19.06.2020 - 11:35 Uhr
MitterteichOberpfalz

Schott: Mitterteich profitiert vom Wissen der Glasmacher aus Jena

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der "Zug der 41 Glasmacher" von Jena in den Westen vor 75 Jahren veränderte für den Spezialglashersteller Schott alles. Auch für den Standort in Mitterteich hatte das weitreichende Konsequenzen.

So sah das Mitterteicher Glaswerk 1930 aus, als es von Schott übernommen wurde. Damals wurden hier vor allem Brillengläser hergestellt – zum Kriegsende 1945 änderte sich alles.
von Redaktion ONETZProfil

Beim internationalen Spezialglas-Hersteller Schott jährt sich am 25. und 26. Juni der sogenannte "Zug der 41 Glasmacher" von Jena in den Westen Deutschlands zum 75. Mal. Dahinter steckt die Deportation der klügsten Köpfe des Jenaer Glasgiganten nach Westdeutschland im Sommer 1945. Die Sowjets sollten die Geheimnisse der Glasmacher nicht bekommen - die Glashütte Mitterteich war seit 1930 Teil von Schott und wurde durch den Exodus aus dem Jenaer Stammwerk für immer verändert.

"Der Zug der 41 Glasmacher und die nachfolgende Spaltung in Ost und West war der tiefste Einschnitt in unserer über 130-jährigen Firmengeschichte", erklärte Dr. Frank Heinricht, Vorsitzender des Vorstandes der Schott AG, mit Blick auf den Jahrestag. Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen im thüringischen Jena am 13. April 1945 endete am Gründungsstandort von Schott der Zweite Weltkrieg und die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus, wenige Wochen vor dem offiziellen Kriegsende im Mai.

"We take the brain"

Weil aber die Alliierten zuvor vereinbart hatten, dass Thüringen nach Kriegsende zur sowjetischen Besatzungszone gehören sollte, mussten sich die US-Truppen wieder zurückziehen. Allerdings wollten die Amerikaner das Know-how von Schott als einer der führenden Spezialglashersteller weltweit für sich und den Westen sichern. Nach dem Motto "We take the brain" entschieden sie deshalb kurzerhand, die Geschäftsleitung und ausgewählte Spezialisten mit in den Westen zu nehmen. Die Betroffenen hatten keine Wahl, sich dem Befehl des amerikanischen Hauptquartiers zu widersetzen.

Blick in die Gegenwart: Das zweitgrößte Werk der Schott AG in Deutschland steht in Mitterteich.

Mitterteich

Am 25. und 26. Juni 1945 verabschiedeten sich die "Schottianer" von Eltern und Freunden. Sie bekamen ein paar Dosenrationen und so setzten sich zwei Trecks mit amerikanischen Militärlastwagen in Bewegung - Ziel unbekannt. An Bord waren 41 Schott-Mitarbeiter plus Familien, insgesamt 145 Männer, Frauen und Kinder. Dazu gehörte auch Geschäftsleiter Erich Schott, der Sohn des Firmengründers Otto Schott. Die amerikanischen Soldaten brachten die "41 Glasmacher" zunächst in ein Lager nach Heidenheim an der Brenz in Württemberg, von wo aus sie später auf Orte in der Umgebung verteilt wurden.

"Wir können heute nur erahnen, was das für die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien damals bedeutete. Sie hatten zwar Krieg und Nationalsozialismus überstanden, mussten nun aber ihr Zuhause, ihre Heimat, Angehörige und Freunde verlassen, und hatten eine völlig ungewisse Zukunft vor sich. Das muss eine extrem schwierige Zeit gewesen sein", so Heinricht.

Amerikaner wollten Osram in Mitterteich

In Heidenheim begann für die "41 Glasmacher" eine Zeit der Vagheit und der Provisorien, zunächst durchaus mit der Hoffnung, wieder nach Jena zurückzukehren. Ab Sommer 1946 nahmen sie in den bestehenden Schott Werken in Mitterteich, Landshut und Zwiesel schrittweise die Glasproduktion wieder auf.

Gerade in Mitterteich war das keine Selbstverständlichkeit, denn ursprünglich wollten die Amerikaner, dass der ebenfalls vertriebene Glühlampenhersteller Osram große Teile des Werks zugesprochen bekommt. Erich Schott konnte das verhindern. Mit dem Know-how der Glasmacher aus Jena begann Schott 1947 in Mitterteich Hauswirtschaftsglas und Glasröhren für Thermometer herzustellen, neben den bisherigen Produkten Brillenrohglas und Farbfilterglas für Schutzbrillen.

Der Zug der 41 Glasmacher und die nachfolgende Spaltung in Ost und West war der tiefste Einschnitt in unserer über 130-jährigen Firmengeschichte.

Schott-Vorstandsvorsitzender Frank Heinricht

In Jena hatten derweil nach dem Rückzug der Amerikaner sowjetische Truppen das Kommando übernommen. Sie ließen 90 Prozent des Schott-Werkes demontieren und in die Sowjetunion abtransportieren. Zudem zwangen sie Schott-Mitarbeiter, Jena zu verlassen. Sie verschleppten 14 Spezialisten in die Sowjetunion, wo die Fachkräfte am Wiederaufbau der demontierten Fabrikationsanlagen mitwirken mussten.

Als das Stammhaus in Jena schließlich 1948 enteignet und in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt wurde, und ein Jahr später die beiden deutschen Staaten gegründet wurden, war nicht nur Deutschland geteilt, sondern auch das Unternehmen Schott. Mit dieser Entwicklung stand für die "41 Glasmacher" im Westen fest, dass eine Rückkehr nach Jena ausgeschlossen war. Daraufhin entschied die Geschäftsleitung unter Führung von Erich Schott, im Westen Deutschlands ein neues Hauptwerk aufzubauen. Mit der feierlichen Eröffnung des neuen Werkes in Mainz im Mai 1952 war der "Zug der 41 Glasmacher" nach sieben Jahren an seiner Endstation angekommen.

Rückkehr nach Jena

Nach der Eröffnung eines neuen Hauptwerkes in Mainz konzentrierte Schott dann die Fertigung von Spezialglasröhren für pharmazeutische Verpackungen und technische Anwendungen Schritt für Schritt in Mitterteich. So wurde Mitterteich zur Zentrale und zum Hauptwerk des Geschäftsbereichs Glasrohr (Tubing). Der von hier aus gesteuerte Geschäftsbereich verfügt heute über fünf Produktionsstandorte in Europa, Asien und Amerika. Bei Schott sind allein in Mitterteich mehr als 1 250 Mitarbeiter beschäftigt.

Der Fall der Berliner Mauer, das Ende des Eisernen Vorhangs 1989 und die staatliche Wiedervereinigung Deutschlands 1990 boten auch für Schott die Chance zur Überwindung der Spaltung. Das Unternehmen nutzte diese: Schott Mainz übernahm die Geschäftsanteile des Stammhauses in Jena und machte das alte Werk zu einem Standort des Konzerns.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.