26.01.2020 - 09:39 Uhr
MitterteichOberpfalz

Glas-Trinkhalme made in der Oberpfalz

Drei Milliarden Plastik-Trinkhalme landen jeden Tag im Müll. Nach nur einmaliger Benutzung. Die Firma Schott hat in Mitterteich eine nachhaltige Alternative dazu entwickelt.

Ein neues Produkt aus der Oberpfalz sorgt für Aufsehen: der Glas-Trinkhalm von Schott. Eine Marktstudie hat ergeben, dass es bisher weltweit einen Verbrauch von 400 Milliarden Plastik-Trinkhalmen gibt.
von Christa VoglProfil

Was für den Laien auf den ersten Blick aussieht wie eine durchsichtige, aber elegante Makkaroni, ist für den Fachmann das innovative Spezialglasprodukt schlechthin. Aber eines, das es in sich hat: die Rede ist vom GlasTrinkhalm. In den regionalen Supermärkten ist der Run auf das neue Produkt ungebrochen und dies obwohl das EU-Verbot von Strohhalmen aus Plastik erst ab 2021 in Kraft treten wird.

Fritz Wintersteller, der am Schott-Standort Mitterteich zuständig ist für die Geschäftsfeldentwicklung von Spezialglasröhren, liefert für diesen Hype auch gleich eine Erklärung: "Klimawandel, Nachhaltigkeit und Plastikverschmutzung sind derzeit große Themen. Menschen, die so einen wiederverwendbaren Glas-Trinkhalm kaufen, tun damit aktiv etwas für die Umwelt. Mit dem Kauf einher geht außerdem ein gutes Gefühl, weil es sich dabei um ein nachhaltiges Produkt handelt."

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Oberpfalz

Erste Versuche schon 2011

Winterstellers korrekte Positionsbezeichnung lautet übrigens "Director Business Development, Business Unit Tubing", was bereits einen ersten Hinweis auf die Größe und Weitläufigkeit des Unternehmens Schott liefert. Wer bei Schott in Mitterteich arbeitet, ist in einem Konzern mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Euro tätig, der an Produktions- und Vertriebsstandorten in 34 Ländern mit insgesamt 16 200 Mitarbeitern präsent ist. In Mitterteich, dem Hauptstandort des Geschäftsbereichs Glasrohre, sind 1 250 Betriebsangehörige beschäftigt.

"Für Schott war es nur ein kleiner Schritt von den Ausgangsrohren, die wir bereits in allen möglichen Größen produzieren, zum Trinkhalm", sagt Wintersteller. "Im Prinzip handelt es sich um ein Glasrohr, das zu einem Trinkhalm umfunktioniert wurde." Erste Versuche mit Glas-Trinkhalmen wurden von Schott bereits 2011 durchgeführt, aber mangels Nachfrage nicht weiterverfolgt. Zwischenzeitlich hat sich die Situation jedoch grundlegend geändert. Und zwar nicht nur in Europa. Die Entwicklung ist weltweit spürbar. "Beispielsweise gibt es in Indien einzelne Regionen, in denen Plastik-Strohhalme verboten sind, ebenso in bestimmten Ländern Südamerikas, aber auch in einzelnen Städten", erklärt der gebürtige Österreicher, der seit über sieben Jahren am Standort Mitterteich tätig ist.

Glas als optimale Alternative

Eine Marktstudie, die von Schott 2018 in Auftrag gegeben wurde, hat ergeben, dass es weltweit einen Verbrauch von 400 Milliarden Plastik-Trinkhalmen gibt. Sollte sich der Trend zur Plastikvermeidung weiter in dieser Stärke fortsetzen, so eröffnet sich hier ein riesiger Absatzmarkt. Alternativen zum Plastik gibt es bei diesem Produkt mehrere: Bambus, Edelstahl, Papier oder eben Glas. "Wir sind überzeugt, dass Glas in diesem Fall die optimale Alternative ist, wenn man das Getränk wirklich genießen möchte und es einem auf den Geschmack ankommt", sagt der Glasrohrexperte. Immerhin würde man guten Wein ebenfalls aus einem Glas und nicht aus einem Plastik- oder Pappbecher trinken. Weil das Geschmackserlebnis ein völlig anderes sei. "Und bei unserem Trinkhalm ist die Situation genauso."

Doch auch kostenmäßig gibt es einen eklatanten Unterschied. Ein Glas-Trinkhalm kostet immerhin das 100-fache eines Plastik-Strohhalms, allerdings ist der Newcomer in der Gastronomie auch geschätzte 1000 bis 2000 Mal im Einsatz, bevor er ersetzt wird. Und für Privatkunden? "Wenn man drauf aufpasst, dann kann man den Glas-Trinkhalm seinen Kindern vererben", so Wintersteller.

Sehr stabiles Produkt

"Fällt er natürlich aus einem Meter Höhe auf einen Steinboden, dann wird der Trinkhalm in der Regel zerbrechen. Ein Glas, das nicht zerbrechen kann, gibt es nicht." In Sachen Stabilität sind die Straws von Schott dem Trinkglas weit überlegen. Viele Tests mit verschiedenen Wandstärken und Abmessungen haben letztendlich zu einem optimalen und sehr stabilen Produkt aus sogenanntem "AR-Glas" geführt. Auch die dickwandige Gestaltung ist Absicht, um eine bewusst wahrgenommene Sicherheit zu erzeugen. Und sollte der Glashalm wirklich zu Bruch gehen, dann darf er im ganz normalen Glascontainer entsorgt werden und wird recycled.

Den Verbraucher interessiert natürlich auch, wie die Reinigung der Straws erfolgt: Die Halme mit dem komplett transparenten Glas werden nach der Benutzung einfach in den Besteckkasten der Spülmaschine gestellt und durchlaufen den ganz normalen Waschgang. Alternativ dazu gibt es aber auch eine professionelle Bürste für Verbraucher, die nicht über eine Spülmaschine verfügen oder eine manuelle Reinigung bevorzugen. Ursprünglich war das neue Produkt nur für professionelle Anwender gedacht, doch inzwischen ist es auch für den Endverbraucher erhältlich.

Schott-Branding oder Kundenlogo

Um sich von No-Name-Produkten abzugrenzen, tragen die für Privatkunden konzipierten Glashalme das Branding der Firma Schott. Geschäftskunden, die mindestens 250 Stück abnehmen, können aber auf Wunsch mit dem Laser ihr individuelles Kundenlogo aufbringen lassen. "Ein Hotel mit Barbetrieb braucht in der Regel schon 200 bis 300 Trinkhalme, damit der Kreislauf reibungslos funktioniert", sagt Wintersteller und verweist auf das Hotel Sacher in Österreich, das die Schotthalme bereits erfolgreich einsetzt und sich besonders am Anfang mit einem gewissen Schwund konfrontiert sah. Da es sich um ein neues und sehr beliebtes Produkt handelt, werden die Straws oft von Kunden einfach behalten. Um das zu vermeiden, bietet das Hotel inzwischen die Trinkhalme mit dem Sacher-Logo zum Kauf an.

Insgesamt gesehen eine erstaunliche Entwicklung für ein Produkt, das seinen Siegeszug dem wachsenden Umweltbewusstsein sowie einer strengeren Umweltpolitik innerhalb der EU verdankt. Aber auch ein vielversprechendes Produkt für den Oberpfälzer Standort Mitterteich. Die Schott AG ist übrigens ein Stiftungsunternehmen, deren alleinige Aktionärin die Carl-Zeiss-Stiftung ist. "Wir sind zwar nicht an der Börse notiert, müssen und wollen aber dennoch profitabel arbeiten", erklärt Wintersteller. Wohin der Gewinn fließt? Der größere Teil bleibt als Investition im Unternehmen. Der kleinere Teil wird als Dividende an die Stiftung ausgezahlt. Und diese fördert damit die Wissenschaften an ausgewählten Hochschulen.

Versteckter Gruß aus der Heimat

Zum Schluss noch eine nicht ganz unwichtige Sache: Bekanntermaßen erkennt man den Oberpfälzer in der Fremde daran, dass er selbst in gehobenen Sterne-Restaurants Teller und Tassen umdreht auf der Suche nach einem bekannten Logo aus der Heimat. Wird er fündig - entdeckt er beispielsweise den Schriftzug von Seltmann oder Bauscher - so stiehlt sich zeitgleich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. Mit dem neuen Schott-Exportschlager drängt nun ein weiteres Oberpfälzer Produkt auf das internationale Gastronomie-Parkett.

Was für den Oberpfälzer in der Fremde wohl bedeutet, dass er sich künftig abends noch an die Hotelbar schleppen muss, um sich einen Cocktail zu genehmigen. Natürlich nicht wegen des Geschmackserlebnisses. Nein, vielmehr um herauszufinden, ob der Glas-Trinkhalm im Drink vielleicht nicht doch ein versteckter Gruß aus der Heimat ist.

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