09.04.2021 - 16:29 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Eixendorfer Stausee rüstet auf: Rettungsplan für Muscheln in der Bauphase

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Wenn im Herbst das Wasser weicht, beginnt für die Muscheln der Horror. Noch ist Zeit, ihre Evakuierung zu planen. Notwendig wird sie durch Baumaßnahmen am Eixendorfer Stausee. Dafür gibt es gleich mehrere gute Gründe.

Drei Taucher von der Koordinationsstelle für Muschelschutz an der TU München erforschen am Eixendorfer Stausee die Muschelbestände. Die Kartierung liefert die Basis für eine Bergungsaktion, wenn der See im Herbst wegen Baumaßnahmen abgelassen wird.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Am Ufer des Eixendorfer Stausees liegt zum Teil noch Schnee, als die Taucher ins Boot steigen. Sechs Grad kalt ist das Wasser, das spürt man auch durch den Trockenanzug. Doch die drei Mitarbeiter der Technischen Universität München (TUM) haben eine Mission: Sie sind auf der Suche nach Muscheln, die zum Teil als stark gefährdet gelten. Vor allem in flacheren, schlammigen Bereichen werden sie fündig, dort tummeln sich in zwei bis fünf Meter Wassertiefe die Weichtiere, denen im Herbst ein drastischer Einschnitt bevorsteht. Um ihr Überleben zu sichern, sind die Wissenschaftler von der Koordinationsstelle für Muschelschutz am Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie dabei, ihre "Adresse" zu notieren – um sie später kurzfristig umzusiedeln.

"Wenn wir im Herbst für Baumaßnahmen den See um fünf Meter absenken, ist es notwendig, die vorhandenen Muschelbestände genauer zu kennen", informiert der für den Landkreis Schwandorf zuständige Abteilungsleiter am Wasserwirtschaftsamt, Manuel Schlegel. Bei der vorerst letzten Absenkung habe man immerhin rund 70.000 Muscheln geborgen. Dafür soll es bei der nun anstehenden Maßnahme ein "Bergungskonzept" geben. "Wir wollen wissen, was da auf uns zukommt", so Schlegel. Denn anders als Fische schaffen es Muscheln nicht so schnell in tiefere Zonen, wenn das Wasser abgelassen wird. "Ein bisserl marschieren können Muscheln schon, aber weit kommen sie nicht." Andreas Dobler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TUM, lässt den Vergleich mit einem Schneckentempo gelten. Die Kartierung, die er zusammen mit zwei Kollegen übernommen hat, soll den Weichtieren im Ernstfall auf die Sprünge helfen.

Dobler und seine Kollegen Lukas Kohl und Philipp Hoos arbeiten dabei als Dreier-Team: Ein Taucheinsatzleiter, ein Rettungstaucher für Notfälle und ein Einsatztaucher kümmern sich jeweils um ein bestimmtes Transekt (markierte Zone) und seine Bewohner. Eine Signalleine samt Boje sorgt dafür, dass der Mann in der Tiefe mit den Kollegen an Bord in Kontakt bleibt. Sechs Pumpen arbeiten während des Tauchgangs neben dem Hauptdamm auf Hochtouren, damit die Schwarzach noch eine Mindestmenge Wasser abbekommt, wenn der reguläre Grundablauf dicht ist. "Der Sog wäre sonst für die Taucher zu gefährlich", erläutert Schlegel die Vorsichtsmaßnahme.

Muscheln haben die Wissenschaftler im Bereich direkt an der Hauptsperre bei der zweitägigen Aktion aber nicht entdeckt, dafür in anderen Arealen. Mit einer Kamera oder Scheinwerfern lässt sich auf dem schlammigen Grund bei schlechter Sicht aber wenig ausrichten. Die Taucher sind stattdessen mit wasserfestem Papier und Bleistift in der Tiefe unterwegs, um zu notieren, was sie im Schlamm ertasten können. Dort zählen sie Gemeine Teichmuscheln, Große Teichmuscheln und Malermuscheln, um ihr Überleben während der Revision am Hauptdamm zu sichern. Schließlich sind diese Arten alle nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt, die Große Teichmuschel gilt sogar als "sehr gefährdet" (Kategorie drei).

Laut Schlegel handelt es sich bei den anvisierten Arbeiten "um die größte Maßnahme seit es den Eixendorfer Stausee gibt". Deutlich über eine Million Euro sind veranschlagt für den Umbau, der künftig ein so extremes Absenken des Wasserspiegels für die Instandhaltung überflüssig machen soll. Der Wasserspeicher soll damit nicht nur fit für die Zukunft werden. Ein Teilaspekt des Umbaus ist die Entnahme von Wasser aus höheren Seeschichten - und damit eine Reduzierung der Blaualgen, die alljährlich den See in eine glitschige grüne Brühe verwandeln.

"Der Knackpunkt bei den Blaualgen ist aber wirklich der Eintrag von außen", warnt Schlegel vor überzogenen Hoffnungen: Landwirtschaft und die Kommunen als Betreiber von Kläranlagen müssten ihren Beitrag leisten, damit nicht zu viel Phosphat im See landet. Diese Fracht kommt mit der Schwarzach, deren Einzugsgebiet sich über 410 Quadratkilometer erstreckt. Und ohne nachhaltige Reduzierung der Nährstoffeinträge nutze auch die Wasserentnahme ganz oben nichts. "Sie ist nur ein Mosaikstein, um die Blaualgen in Schach zu halten", sagt der Fachmann. In den kälteren Monaten sollen die Wassermassen weiterhin über das bisherige, dann ertüchtigte System abfließen. "Aber vorsichtig, sonst belasten wir dann durch den dort angestauten Schlamm den Unterlauf der Schwarzach", meint der Abteilungsleiter mit Blick auf das sensible Ökosystem.

Von einer besseren Wasserqualität würden letztlich auch die Muscheln profitieren – wenn die Umbauphase vorbei ist. "Ein bisserl Stress wird das schon für die Tiere", meint TUM-Mitarbeiter Dobler mit Blick auf die Pläne für den Herbst. Da rücken die Taucher dann an, um die Muscheln einzusammeln, sie in Gitterboxen zu packen und vorübergehend in der Bereich der Vorsperre zu verfrachten - bis ihr Domizil im See wieder geflutet ist. "Vielleicht werden nicht alle Muscheln überleben", gibt Dobler zu bedenken, "aber die Population kann sich dann erholen."

Blaualgen-Reduzierung nach Bautzener Vorbild

Neunburg vorm Wald

"Ein bisserl marschieren können Muscheln schon, aber weit kommen sie nicht."

Manuel Schlegel, Abteilungsleiter am Wasserwirtschaftsamt

Manuel Schlegel, Abteilungsleiter am Wasserwirtschaftsamt

"Vielleicht werden nicht alle Muscheln überleben, aber die Population kann sich dann erholen."

Andreas Dobler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TUM

Andreas Dobler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TUM

Hintergrund:

Baumaßnahmen am Hauptdamm des Eixendorfer Stausees

  • Geplant: Ertüchtigung des Grundablasses, eine Revision soll danach ohne Absenkung des Wasserspiegels möglich sein. Außerdem: Bau einer Entnahmemöglichkeit von Seewasser aus höheren Wasserschichten und Anhebung des Bermenwegs (Weg zur Dammerhaltung), der derzeit unter Wasser liegt.
  • Zeitplan: Baubeginn mit Absenkung des Sees im Herbst 2021, Abschluss im Sommer 2022
  • Kosten: für die gesamten Maßnahmen deutlich über eine Million Euro; Kartierung der Muschelbestände (ohne Pumpeneinsatz) rund 4500 Euro.
  • Verfahren: Für das neue Entnahmebauwerk ist eine Antragskonferenz geplant. Dort wird eruiert, welche Untersuchungen erforderlich sind, damit das geänderte Betriebsregime genehmigt werden kann. Das Wasserwirtschaftsamt will dabei sicherstellen, dass für die Schwarzach keine nachteiligen Folgen entstehen.

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