24.06.2021 - 10:03 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Homeoffice in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN weiter eine Option

Mit dem Ende der sogenannten Bundesnotbremse am 30. Juni wird es auch keine Homeoffice-Pflicht mehr geben. Wie soll es danach weitergehen? Wir haben uns bei Behörden, Betrieben und Verbänden in Weiden sowie im Landkreis Neustadt umgehört.

Bei der Witt-Gruppe arbeiten rund 80 Prozent der Mitarbeiter aus den kaufmännischen Bereichen im Homeoffice.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil
  • Landratsamt Neustadt

Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl der Mitarbeiter des Landratsamts, "die teilweise im Homeoffice arbeiten, kontinuierlich angestiegen", informiert Pressesprecherin Claudia Prößl. Inzwischen dürfte es etwa die Hälfte der circa 500 Beschäftigten sein. "Vorher waren es nur einzelne, die aus familiären Gründen einen Homeoffice-Zugang hatten." Die meisten Homeoffice-Nutzer sind im Gesundheits- und im Jugendamt tätig. Im Gesundheitsamt arbeiten etwa 100 Männer und Frauen, im Jugendamt 50. "Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, so dass es Homeoffice in vielen Bereich auch nach dem 30. Juni weiterhin geben wird. Bei der Kfz-Zulassung, der Poststelle oder bei den Hausmeistern geht es sicherlich weniger als bei Mitarbeitern, die fast ausschließlich am PC oder Telefon arbeiten. In vielen Bereichen ist der persönliche Kontakt auch nicht durch die beste Technik zu ersetzen."

  • Stadt Weiden

"Die Stadt Weiden bietet bereits seit über 20 Jahren die Möglichkeit der Teleheimarbeit an", teilt Pressesprecher Norbert Schmieglitz mit. Vor Corona nahmen jedoch nur 15 Beschäftigte diese Option wahr, mittlerweile seien rund 260 Homeoffice-Zugänge eingerichtet worden. "Dies entspricht knapp 70 Prozent aller Bildschirmarbeitsplätze." Dies soll zunächst bis 30. September auch so bleiben. Als Vorteile von Homeoffice nennt die Stadt unter anderem Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber, Einsparung von Kosten für den Arbeitsplatz und den Arbeitsweg oder Erhöhung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Flexibilität der Arbeitszeitgestaltung. Nachteile: erhöhter Koordinierungsaufwand und eingeschränkter persönlicher Kontakt.

  • Witt Weiden

"Der Krisenstab der Witt-Gruppe beschäftigt sich bereits intensiv damit, wie unsere Mitarbeitenden nach dem 30. Juni arbeiten werden", betont Sprecherin Judith Weigl. "Derzeit gilt bei uns die Maßgabe: Wer seine Tätigkeit von zu Hause aus erledigen kann, soll dies unbedingt tun." Das seien rund 80 Prozent des Personals aus den kaufmännischen Bereichen. Witt habe gute Erfahrungen gemacht, auch bezüglich der Einarbeitung neuer Kollegen oder der Betreuung von Praktikanten und Auszubildenden. "Wenn sich die Infektionslage nicht verschlechtert, planen wir, dass bald wieder bis zu 50 Prozent der Mitarbeitenden ins Unternehmen kommen können", erläutert Weigl. "Eine Zusammenarbeit auch in Präsenz ist unserer Meinung nach wichtig für persönliche Begegnungen und den Erhalt der Unternehmenskultur." Rund 3500 Menschen arbeiten für die Witt-Gruppe, davon etwa 2600 am Standort Weiden.

  • Wirtschaftsbeirat Bayern, Bezirk Nordoberpfalz

Der Flosser Bauunternehmer Harald Gollwitzer ist auch Bezirksvorsitzender Nordoberpfalz des Wirtschaftsbeirats Bayern. Unternehmen seien in der Pandemie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht geworden und hätten zur Eindämmung der Infektionen beigetragen, weiß er. Gerade klein- und mittelständische Firmen hätten Lösungen gefunden, soziale Kontakte zu reduzieren, ohne die Betriebsabläufe zu unterbrechen. Dies sei jedoch schon vor der verpflichtenden Verordnung umgesetzt worden.

Harald Gollwitzer folgt auf Helmut Hör

Floss

Wenn die Homeoffice-Pflicht ausläuft, ist der Wirtschaftsbeirat gegen eine allgemeine gesetzliche Regelung. Abhängig von Branche, Organisation und Unternehmenskultur sollten Arbeitgeber und -nehmer individuelle Vereinbarungen treffen, die betrieblichen Belange sowie persönliche Bedürfnisse und Möglichkeiten der Mitarbeiter berücksichtigen. "Gesetzliche Vorgaben fern der Praxis greifen einerseits in das Recht auf unternehmerische Selbstbestimmung ein und sind andererseits nicht zwangsläufig im Sinne der Mitarbeitenden", meint Gollwitzer.

  • Harald Gollwitzer GmbH Spezialtiefbau, Floß

Als Chef der gleichnamigen Spezialtiefbau-Firma in Floß informiert Harald Gollwitzer, dass in seinem Unternehmen "Mitarbeitende, die sich ein Büro teilen, relativ früh abwechselnd von zu Hause aus arbeiten" konnten. "Der Wechsel zwischen Homeoffice und Arbeitsstätte betraf rund zehn Prozent unserer Belegschaft." Gollwitzer beschäftigt rund 130 Mitarbeiter.

  • BHS Corrugated, Weiherhammer

Bei BHS Corrugated in Weiherhammer arbeitet etwa die Hälfte der 1000 Beschäftigten von zu Hause aus, sagt Sprecherin Dominique Ehmann. Das Unternehmen verfolge bereits seit 2017 "eine Philosophie des mobilen Arbeitens", die es auch nach dem 30. Juni geben werde. "Als kleine Richtlinie werden wir uns 50 Prozent vor Ort und 50 Prozent mobil vornehmen." Für Studenten und Auszubildende habe die Betreuung beim mobilen Arbeiten genauso ausgesehen wie die Zusammenarbeit mit allen anderen Kollegen. "Wir haben weiterhin Vorstellungsgespräche geführt, dann eben virtuell, Studenten angestellt und angehenden Auszubildenden unsere Ausbildungsberufe erklärt", berichtet Ehmann. "Ein sehr positiver Effekt war die Reduzierung der Dienstreisen. Lange Reisezeiten, Kosten und natürlich CO2 konnten eingespart werden. Was viele in der sogenannten Homeoffice-Pflicht vermisst haben, sind die sozialen Interaktionen: gemeinsam zu Mittag zu essen oder einen kurzen Plausch zu halten. Diese zufälligen Begegnungen kann man nur sehr schlecht virtuell nachstellen."

  • Werbeagentur Lebegern, Windischeschenbach

Doch nicht nur große Unternehmen haben Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht, auch kleinere wie die Werbeagentur von Thomas Lebegern mit seinen drei Beschäftigten. "Mir ist es eigentlich egal, ob meine Mitarbeiter im Freibad, zu Hause oder sonst wo arbeiten. Hauptsache, die Arbeit wird gut gemacht und sie sind erreichbar." Auch nach dem 30. Juni dürfe jeder arbeiten, wo er wolle. "Nur Besprechungen im Team und mit Kunden werden statt per Videokonferenz wieder in Präsenz abgehalten."

  • IHK Regensburg

Sibylle Aumer, Bereichsleiterin Regionalpolitik, Arbeitsmarkt, Statistik bei der IHK Regensburg, berichtet, dass überwiegend Büro- und Verwaltungsarbeiten nach Hause verlagert worden seien. "Bei den unternehmensnahen Dienstleistern, in IT-Berufen oder in der Kreativszene war das Thema mobiles Arbeiten bereits vor der Pandemie sehr etabliert." Wichtig wäre bei künftigen Homeoffice-Bestimmungen, "dass die Regelungen bei aller Vorsicht auch eine Flexibilität zur Gestaltung der Arbeitsabläufe im Unternehmen ermöglichen".

  • Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Regensburg

In ostbayerischen Handwerksbetrieben spielt Homeoffice keine große Rolle, informiert Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger. "Die Wertschöpfung der kleinen und mittleren Unternehmen im Handwerk ist im Homeoffice kaum vorstellbar, denn wie sollen Dachdecker, Bäcker oder Heizungsbauer ihrer Arbeit im Homeoffice nachgehen? Selbst in der innerbetrieblichen Verwaltung ist Homeoffice nur in geringem Ausmaß möglich." Es mache "nur als Beimischung aber nicht als alleinige Lösung – also fünf Tage die Woche – Sinn. Eine verpflichtende Quote zu Homeoffice lehnen wir ab. Wir begrüßen steuerliche Anreize, die das erleichtern, sehen aber im Handwerk nur geringe Einsatzmöglichkeiten", resümiert Kilger.

  • Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)

"Der DGB Bayern und seine Mitgliedsgewerkschaften sehen das ungeregelte Feld des mobilen Arbeitens/Homeoffice in Abgrenzung zur geregelten Telearbeit als ein zentrales Problem für die Zeit nach der Corona-Pandemie", erläutert Oberpfalz-Regionssekretär Peter Hofmann. Nötig sei eine klare gesetzliche Regelung für mobiles Arbeiten und Homeoffice. Ziel müsse sein, "dass mobil arbeitende Arbeitnehmer nicht höheren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt werden", ergänzt Josef Bock, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Weiden-Neustadt. Vereinbarungen zum betrieblichen Datenschutz, zum Arbeitsschutz und zur Arbeitszeit müssten getroffen werden, um Beschäftigte abzusichern. "Wenn Arbeitgeber mit einem aktiven Betriebsrat und Gewerkschaft hier an einem Strang ziehen, kann durch mobiles Arbeiten sehr viel Positives für den Betrieb, die Arbeitnehmer und die Umwelt erreicht werden", hofft Bock.

Homeoffice und Klimaschutz

Deutschland und die Welt

"Wie sollen Dachdecker, Bäcker oder Heizungsbauer ihrer Arbeit im Homeoffice nachgehen?"

Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Der Duale Student Lukas Regler arbeitet für BHS Corrugated im Homeoffice.
Homeoffice bleibt weiterhin eine Option.
In vielen Betrieben wird Homeoffice auch nach dem 30. Juni eine Option bleiben.
Hintergrund:

Homeoffice-Pflicht

  • Teil des Infektionsschutzgesetzes, der sogenannten Bundesnotbremse
  • seit 23. April in Kraft
  • bis 30. Juni gültig
  • Maßnahmen am Arbeitsplatz wie Kontaktreduzierung, Testangebotspflicht und Verpflichtung zu Hygienekonzepten sollen bleiben

 

 

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