25.06.2021 - 11:12 Uhr
NabburgOberpfalz

Nabburger berichtet von Vertreibung: Zum Verlassen der Heimat gezwungen

Von der Gemeinde Haidl am Ahornberg (Zhůří) zeugt heute nur noch eine Kapelle. Für den Nabburger Jaroslaus Brabec ist dieser Ort aber noch lebendig. Dort wurde er geboren, von dort wurden er und seine Familie vertrieben. Vor 75 Jahren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Einwohner von Haidl ausgesiedelt, Brabec und seine Familie landeten dabei mit nur spärlicher Habe im damaligen Altlandkreis Nabburg, wo sie bei einem Landwirt unterkamen.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Das Datum 26. Juni ist für Jaroslaus Brabec für immer mit dem Drama des Verlusts seiner Heimat im Böhmerwald verbunden. An diesem Tag im Jahr 1946 wurde seine Familie ein Opfer der sogenannten Benes-Dekrete, der Grundlage für Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland.

Wobei Brabec erst mit sechs Jahren Deutscher geworden ist. Bis dahin war er wie die anderen Menschen der Region Bürger der Tschechoslowakei, die im Zuge des 2. Weltkriegs allerdings von der deutschen Wehrmacht erobert wurde. Nachdem durch NS-Terror im Protektorat Böhmen und Mähren Tausende von Tschechen umgekommen waren, stellte Edvard Benes bereits im Londoner Exil Überlegungen an, Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei auszuweisen, sobald sich die Möglichkeit dazu ergeben sollte. Als Staatspräsident setzte er diese Pläne dann um.

Vater in Haft und Arbeitslager

Der weitaus größte Teil der vertriebenen Sudetendeutschen, etwa eine Million, ließ sich in Bayern nieder, zunächst in Flüchtlingslagern. Schon wegen der großen Zahl waren sie den ebenfalls kriegsgebeutelten Einheimischen anfangs nicht willkommen. So erging es auch der (Rumpf-) Familie Brabec. Mutter Rosa, eine geborene Aschenbrenner, und ihre drei Söhne Anton (Jahrgang 1927), Engelbert (1930) und Jaroslaus (1934) kamen auf behördliche Anweisung bei einem Landwirt in Dameldsorf unter. Der wollte die Vertriebenen anfangs mit einer Mistgabel vom Hof fernhalten.

Vater Anton Brabec konnte seine Familie nicht begleiten. Dem Postbeamten, der mit Frau und Kindern zuletzt im südböhmischen Strakonitz (Strakonice) gelebt hatte, kam sein Bekenntnis zum Deutschtum teuer zu stehen. "Er musste für zehn Jahre in Haft und Arbeitslager und kam erst 1955 als kranker und gebrochener Mann zu uns," erinnert sich sein jüngster Sohn Jaroslaus. Zu dieser Zeit hatte er, seine Brüder und seine Mutter bereits in einem gemeinschaftlichen Kraftakt ein eigenes Heim in Unterköblitz (Wernberg-Köblitz) errichtet.

Die Geschichte der Familie Brabec in Bayern ist eine der gelingenden Integration. Aus Jaroslaus, der seinen Lebensmittelpunkt schließlich in Nabburg fand, wurde ein hochspezialisierter Waffentechniker im Dienst des Bundesgrenzschutzes. Überdies stand er mehr als zwei Jahrzehnte dem Nabburger Sportanglerverein vor.

Heute ist Jaroslaus Brabec 87 Jahre alt. Er erzählt, dass sein Heimatort Haidl am Ahornberg nicht mehr existiert. Dieser wurde 1954 von der tschechoslowakischen Armee dem Erdboden gleichgemacht, das Areal diente als Truppenübungsplatz. "Da blieb kein Stein stehen, kein Nagel übrig," bedauert Brabec die Zerstörung der 800-Seelen-Gemeinde, die sich etwa 70 Kilometer südlich von Pilsen befand, auf Höhe von Bayerisch Eisenstein.

Kleine Kapelle als Erinnerungsort

1999 hat man auf dem ehemaligen Gemeindegebiet auf Privatinitiative eine kleine Kapelle errichtet, vor der sich jedes Jahr die vertriebenen Einwohner zu einem Gedenkgottesdienst getroffen haben. Viele gibt es allerdings nicht mehr. "Ein weiterer Mann aus Haidl lebt noch in Pfreimd," berichtet der 87-Jährige.

Strakonitz, wo die Familie Brabec seit ungefähr 1940 lebte, ist weiter östlich als Haidl. So lag es nahe, erst einmal ein Stück Richtung Westen zu fliehen, als die Lage kritisch wurde. Also war Haidl, wo noch die Großmutter zu Hause war, der erste Zufluchtsort für Mutter Rosa und die Jungen. Vater Anton blieb aus dem Pflichtbewusstsein des Beamten in Strakonitz zurück, wo ihn später die Tschechen festnahmen.

Am Ende in Damelsdorf

Für die anderen begann 1946 die Odyssee in Haidl. Mit 30 Kilogramm Gepäck pro Person mussten die Menschen von einheimischen Bauern nach dem an der Grenze des ehemaligen Sudetenlandes gelegenen Langendorf (Dlouhá Ves) gebracht werden, wo Gasthaus und Schule als Sammel- und Registrierungsorte dienten. Von dort ging es am nächsten Tag auf Lastwagen weiter zum Bahnhof des sechs Kilometer entfernten Schüttenhofen (Susice). "Von da aus erfolgte unser Abtransport in Richtung Furth im Wald, wo sich alle in einem Zelt der Amerikaner einer Pulverdusche unterziehen mussten". Sinn der Aktion: die Desinfektion der Vertriebenen. Danach ging die unfreiwillige Zugreise weiter nach Schwandorf. Die Familie Brabec landete in der Folge in Pfreimd im Altlandkreis Nabburg und kam tags darauf schlussendlich in Damelsdorf an. Wie alle anderen hatten sie zu diesem Zeitpunkt schon lange ihre weißen Armbinden mit dem aufgedruckten "N" (Nemec/Deutscher) entfernt, die sie in der Tschechoslowakei während des Transportes tragen mussten.

Jaroslaus Brabec ist ohne Ressentiments, wenn er an dieses Drama denkt. "Aber ich möchte den 75. Jahrestag der Vertreibung nutzen, daran zu erinnern. Es werden ja immer weniger, die davon erzählen können."

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"Ich möchte den 75. Jahrestag der Vertreibung nutzen, daran zu erinnern."

Jaroslaus Brabec

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