16.10.2020 - 15:34 Uhr
MitterteichOberpfalz

Corona-Impfung in Schott-Glas aus Mitterteich

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Als Corona-Hotspot machte Mitterteich im März negative Schlagzeilen. Bald könnte das Gegenteil der Fall sein: Denn der Glaskonzern Schott und dessen Standort im Herzen der Stadt spielen bei der zukünftigen Corona-Impfung eine große Rolle.

Sauber verpackt und in perfekter Qualität – nur so dürfen die Glasrohre das Mitterteicher Werk verlassen. Aus den Rohren werden die Impf-Fläschchen geschmolzen.
von Martin Maier Kontakt Profil

Jede zweite Impfdosis weltweit steckt in einem Glasrohr der Schott AG. Und das wird auch am Standort in Mitterteich produziert. In dem Werk sind rund 1250 Mitarbeiter beschäftigt. Diese tragen künftig dazu bei, dass die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt wird.

Zwar steht noch nicht fest, woher ein Corona-Impfstoff kommen wird - in welcher Verpackung er stecken wird, hingegen schon: nämlich in Glas des Weltkonzerns Schott. Das ist nach Angaben von Ludwig Bundscherer, Manager Standortmarketing und Kommunikation, beim Weltmarktanteil der Mitterteicher zumindest für Europa sicher. Schott sei in Sachen Corona wohl das systemrelevanteste Unternehmen Bayerns.

Glas von höchster Qualität

Denn den Großteil dieses Pharmarohrs stellt der Konzern in Mitterteich her. Zudem stehen dafür Schmelzwannen in Mainz, Rio de Janeiro (Brasilien), Jambusar (Indien) und bald auch in Jinyun County (China).

Borosilikatglas, Fiolax, Pharmatubing – die Begriffe der medizinischen Verpackungswelt sind nicht gerade leichtgängig. „Vielleicht liegt es daran, dass viele Menschen in der Region gar nicht so genau wissen, was in der Mitterteicher Glashütte von Schott eigentlich hergestellt wird“, erklärt Standortleiter Stefan Rosner. Das Geheimnis ist ein Glas aus dem Jahr 1887, ertüftelt von Firmengründer Otto Schott höchstselbst.

Schott-Spezialglas reagiert quasi mit nichts. „Egal, was man reinfüllt, der Stoff bleibt auch nach langer Lagerung im Glas genau so, wie er beim Abfüllen war. Diese Beständigkeit ist in der Medizin enorm wichtig“, erläutert Rosner. Insulin, Impfstoffe, Narkosemittel – die Qualität müsse auch hinter dem Werkstor der Pharmakonzerne garantiert werden. „Und das können wir.“ Das ist auch keine reine Schott-Perspektive: Beispielsweise hat gerade die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA offiziell empfohlen, bei der Impfstoffverpackung auf die bewährten Glascontainer zurückzugreifen.

Aus einer Palette Glasrohr werden beispielsweise tausende dieser kleinen Fläschchen, die jeder vom Impfen beim Arzt kennt. Auch bei Corona wird das so sein.

Standortleiter Stefan Rosner

Standortleiter Stefan Rosner

Laut Bundscherer ist nicht zu befürchten, dass es bei den Glasrohren einen Engpass geben wird: „Wir können den Markt versorgen.“ Zugute kommt dem Konzern, dass er in den vergangenen Jahren in die Pharmasparte viele Millionen investiert habe. Wie Schott-Vorstandschef Frank Heinricht vor einigen Tagen in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte, haben alle großen Pharmaunternehmen Kapazitäten für die Impfstoff-Fläschchen bei Schott reserviert. „Wer den Impfstoff auf den Markt bringt, bekommt dann das Glas“, erläutert Bundscherer.

Aber der Reihe nach: In Mitterteich rollen täglich Dutzende Lkw-Ladungen mit Oberpfälzer Quarzsand heran. Gemischt mit anderen Zutaten, wie etwa Bor, wird der Sand in hausgroße Öfen gefördert. Dort köchelt bei über 1000 Grad jeden Tag rund um die Uhr die heiße Glasmasse. Während hinten permanent Sand nachgefüllt wird, kann man vorne das heiße Glas herausziehen und in Rohrform bringen. Das Wissen darüber ist weltweit einmalig, alle Maschinen werden in Mitterteich selbst gebaut. Die abgekühlten Glasrohre sind das Kerngeschäft von Schott am Standort Mitterteich.

Systemrelevantes Unternehmen

Der Konzern selbst und alle wichtigen Mitbewerber verarbeiten dieses Mitterteicher Rohr. „Aus einer Palette Glasrohr werden so beispielsweise tausende dieser kleinen Fläschchen, die jeder vom Impfen beim Arzt kennt. Auch bei Corona wird das so sein“, so Rosner. Schließlich gebe es Verträge mit allen großen Forschungsprojekten zum Covid-Impfstoff.

Weil alle drei großen deutschen Impfstoffprojekte außerhalb Bayerns vorangetrieben werden, sei das Glaswerk in Mitterteich wohl der einzige bayerische Firmenstandort, der im Kampf gegen Corona eine wirklich entscheidende Rolle spielen werde. „Systemrelevant“ nennt man das im Krisenjahr. Eine Situation, die von den Behörden schon länger erkannt wurde. Beispielsweise durften tschechische Pendler, auch als die Grenze im März und April geschlossen war, ins Glaswerk fahren. Dafür hatten sich das Landratsamt und die Deutsche Botschaft in Prag vehement eingesetzt.

Kein Produktionsstopp

Werksleiter Stefan Rosner resümiert nach einem halben Jahr Dauerkrisenmodus: „In so einem Ausnahmejahr sind zwei Dinge wichtig: Dass alle gut und schnell reagieren und die Stolpersteine aus dem Weg räumen. Und dass unsere Kolleginnen und Kollegen in Mitterteich sicher zur Arbeit gehen können.“

Kein Gramm Glas habe Schott während der Ausgangssperre in Mitterteich verloren. Auch weil beispielsweise die hiesige Polizei mitgeholfen habe, eine versehentlich in der Lieferzufahrt errichtete Straßensperre schnell wieder aufzulösen. „Im Landkreis gibt es hier ein gutes Miteinander. Man darf nicht vergessen, dass quasi alle der 1250 Mitarbeiter hier im Werk in der Region wohnen. Da kann man schon sagen, dass die Bevölkerung in Mitterteich und Umgebung einen immensen Beitrag zum Ende der Krise leistet“, findet Rosner. Ein enormer Beitrag zur Corona-Lösung kommt also ironischerweise aus einem Ort, der bundesweit Schlagzeilen als Krisenherd gemacht hat.

Schott-Vorstandschef Frank Heinricht blickt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien auf die künftige Entwicklung des Standorts in Mitterteich

Mitterteich

Die Geschichte des Schott-Werks in Mitterteich

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Klein aber lebenswichtig: Aus Mitterteicher Glas werden täglich von Schott viele Millionen Impf-Fläschchen geschmolzen. Und auch die Konkurrenz stellt solche Fläschchen meist aus dem Mitterteicher Glasrohr her. Denn nur in Spezialglas kann ein Impfstoff stabil gelagert werden.
Hintergrund:

Die Schott AG

  • Branche: Schott ist ein international führender Technologiekonzern auf den Gebieten Spezialglas, Glaskeramik und Hightech-Materialien. Er ist Partner für viele Branchen, zum Beispiel Hausgeräteindustrie, Pharma, Elektronik, Optik, Life Sciences, Automobil- und Luftfahrtindustrie.
  • Umsatz und Mitarbeiter: Im Geschäftsjahr 2018/2019 erzielte Schott mit über 16.200 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro. Die Schott AG hat ihren Hauptsitz in Mainz und ist zu 100 Prozent im Besitz der Carl-Zeiss-Stiftung. Sie ist weltweit präsent mit Produktions- und Vertriebsstandorten in 34 Ländern.
  • Standort Mitterteich: Hier befindet sich der Sitz von Schott Tubing (Rohrglas). Rund 1250 Personen sind am Standort beschäftigt.
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