17.10.2019 - 09:38 Uhr
MitterteichOberpfalz

Geschichte in 3D – Nichtstaatliche Museen im Landkreis Tirschenreuth in Frauenhand

Einst galten Museen als Wunderkammern. Heute ringen sie um Besucher. Dabei liegen in den nichtstaatlichen Museen der Oberpfalz viele Schätze verborgen. Die will Barbara Habel von ihrem „verstaubten“ Image befreien – mit konkreten Plänen.

Veronika Csakli, Nicole Schuller, Barbara Habel und Marion Papsch (von links) engagieren sich für Museumsarbeit.
von Mona-Isabelle Aurand Kontakt Profil

Jeder benutzt es tagtäglich. Aber woher kommt Porzellan eigentlich? Woraus besteht es? Und wie wird es hergestellt? Antworten auf diese Fragen gibt das „Museum Mitterteich – Porzellan | Glas | Handwerk“. Es ist nur eines von elf nichtstaatlichen Museen im Landkreis Tirschenreuth, das Barbara Habel betreut. Als Leiterin der Fachstelle für Museen hat sie ein großes Ziel: Geschichte und Geschichten weitertragen. „Wir machen Museum ja nicht zum Selbstzweck.“ An ihrer Seite hat sie bei diesem Vorhaben nicht nur ihre Assistentin Stefanie Schreiner, sondern auch zahlreiche ehrenamtliche Helfer – und Helferinnen. „Oft haben sie die Museen von Anfang an mit aufgebaut oder, wie in Mitterteich, beruflich mit dem Schwerpunktthema des Museums zu tun.“

Viel ehrenamtliches Engagement in den nichtstaatlichen Museen

Eine von ihnen ist Veronika Csakli. Mit den Räumen des ehemaligen Werks der Porzellanfabrik Mitterteich verbindet sie eine ganz persönliche Geschichte. 20 Jahre lang hat sie für das Unternehmen gearbeitet – zunächst in der Malerei, später als Sachbearbeiterin in der Auftragsbearbeitung. Auch heute noch ist die 71-Jährige mit Herzblut in ihrer alten Wirkungsstätte tätig. Gemeinsam mit 10 bis 15 weiteren Ehrenamtlichen übernimmt sie Sonn- und Feiertagsdienste an der Museumskasse, betreut das Museums-Café und hilft bei Aktionstagen. „Vielen von uns Porzellinern ist das Museum ans Herz gewachsen“, betont sie stolz.

Das Engagement der Ehrenamtlichen ist für den Bestand solcher Institutionen essentiell. „Die nichtstaatlichen Museen haben zwar auch meistens eine kleine Belegschaft, aber vieles wird ehrenamtlich über Fördervereine und eben nicht vom Staat finanziert. Der Geschichtspark Bärnau-Tachov ist beispielsweise ein komplett vereinsgetragenes Museum“, erklärt Barbara Habel den Unterschied zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Museen. „Wir haben sehr viele ehrenamtliche Mitarbeiter. Die sind aber teilweise an einem Punkt, an dem sie nicht mehr richtig wissen, wie sie das Museum voranbringen sollen“, sagt die Museumsfachkraft weiter. „Die Ideen gehen aus, die Mitarbeiter sind frustriert, weil immer weniger Besucher kommen.“ Genau das ist der Punkt, an dem Barbara Habels Arbeit ansetzt. Die Schlagworte heißen „Vernetzung“ und „Modernisierung“.

Die Digitalisierung und die Online-Kommunikation mit den Besuchern ist ein Bereich, den Habel schon verstärkt in Angriff nimmt. „Das ist etwas, das sich in der Museumswelt – nicht nur im Landkreis Tirschenreuth – nur langsam durchsetzt“, sagt die 28-Jährige. Eine gemeinsame Facebook-Seite sei der erste Schritt gewesen. Aktuell befindet sich eine neue Online-Datenbank im Aufbau. Darin werden alle Exponate, auch solche, die ungesehen in den Depots lagern, einzeln inventarisiert. „Einige Museen machen so ihren Bestand auch online der Öffentlichkeit zugänglich“, erklärt Habel. Einen Widerspruch zu dem tatsächlichen Besuch im Museum – und damit einem Besucherrückgang – sehe sie darin nicht. „Die Erfahrung anderer, größerer Museen zeigt eher, dass das Interesse wächst, die Objekte dann auch live zu sehen.“ In Kombination mit Aktionen, bei denen die Leute teilweise mitmachen könnten, wäre die erste Scheu, ins Museum zu gehen, bereits genommen. „Es sind die kleinen Dinge, die mehr und mehr das Interesse wecken.“

Marion Papsch beantwortet als hauptamtliche Museumsleiterin im Museum Mitterteich gerne die Fragen der Besucher.
Vom Schlicker zum fertigen Porzellan:

Dazu zählen zum Beispiel die Vorführungen, die Museumsleiterin Marion Papsch im Museum Mitterteich anbietet. Aus Schlicker – dem Wasser-Mineral-Gemisch, aus dem Keramik hergestellt wird – und mit Hilfe alter Gussformen, die nicht durch die Insolvenz der Mitterteicher Porzellanfabrik verloren gegangen sind, gießt sie filigrane Teekannendeckel per Hand. So wie es die Gießerinnen zur Blütezeit des Mitterteicher Porzellans getan haben. Papsch erklärt jeden Schritt: Schlicker aus Feldspat, Quarz, Kaolin und Wasser anmischen, den Schlicker in die Gussform aus Gips eingießen und die Masse in die Form „einklopfen“, damit sie sich gleichmäßig verteilt. Dabei dreht sie die Gussform immer wieder und klopft sie auf den Tisch. „Früher haben die Frauen das genauso gemacht. Deshalb sind auf den Werktischen noch die Einkerbungen zu sehen“, erzählt Papsch. Der Rest wird wieder ausgegossen. Und dann heißt es: warten. Frisch aus der Gussform genommen, fühlt sich das noch ungebrannte Porzellan an wie feuchte Knetmasse. In diesem Zustand kann es jederzeit mit Wasser wieder zu Schlicker verflüssigt werden. Gebrannt und glasiert ist das fertige Produkt um ein Siebtel kleiner als die ursprüngliche Gipsform.

Um nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische in das Museum zu locken, muss Marion Papsch mit ihrer Kollegin Nicole Schuller immer wieder neue Aktionen konzipieren. „Die Ideen entstehen oft im lockeren Gespräch“, sagt Museumsleiterin Papsch. Zum Standard-Programm zählen die Ferienkurse für Kinder. „Wir haben immer einen anderen Schwerpunkt“, erklärt Nicole Schuller, die die Workshops leitet. „Das muss nicht immer mit Porzellan zu tun haben. Wir decken im Museum auch die Bereiche Glas und Handwerk ab. Da finden wir immer einen Anknüpfungspunkt.“

Museum als außerschulischer Lernort

Sehr beliebt ist das Museum Mitterteich bei Schulen. Museen als außerschulische Lernorte gewinnen immer mehr an Bedeutung für die Museumsfachkräfte in der Region. „Hier sehen die Schüler die Geschichte in 3D und nicht nur auf dem Papier“, betont Barbara Habel. Nicole Schuller, die für 15 Stunden in der Woche im Museum angestellt ist, fügt hinzu: „Erst vor Kurzem hatten wir eine Abschlussklasse hier, die in der Schule die Industrialisierung durchgenommen hat. Bei uns konnten die Schüler dann selbst Porzellan bemalen oder bedrucken.“ Ein außergewöhnliches Erlebnis. Ein außergewöhnliches Andenken. „Oft bleiben wir das Gesprächsthema Nummer eins im Pausenhof oder Lehrerzimmer. Das bewegt wiederum andere Lehrer dazu, unser Angebot in Anspruch zu nehmen.“

Veronika Csakli, die mit der Materie vertraut ist, zeigt ganz exklusiv, welche Präzision nötig ist, um Porzellan zu dekorieren. Wie bei einem Abziehtattoo platziert die Rentnerin mit flinken Handgriffen den Vordruck auf dem Teller. Mit Hilfe eines kleinen ledernen Spatels streicht sie das Schiebebild auf dem Porzellan glatt, bis keine Falten oder Blasen mehr zu sehen sind. „Unter dem Föhn wurden die Dekore getrocknet, damit beim Brennen keine Blasen entstehen“, erklärt die ehemalige Mitarbeiterin der Porzellanfabrik. Veronika Csakli, Marion Papsch und Nicole Schuller stimmen überein: Ihnen bedeutet das Museum sehr viel. „Man verbindet damit viele schöne Erinnerungen. Es ist vor allem auch ein Stück Heimatgefühl.“

Veronika Csakli zeigt am Original-Arbeitsplatz, wie früher Porzellan dekoriert wurde.

Museum in ehemaliger Porzellanfabrik Mitterteich AG

Dabei stand 2004 für die Porzelliner viel auf dem Spiel. Die Insolvenz der Porzellanfabrik Mitterteich AG, ein zentraler Industriezweig des Ortes, stürzte viele Familien in eine Existenzkrise. Durch das Insolvenzverfahren und den Verkauf der hochwertigen Marke gingen etliche Arbeitsgeräte – und damit das Andenken an die fast 125-jährige Porzellangeschichte in Mitterteich – verloren. Zwischenzeitlich stand sogar der Komplettabriss des Gebäudes zur Diskussion. Doch dann investierte Metallbau Forster, ebenfalls in Mitterteich ansässig, in Kauf, Sanierung und Umbau der ehemaligen Fabrikhallen. Die Idee, ein Museum in den Räumen einzurichten, war gerettet. 2010 konnte es eröffnet werden.

Das Museum umfasst allgemein das Thema „Handwerk“. Das Gros der Dauerausstellung beschäftigt sich mit Porzellan. Mit Exponaten aus der Schott AG, dem führenden Hersteller von Rohrglas aus Mitterteich, ist die Glasproduktion vertreten. Darüber hinaus bieten die Räume Platz für eine Zoiglstube, eine Schusterei und eine Webstube. Die Mitterteicher Schnitzer haben hier ebenfalls eine Heimat gefunden und stellen alle fünf Jahre ihre handgeschnitzten Weihnachtskrippen aus.

Exponate mit bewegender Geschichte

Das älteste Porzellan im Museum Mitterteich stammt aus den Jahren zwischen 1921–1931.

Die meisten Exponate wie Werktische, Maschinen, alte Gussformen oder halbfertige Produkte konnten aus der Insolvenz-Masse gerettet werden – und symbolisieren nun die damals aufwendige Arbeit. Auch Generationen später. Ein Erlebnis wie bei der „Sendung mit der Maus“. Andere Ausstellungsstücke finden ihren Weg durch Leihgaben oder Schenkung in die Museen. „Wenn wir ein altes Geschirr bekommen, das in Mitterteich hergestellt wurde, geht uns das Herz auf“, schwärmt Papsch. Aber nicht alles wird angenommen. „Es muss auch eine Geschichte dahinter stecken“, betont Barbara Habel. So wie bei dem Dachbodenfund aus Bremen, der dem Museum Mitterteich über E-Bay angeboten wurde: Das reich verzierte Kindergeschirr blieb während des Zweiten Weltkriegs unversehrt und gelangte im Laufe der Zeit bis nach Bremen. „Jedes Kind durfte sich ein Spielzeug mitnehmen bei der Flucht. Und das eine Mädchen hat sich für das Porzellan entschieden“, erzählt Nicole Schuller.

Das Kinderservice aus den 1930er oder 40er Jahren hat seinen Weg von Bremen zurück nach Mitterteich gefunden.

Die Museumsmitarbeiterinnen können noch viel mehr Faszinierendes, Lustiges und Bewegendes zu ihrer Sammlung erzählen. Mit ihren wechselnden Aktivitäten und Sonderausstellungen haben die Frauen im vergangenen Jahr 5000 Besuchern einen faszinierenden, lebendigen Einblick in die Vergangenheit geboten. In diesem Jahr haben sie bereits die 6000er-Marke geknackt. „Das motiviert unglaublich für die eigene Arbeit“, betont Papsch.

Auf solchen Erfolgen will Barbara Habel mit ihrer landkreisweiten Arbeit aufbauen. Um Projekte gezielt umsetzen zu können, arbeitet sie eng mit allen Museumsleitern des Landkreises zusammen. „Wir wollen Synergien nutzen und über die Landkreisgrenzen hinaus netzwerken.“ Gemeinsame Werbung für den Internationalen Museumstag (jedes Jahr im Mai) oder die Museumsnacht am 18. Oktober zeigen viel positive Resonanz. Trotzdem soll jedes Museum sein eigenes Profil und seinen Charme behalten. „Wir dürfen uns mit den Museen nicht von der Welt abkapseln, sondern müssen uns aktuellen Trends stellen und mit der Zeit gehen“, sagt Habel. Es ist nicht immer einfach, für jeden den perfekten Zugang zu den einstigen „Wunderkammern“ zu finden. Ein Patentrezept gibt es nicht. „Das Wichtigste ist, dass die Museen sich öffnen und zeigen, was hinter den Kulissen passiert.“ Denn hätten sich die Menschen überwunden und einen Blick ins Museum geworfen, „dann merken sie oft: Das ist da doch ganz interessant“. Gelingt es Habel und ihrem Team dann noch, eine Verbindung zu der persönlichen Vergangenheit oder Gegenwart der Besucher herzustellen, „wird es wieder spannend“. Lebendige Geschichte. Greifbar. Nah. Verständlich. Und vor allem faszinierend, so wie die Vergangenheit und Gegenwart des Landkreises Tirschenreuth.

Barbara Habel ist seit Oktober 2018 Leiterin der Fachstelle für Museen im Landkreis Tirschenreuth.
Barbara Habel – Leidenschaft Museum:

Barbara Habel ist seit einem Jahr Leiterin der Fachstelle für Museen im Landkreis Tirschenreuth. Die Stelle hatte der Zweckverband zur Interkommunalen Zusammenarbeit (IKom) Stiftland zum 1. Oktober 2018 neu geschaffen. In ihrer Funktion betreut und unterstützt die 28-Jährige aus Waldershof die nichtstaatlichen Museen des Landkreises. Dazu zählen das Deutsche Knopfmuseum Bärnau, der Geschichtspark Bärnau-Tachov, das Heimat- und Bergbaumuseum Erbendorf, das Museum Burg Falkenberg, das Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath, das Gelebte Museum Mähring, das Museum Mitterteich, die Grenzlandheimatstuben und der Sengerhof Neualbenreuth, das Glasschmelzofenbau- und Glasmuseum Plößberg, das Museumsquartier Tirschenreuth und das Stiftlandmuseum Waldsassen. Derzeit sind zwei weitere Museen in der Region im Aufbau – ein Theres-Neumann-Museum im Schafferhof in Konnersreuth und ein Museum zur Geschichte der Bahn und des Grenzlagers im Bahnhofsgebäude in Wiesau. Neben der Öffentlichkeitsarbeit, Organisation von Ausstellungen und Inventarisierung steht die Beratung der Museen zu Ausstellungsmöglichkeiten oder museumspädagogischen Programmen im Vordergrund.

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