11.04.2019 - 11:45 Uhr
Oberpfalz

Den Mut zur Wildheit zeigen

Ein Naturgarten in dem sich Schmetterlinge, Bienen und auch der Mensch wohlfühlen, soll aus einem öden Grundstück werden. Fachmann Daniel Jakumeit gibt Tipps .

Vielfältige Elemente schaffen ein reiches Nahrungsangebot für Insekten und Vögel den ganzen Sommer über.
von Gabi EichlProfil

Der Aurorafalter! Für Daniel Jakumeit "ein neuer Glücksmoment" in seinem Naturweltgarten "Hortus Vivus". Den Falter mit den orange-weißen Flügeloberseiten sieht er zum ersten Mal. Angelockt hat er ihn mit Knoblauchsrauke, Wiesenschaumkraut und Silberblatt.

Von dem hübschen Aurorafalter muss unsereines noch eine Weile träumen. Brach und kahl liegt es da - ein Baugrundstück, aus dem eines Tages ein Garten wie der Jakumeits werden soll. Aber vielleicht war der Wiedehopf, der vor wenigen Tagen am Zaun entlang spaziert ist, ein Zeichen. Ein Wiedehopf! Und er hatte sogar seine eindrucksvolle Federhaube aufgestellt, was der Rückkehrer aus dem Süden angeblich nur ganz selten tut.

Gut geplant

Bis sich das kahle Baugrundstück in einen Naturgarten verwandelt, wird es noch Jahre dauern. Wichtig ist, sich und dem Garten Zeit zu lassen, sagen Naturgärtner wie Jakumeit. Einer der bekanntesten Vertreter der Hortus-Bewegung ist Markus Gastl (www.hortus-insectorum.de). Ein Hortus ist noch einmal eine deutliche Steigerung eines Naturgartens; ein Hortus ist sozusagen ein gut geplanter Naturgarten, der nach einem Drei-Zonen-Modell angelegt ist: Pufferzone, Hotspot- und Ertragszone, die sich gegenseitig so bereichern, dass ein geschlossener Nährstoffkreislauf entsteht - stark vereinfacht ausgedrückt (www.hortus-netzwerk.de).

Jakumeit arbeitet in seinem Hortus bei Leipzig (www.facebook.com/Hortusvivus) seit 2012 nach Gastls Modell, das einen Rahmen vorgibt, aber jeden Freiraum für eigene Vorstellungen lässt. Doch wie geht nun der unbedarfte Grundstücksbesitzer vor auf seinem Weg zu einem Naturgarten? Wie zum Beispiel hält der beginnende Naturgärtner es mit vermeintlichen Unkräutern? Zuschauen und wachsen lassen? Eingreifen? Wenn ja, wie und wann? Oder nur im Zaum halten, was sich allzu stark vermehrt? Jakumeit, der lieber von "Beikräutern" spricht, plädiert für ein entspanntes Verhältnis zu diesen, rät aber dennoch, sie nicht einfach wild wachsen zu lassen, schließlich soll sich auch ein angelegtes Wildstaudenbeet entwickeln können.

Kein Rindenmulch

Unterstützende Maßnahmen seien das Abtragen der oberen Bodenschicht, das Pflanzen exakt nach Standort ("eine Pflanze, an den falschen Platz gesetzt, wird nicht gesund, stark und wuchsfreudig sein") und das Aufbringen einer Mulchschicht (Kies, Splitt oder Holzhäcksel, aber keinesfalls herkömmlicher Rindenmulch, der den Boden unter anderem durch seine Gerbsäure negativ beeinflusst).

"In einem echten Naturgarten sollte dafür gesorgt sein, dass es Flächen gibt, die sich selbst überlassen werden. Auf diesen darf sich dann auch, wenn gewünscht, die Brennnessel ansiedeln, welche zu einer unserer wichtigsten Futterpflanzen für Schmetterlingsraupen gehört. Experimentieren Sie ein wenig und zeigen Sie Mut zur Wildheit", sagt Jakumeit. Die Natur werde auf jeder Fläche immer versuchen, selbst die Regie zu übernehmen, und das werde sie perfekt machen. "Zollen wir ihr Respekt dafür und arbeiten mit ihr statt gegen sie!"

Mit der Natur arbeiten

Der Naturgarten-Anfänger sieht die Fehler schon wie hinter einer unsichtbaren Hecke lauern. Was sind die schlimmsten und wie kann er sie vermeiden? Jakumeit rät eindringlich zu einem Gesamtkonzept (wo gestalte und pflanze ich was und warum) und warnt gleichzeitig davor, gegen die Natur zu arbeiten, also entweder Standortuntypisches oder Nichtheimisches zu pflanzen. Gefüllte Prachtblüten, die saisonal in jedem Gartencenter zu haben seien, gehörten nicht in einen naturnahen Garten. Tabu seien auch der Einsatz von Torf, Gartengiften oder großen Mengen an unnatürlichen Baumaterialien (Betonsteine, Gabionen, usw.).

Lange bevor die Rede von Hortus-Gärten war, gab es bereits ein Ehepaar, das es gewagt hat, Naturgärten zu predigen, und das in einer Radikalität, die vieles heute in den Schatten stellt. In dem nur noch über Antiquariate erhältlichen Buch "Wildschöner Naturgarten" singen Wolf-Dietmar und Ursula Unterweger das Hohelied auf Gärten, in denen der Natur geradezu unerhört viel Raum eingeräumt wird.

Stauden sollen nach der Blüte nicht abgeschnitten werden, denn in den hohlen Stängeln fänden Insekten Überwinterungsmöglichkeiten. Und samenfressende Vögel fänden einen reich gedeckten Tisch. Es gibt übrigens sogar Insekten, die abgeknickte Stängel brauchen, weil sie ausschließlich in solchen ihre Eier ablegen. Gräser, Kräuter und Büsche sollten als Begleitflora am Gartenzaun stehen bleiben.

Getier in Nachbars Garten

Nun ist aber vielleicht nicht jeder Nachbar in einem normalen Baugebiet glücklich darüber, wenn sein Gegenüber Verblühtes und Abgeknicktes stehen lässt, wenn das Gras am Zaun hochwächst, wenn er in Sorge ist, aus des Nachbars Naturgarten könnte unliebsames Getier in seinen eigenen, sorgsam gepflegten Garten übersiedeln. Rein rechtlich ist der Naturgärtner auf der sicheren Seite, aber das ist nicht das Problem. Natürlich kann der Nachbar nicht nachweisen, dass die drei Wildbienen mehr, die er in seinem Garten zählt, durch den vermeintlich schlampigen Nachbarn angelockt wurden.

Dennoch rät Jakumeit, unter anderem die üblichen Vorgaben wie Pflanzabstände zu Grundstücksgrenzen hin einzuhalten. Ein Gespräch über den Gartenzaun hinweg könne vieles klären. Noch besser: "Schenken Sie ihm eine schöne, selbst gezogene Wildstaude. Vielleicht erwecken Sie dadurch sein grünes Herz." (eig)

Daniel Jakumeit in seinem „Hortus Vivus“ bei Leipzig. Sein Credo: „Zollen wir der Natur Respekt und arbeiten wir mit ihr statt gegen sie!“
Ein nacktes Baugrundstück, aus dem einmal ein Naturgarten werden soll.
Totholz ist ein besonders wichtiger Bestandteil eines Naturgartens.
Ein im Halbschatten liegendes Wildstaudenbeet in Jakumeits Garten.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.