09.04.2020 - 12:38 Uhr
NabburgOberpfalz

Ausgangsbeschränkung: Sorge um häusliche Gewalt

Gefangen in den eigenen vier Wänden. Coronakrise und Ausgangsbeschränkung steigern das Frustlevel. Experten warnen vor einer Zunahme häuslicher Gewalt. Auch der Landkreis Schwandorf setzt sich mit diesem Problem auseinander.

Die Ausgangsbeschränkung könnte auch im Landkreis Schwandorf dazu führen, dass die Zahl häuslicher Gewaltstraftaten steigt.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Das Mantra der Coronakrise lautet: Bleib' daheim. Doch was, wenn die eigenen vier Wände keine Sicherheit und kein harmonisches Zusammenleben bieten? Das Landratsamt in Schwandorf setzt sich mit diesem Problem auseinander. Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien teilt der dortige Pressesprecher, Hans Prechtl, in Bezug auf die Ausgangsbeschränkungen mit: "Was gegen das Virus helfen soll, könnte in manchen Familien gefährlich sein." Demzufolge könnten das enge Aufeinander und die Kinderbetreuung gepaart mit der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und Sorgen um die Gesundheit geradezu Zündstoff für Streit und Auseinandersetzung bieten. Prechtl: "Diese vielfältigen Herausforderungen auf engstem Raum bergen Konfliktpotenzial. Kinder und Frauen sind in besonderem Maße durch häusliche Gewalt betroffen."

Dass die derzeitige Lage eine besonders gefährliche Zeit für Opfer häuslicher Gewalt sein könnte, sieht auch Edith Pogunte, die Geschäftsführerin des Frauenhauses in Schwandorf. "Die fehlende Struktur im Tagesablauf sowie die Umstellung auf die Situation, keine Aufgabe zuhause zu finden, wird bei vielen Menschen Konfliktpotenzial haben." Hinzu komme Streit unter Kindern, der Erziehungskonflikte der Eltern verstärken könnte. Was schließlich laut Pogunte zusätzlich Öl ins Feuer gießen könnte, ist mögliches Suchtverhalten eines Partners, das sich durch die lange Zeit zuhaue verstärken kann.

Frauenhaus arbeitet unter erschwerten Bedingungen

Aber wohin wenden, wenn man Opfer häuslicher Gewalt wird? Prechtl: "Für Fälle, in denen die einzig mögliche Lösung darin besteht, dass das Opfer die gemeinsam genutzte Wohnung verlässt, bietet das Frauenhaus gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern rund um die Uhr Beratung und Schutz." Betroffene bekommen unter der Nummer 09471/7131 Hilfe. Prechtl betont, dass zwar derzeit alle Plätze im Frauenhaus belegt seien, dass sich aber das dortige Fachpersonal in "Akutsituationen" bemüht, Opfer alternativ unterzubringen.

Allerdings gestaltet sich die Arbeit im Frauenhaus derzeit selbst schwierig. Denn es geht darum zu Helfen und gleichzeitig Infektionen vorzubeugen. Pogunte: "Der Spagat zwischen Neuaufnahmen und dem Schutz der Bewohnerinnen stellt für uns schon eine Herausforderung dar." Erschwerend hinzukomme, dass das Frauenhaus weder Desinfektionsmittel noch Schutzkleidung vorrätig habe. "Im Moment behelfen wir uns mit selbstgenähten Mund-Nasen-Masken", sagt Pogunte.

Amberg: Gefangen in den eigenen vier Wänden

Amberg

Und wenn eine Frau mit Corona-Symptomen um Hilfe bittet? Auch dann wolle man die Betroffene nicht im Regen stehen lassen. Pogunte teilt mit, im Frauenhaus werde momentan darüber nachgedacht, die Frauen in so einem Fall anderweitig unterzubringen. Wie das aber konkret aussehen könnte, kann sie noch nicht sagen. Eine Beratung könne dann aber nur telefonisch stattfinden.

Ruhigen Moment abwarten

Opfer von häuslicher Gewalt könnten gerade während der Coronakrise vor dem Problem stehen, dass sie sich nicht trauen, eine Notrufnummer zu wählen, weil der gewalttätige Partner rund um die Uhr in der Wohnung ist. Dabei setzt Pogunte auf den Einfallsreichtum betroffener Frauen. "Sicher gibt es mal einige Minuten die Möglichkeit zu telefonieren, wenn der Partner die Wohnung kurz zum Einkaufen verlässt oder wenn er schläft", hofft sie. Außerdem können Opfer häuslicher Gewalt auch eine Mail an frauenhaus.sad[at]gmx[dot]de schreiben. Wer akut von Gewalt betroffen ist, der soll aber Polizeikommissarin Franziska Meinl vom Polizeipräsidium in Regensburg zufolge immer die 110 wählen.

Häusliche Gewalt: Weitere Notrufnummern im Überblick

Deutschland und die Welt

Dabei ist das Frauenhaus nicht die einzige Anlaufstelle für Menschen, die Hilfe suchen. Prechtl nennt die Erziehungs-, Jungend-, und Familienberatungsstelle (09431/997010) als Ansprechpartner. "Wenn es in der Familie zu eskalierenden und verletzenden Streitigkeiten kommt oder wem es wegen Ängsten oder Kummer als Elternteil, als Jugendlicher oder junger Mensch nicht gut geht, kann sich an die Beratungstelle wenden." Speziell für Kinder und Jugendliche empfiehlt er die Nummer gegen Kummer (116111).

Info:

Polizei sieht keinen Anstieg häuslicher Gewalt

Einen tatsächlichen Anstieg häuslicher Gewalt kann das Polizeipräsidium im Moment zumindest noch nicht feststellen. Was das für den Landkreis Schwandorf im Speziellen bedeutet, kann Polizeikommissarin Franziska Meinl allerdings nicht genau sagen. "Die konkreten Entwicklungen werden wir erst im Langzeitvergleich bestimmen können." Allgemein könne sie aber mitteilen, dass die "Werte im März teilweise unter dem Niveau vom Januar, aber über den Werten des Februars" liegen. Was andere Straftaten angeht, so habe die Coronakrise einen positiven Effekt darauf. "Beispielsweise werden zum jetzigen Zeitpunkt Wohungseinbruchdiebstähle und geschäftliche Einbrüche gemeldet." Und auch auf den Straßen geht es ruhiger zu. So gibt es Meinl zufolge weniger Verkehrsunfälle und -straftaten.

Die Website der Nummer gegen Kummer finden Sie hier

Hier geht's zur Erziehungs-, Jungend-, und Familienberatungsstelle in Schwandorf

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