in der landwirtschaftlichen Bevölkerung ist groß." Denn der Wolf ist zurück in Bayern – und sorgt für Angst und Schrecken. Erst vor Kurzem riss ein Wolf Hirsche in einem Gehege bei Betzenstein (Kreis Bayreuth), 18 Tiere fielen dort einem Wolfsangriff zum Opfer. Auch in Michelfeld (Stadt Auerbach) hat ein Wolf ein Schaf gerissen, wie eine Genanalyse abschließend bestätigte. Das getötete Schaf war der erste gesicherte Riss eines Nutztieres durch einen Wolf im Landkreis Amberg-Sulzbach, seit die Wölfe nach Bayern zurückgekehrt sind.

Nach einer Genanalyse ist klar: Bei Auerbach hat ein Wolf ein Schaf gerissen

Auerbach

Normalerweise stehen auf dem Speiseplan der Wölfe Aas, Kleinsäuger und größere Huftiere. Eine Sprecherin des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) erklärt: "Dies sind in Mitteleuropa bei Wildtieren vor allem Reh, Rotwild und Wildschwein." Ist wildlebende Beute als Nahrungsgrundlage jedoch nicht ausreichend vorhanden, "können auch ungeschützte Nutztiere zur Beute werden" – genau wie in Betzenstein und Auerbach.

Die Sicht der Landwirte

Die Stimmung bei den Landwirten in Amberg-Sulzbach ist nach den Vorfällen gedrückt. Bäuerin Maria Regn aus Michelfeld gibt zu, dass eine gewisse Vorsicht nach dem Vorfall entstanden ist, "aber Angst wäre übertrieben". Natürlich fange man an zu überlegen, wenn man alleine oder mit den Kinder in den Wald gehe. "Man ist einfach ein bisschen vorsichtiger geworden." Auch viele Nutztierhalter in der Region seien beunruhigt, Schutzmaßnahmen aber noch kein großes Thema. Wenn der Wolf eine kritische Anzahl erreicht, wäre Maria Regn dafür, die Vermehrung einzugrenzen. "Man sollte schon eingreifen und das nicht einfach unkontrolliert laufen lassen. Die Entwicklung im Moment sieht man schon kritisch."

Stephan Grafe beschäftigt sich seit vielen Jahren ehrenamtlich mit dem Thema Wolf und ist auch in zahlreichen Organisationen aktiv. Das Thema ist "hoch emotional", weiß der Wolfsbefürworter. Drei große Konflikte gebe es: Wolf und Nutztierhaltung, Wolf und Mensch sowie Wolf und Jagd. Während es bei der Bevölkerung vor allem auf eine gute Aufklärungsarbeit und die Informationsverbreitung ankomme, müsse bei der Nutztierhaltung die Politik mehr Engagement zeigen, fordert Grafe. Die Politik müsse Rahmenbedingungen schaffen, die es der Landwirtschaft ermöglicht in Koexistenz mit dem Rückkehrer Wolf zu leben. "Auch wenn es in Bayern seit letztem Jahr die Förderrichtlinie gibt, besteht immer noch Handlungsbedarf."

Die Förderrichtlinie

Die Förderrichtlinie soll Nutztierhaltern in Gebieten mit standorttreuen Wölfen – also auch um die Region Veldensteiner Forst sowie Truppenübungsplätze Grafenwöhr und Hohenfels – finanzielle Unterstützung bei Material- und Montagekosten für Schutzmaßnahmen bieten. Neben der Förderung für Zäune gibt es auch eine für Herdenschutzhunde. Halter von Nutztieren, die nachweislich von einem Wolf gerissen wurden, erhalten eine Ausgleichszahlung.

Gabriele Dürer vom Landwirtschaftsamt Amberg bekommt seit Eröffnung des Förderprogrammes vor fast einem Jahr laufend Anfragen und Anträge für die Förderung, vornehmlich von Rinderhaltern sowie Schaf- und Ziegenhaltern. "Erst seit den aktuellen Wolfsrissen fragt der eine oder andere Gehegewildhalter nach. Das wundert mich grundsätzlich, da laut Regierung der Oberpfalz im Landkreis Amberg-Sulzbach fast 50 Prozent der Wildhalter der gesamten Oberpfalz sitzen."

Grafe hat auch als Wolfsbefürworter Verständnis für die Nutztierhalter: "Es ist absolut klar, dass es für sie einen erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand bedeutet." Trotzdem sei ein flächendeckender und frühzeitiger Herdenschutz eine effektive Schutzmöglichkeit für Nutztiere.

Der Kreisobmann des Bauernverbandes Amberg-Sulzbach, Peter Beer, sieht den Herdenschutz nicht als alleinige Lösung gegen den Wolf, auch er erkennt viel Handlungsbedarf. Der Herdenschutz stelle zwar eine wichtige Schutzmaßnahme dar, nicht überall ließe die sich aber so leicht umsetzen. Bauern würden dadurch an Flächen gebunden und die Zaunbauten seien teils sehr aufwendig. Nach einer Sitzung am vergangenen Freitag, weiß er, wie die Gemütslage unter den Landwirten ist: "Die Stimmung ist schon aufgewühlt, die Emotionen bei den Betroffenen sind groß."

Mehr Kommunikation nötig

Der Wolf sei eine Bedrohung für die Landwirtschaft, der Umgang mit dem Tier erfordere viel Verständnis zwischen den Beteiligten. Peter Beer hinterfragt auch das Engagement des LfU: "Ich sehe, dass es Möglichkeiten gibt genau zu wissen, wo der Wolf wann ist, zu wissen, wann eine Bedrohung vorliegt. Ich wünsche mir eine deutlichere Kontrolle des Wolfs." Die Daten, die erhoben werden, sollten genutzt werden, um eine Lösung zu finden, fordert Beer. "Die Kommunikation zwischen LfU, Wolfsbeauftragten und den Betroffenen fehlt schon sehr stark." Besonders bei Fällen wie in Betzenstein, wo zahlreiche Tiere brutal gerissen würden, fehle Beer das Verständnis. "Das ist der Punkt, wo ich den Tierschutz hinterfrage und ich in einem Zwiespalt bin."

Wolfkenner Stephan Grafe erklärt, dass es sich bei dieser Art von Verhalten um das sogenannte "Sur plus Killing" handelt. "Das hat etwas mit dem Beute-Greif-Reflex zu tun. Alles was flattert, sich bewegt wird getötet. Kommt der Wolf dann nicht zum Fressen der erlegten Tiere, wird der Reflex von Neuem gestartet. Ähnlich wie beim Fuchs oder Marder im Hühnerstall."

Kreisobmann Peter Beer sieht den Schutzstatus des Wolfes bei Problemen wie diesen aber zu hoch gehängt. "Ob der Abschuss der richtige Weg ist", weiß er trotzdem nicht. Fest steht für Beer, dass die betroffenen Landwirte mehr Unterstützung benötigen. "Der finanzielle und zeitliche Aufwand zum Herdenschutz, die Verantwortung dafür, hängt aktuell nur an den Landwirten und das finde ich nicht korrekt. Warum übernimmt das LfU da nicht mehr Verantwortung?" Nur meckern möchte der Kreisobmann aber nicht, denn letztendlich gehe es darum "eine zukunftsorientierte Lösung für alle Beteiligten zu finden".

Tier mit Imageproblem

Seit 1996 leben Wölfe wieder in Deutschland, seit 2006 können sie in Bayern nachgewiesen werden. Dass es in Zukunft häufiger zu Begegnungen zwischen Mensch und Wolf kommen könnte, ist nicht unwahrscheinlich. Nach Informationen des LfU nimmt die deutsche Wolfspopulation derzeit pro Jahr um etwa 30 Prozent zu. Rund 120 Territorien gibt es in Deutschland, Platz wäre für rund 1400.

Karte: Wölfe in Deutschland (Quelle: Stephan Grafe)

Doch das sind "weit mehr als gesellschaftlich akzeptiert" würden, meint Grafe. Auch in Bayern steigt die Anzahl der Territorien: Aktuell sind es acht mit standorttreuen Wölfen. Im Veldensteiner Forst und im Manteler Forst in der Oberpfalz und in Franken leben standorttreue Rudel – mit Nachwuchs. Auch auf dem Gelände der Truppenübungsplätze Grafenwöhr und Hohenfels sind Wölfe zuhause.

Viele Menschen haben Angst vor Wölfen, das Image des "bösen Wolf" haftet dem Tier an. Doch seit der erneuten Anwesenheit der Tiere in Deutschland hat es keinen Angriff auf Menschen durch Wölfe gegeben, wie das LfU mitteilt. Eine Sprecherin erklärt: "Der Wolf ist von Natur aus vorsichtig und weicht dem Menschen aus. Im Einzelfall können besonders Jungtiere dem Menschen gegenüber unerfahren und neugierig sein. Dies stellt aber keine Gefährdung des Menschen dar." Nicht immer ergreife der Wolf beim Anblick von Menschen sofort die Flucht, oft ziehe sich das Tier langsam und gelassen zurück. Stephan Grafe erklärt dazu: "Natürlich ist der Wolf ein Raubtier und physisch in der Lage Menschen zu verletzen. Wildschweine oder Hirsche sind das aber auch." Wenn man sich im Wald – dem "Wohnzimmer der Wildtiere" – bewege sollte man sich immer vorsichtig und rücksichtsvoll verhalten.

Lernen von anderen Bundesländern

Was gerade in der Oberpfalz mit den Wölfen passiert, haben andere Bundesländer wie Sachsen und Brandenburg schon hinter sich. Wirft man einen Blick auf die Karte mit den Wolfssichtungen, ist dort kaum ein Fleck unberührt: Im Osten und Norden Deutschlands hat sich der Wolf bereits stark ausgebreitet. Doch was kann die Oberpfalz von diesen Entwicklungen lernen?

Stephan Grafe erklärt den Ablauf der Verbreitung: "Eigentlich läuft die Rückkehr der Wölfe immer nach dem selben Muster ab. Es siedeln sich Einzeltiere an, dann Paare aus denen dann Rudel werden. Es kommt zum Übergriff auf Nutztiere, was meist einen medialen Aufschrei nach sich zieht. Im Idealfall setzen sich die Betroffenen dann an einen Tisch und erarbeiten Lösungen für die gemeinsame Koexistenz von Mensch und Wolf."

Dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist, zeige die Entwicklung in diesen Gegenden. In der Lausitz (Region im Süden Brandenburgs und Osten Sachsens) beispielsweise werde der Wolf auch als "Chance" gesehen, erklärt Grafe. "Dort gibt es viele Wolfswanderungen und Wolfsradwege. Man kann den Wolf auch als Chance für den Tourismus betrachten und Wolfs-Exkursionen anbieten, auch in der Oberpfalz."

Die Sicht des Jägers

Jäger, wie Anton Fuchs von der Jägerkameradschaft Auerbach, sehen das oft anders. Der Wolf ist für sie mehr Bedrohung denn Chance. Und das obwohl Anton Fuchs den Wolf und die Natur sehr schätzt. Die Frage „Bist du für oder gegen den Wolf?“ könne er nicht mit kurzen Worten beantworten: "Häufig ist diese Frage auch nicht fair gestellt, da uns Jägern ja ein Neid zum Rivalen Wolf unterstellt wird. Das ist so nicht richtig. Es ist wesentlich komplexer."

Für die Jäger sei die Anwesenheit des Wolfes so, als wenn sich ein Wilderer herumtreiben würde. "Ich weiß, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine bin. Vielen Pächtern geht es so, dass sie tagelang kein Wild mehr sehen und ihren Abschuss nach Plan nicht erfüllen können." Das Rehwild traue sich nicht mehr heraus. "Gleichzeitig sollen wir Jäger mehr Rehe schießen, weil sonst der Jungwald nicht nachwachsen kann, weil er verbissen wird. Rehe fühlen sich durch Wolf, Wanderer und viele andere Freizeitaktivisten gestört."

Für Wolfsbefürworter Stephan Grafe ist auch bei diesem Konflikt in Zukunft viel Aufklärung nötig. "Ein Jäger, der seit 30 Jahren auf die Jagd geht, hat in seiner Ausbildung nicht viel vom Wolf mitbekommen." So könne beispielsweise der Wolf auch die Bestände in einem Jagdrevier fitter machen, weil er effektiver als der Mensch selektieren kann.

Schutz - ja oder nein?

Besonders den strengen Schutzstatus des Wolfes sieht Anton Fuchs aber kritisch: "Der Wolf ist keine bedrohte Art. Also benötigt er in Deutschland nicht den Status 'streng geschützt'. Ich bin der Meinung, dass es ein großer Fehler war, den Wolf bereits so lange in Europa unter diesen absoluten Schutz zu stellen, wie er ist." Dadurch habe sich der Wolf ungehindert ausbreiten und mit der Kulturlandschaft arrangieren können. Der Wolf sei ein wunderbares Tier, das an vielen Stellen der unberührten Natur für Gleichgewicht sorge, aber "in unserer, seit vielen Jahrzehnten sich entwickelten Kulturlandschaft führt er zu Störungen und auch Gefahren, die unverhältnismäßig und unverantwortlich sind".

Für Stephan Grafe sollte der Abschuss von Wölfen allerdings nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen: "In seltenen Fällen gibt es beispielsweise auch Tiere, die springen lernen und die Schutzzäune überwinden. Das Wolfsmanagement würde sich unglaubwürdig machen, wenn solche Tiere dann nicht auch geschossen werden würden." Die Diskussion, darüber, ob einzelne Gebiete wolfsfrei gehalten werden oder Wölfe in größer Stückzahl geschossen werden sollten, hält Grafe allerdings für obsolet, da sich "in absehbarer Zeit am Schutzstatus nichts ändern werde". Nur frühzeitig auf einen flächendeckenden Herdenschutz zu setzen, könne zur Konfliktlösung beitragen.

Oberpfalz: Wölfe sterben auf Straße

Mantel

Totes Schaf bei Auerbach

Auerbach

Schafriss bei Michelfeld: Jungwolf war am Werk

Auerbach

Informationen zum Wolf beim LBV

Informationen zum Wolf beim LfU

Informationen zur Förderung von Herdenschutzmaßnahmen

Hintergrund:

So verhalten Sie sich richtig bei der Begegnung mit einem Wolf

  • Haben Sie Respekt vor dem Tier.
  • Laufen Sie nicht weg. Wenn Sie mehr Abstand möchten, ziehen Sie sich langsam zurück.
  • Falls Sie einen Hund dabeihaben, sollten Sie diesen in jedem Fall anleinen und nahe bei sich behalten.
  • Füttern Sie niemals Wölfe; die Tiere lernen sonst sehr schnell, Menschen mit Futter in Verbindung zu bringen und suchen vielleicht aktiv die Nähe von Menschen.
  • Wolfssichtungen können beim LfU unter fachstelle-gb[at]lfu.bayern[dot]de gemeldet werden. Unter www.lfu.bayern.de gibt es ein Formular dazu. Meldungen nehmen auch das zuständige Landratsamt oder Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (in dringenden Fällen auch die Polizei) entgegen.

Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt

 

 

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