03.06.2020 - 18:45 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Hospiz Sankt Felix in der Coronakrise: Spagat zwischen Menschlichkeit und Vorschriften

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Obwohl es im Hospiz Sankt Felix in Neustadt keinen Fall von Covid-19 gibt, trifft die Krise die Einrichtung hart. Leiterin Susanne Wagner spricht von einem Spagat zwischen Regeln, Menschlichkeit und finanziellen Sorgen. Teil 1 einer Serie.

Susanne Wagner, Leiterin des Hospiz Sankt Felix in Neustadt, und ihr Team stellt die Coronakrise vor große Herausforderungen. Denn obwohl menschliche Nähe im Hospiz eine große Rolle spielt, müssen Hygienevorschriften und Abstandsregeln eingehalten werden.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Die Coronakrise hat größere Auswirkungen als ich es Anfang März gedacht hätte, auch auf unsere Einrichtung“, sagt Susanne Wagner. Die Leiterin des Hospiz Sankt Felix in Neustadt und ihr Team balancieren Hygienevorschriften, Abstandsregelungen und menschliche Fürsorge. „Es ist ein Drahtseilakt, der sich vor allem zu Beginn ungut angefühlt hat. Starke Bauchschmerzen habe ich vor allem, weil wir es den Betroffenen gerade in dieser letzten Zeit des Lebens ermöglichen wollen, mit ihren Angehörigen zusammen zu sein und sich zu verabschieden. Das zeichnet uns ja aus“, erklärt sie. „Es ist für mich sehr schmerzhaft und ging mir sehr nahe, die Maßnahmen umsetzen zu müssen. Aber wenn eine unserer Mitarbeiterinnen infiziert werden würde, hätten wir bei nur 20 Köpfen schnell ein Versorgungsproblem. Die Versorgungssicherheit war meine größte Sorge. Wo sollen die Leute denn sonst hin?“ Deshalb sei das Team, das in drei Schichten arbeitet, in zwei Gruppen unterteilt worden, die möglichst wenig Kontakt zueinander haben.

Ein Besucher pro Gast und Tag

Wagner zählt einige Vorschriften auf. So müssen alle Mitarbeiter und Besucher im Hospiz Mund-Nase-Masken tragen. Aushänge weisen auf Hygienevorschriften hin. „Zuerst haben wir zwei, dann nur noch einen Besucher pro Gast und Tag erlaubt. Wir führen ein Besucherprotokoll, um im Falle einer Infektion nachvollziehen zu können, mit wem die Person Kontakt hatte.“ Ein großes Thema sei der Umgang mit den Verstorbenen.

Wegen der Größe des Verabschiedungsraumes und der Abstandsregel dürfen nur zwei Angehörige in den Raum. „Das tut uns sehr leid.“ Aber das sei noch nicht alles.

Hospiz Sankt Felix: Bilanz nach drei Monaten im Betrieb

Neustadt an der Waldnaab

Die Gäste wurden notgedrungen isoliert. Es findet kein Gemeinschaftsleben mehr statt. Eine Essgruppe unter den Bewohnern wurde eingestellt. Ausgesetzt seien außerdem wichtige ehrenamtliche Dienste: Die qualifizierten Hospizbegleiter dürfen nicht kommen, der Hundebegleitverein kann keine Gäste besuchen, und die Klangschalen- und Atemtherapie fallen weg. „Die Gäste bleiben in ihren 15 Quadratmeter großen Zimmern und auf ihren Balkonen“, bedauert Wagner. Manch ein Gast fühle sich inzwischen eingesperrt. „Menschen Gutes zu tun durch Nähe ist genau das, was uns Kraft gibt. Es fällt uns jetzt schwer, den Gast und die Hinterbliebenen auf Distanz zu halten. Wir sind uns unserer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung durchaus bewusst. Aber es ist in der Krise ein spürbarer Spagat, die Menschlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren.“

Fragen und Antworten zum Hospiz Sankt Felix in Neustadt

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Würdevoller und emotionaler Abschied trotz Krise

Eine Rückmeldung von Hinterbliebenen belegt, dass Wagner und ihr Team diesen Spagat meistern. Der Ehemann einer an Krebs im Hospiz verstorbenen Frau lobt in einem Brief die „hervorragende Pflege und Betreuung“. Er schreibt: „Für uns alle kam erschwerend hinzu, dass wir am Beginn der Coronakrise standen und die Auflagen für die Besucher sich fast täglich änderten. Doch es wurde alles möglich gemacht, dass mein Sohn und ich die letzten Tage und Nächte bei ihr verweilen konnten.“ Und weiter: „Wir wissen, dass dies nicht selbstverständlich ist. Die fürsorgliche und warmherzige Art, welche uns allen entgegengebracht wurde, wird immer in unserer Erinnerung bleiben. (...) Es wurde uns in dieser schweren Coronazeit ermöglicht, von unserer lieben Verstorbenen einen würdevollen und emotionalen Abschied zu nehmen. (...) Ihr seid wirklich ein tolles Team!“

Info:

Weniger Spendeneinnahmen wegen Krise

Je nach Belegung benötigt das Hospiz Sankt Felix 80 000 bis 140 000 Euro an Spenden pro Jahr. In der Krise fällt allerdings ein großer Teil der Öffentlichkeitsarbeit aus, weil weder Führungen noch Veranstaltungen stattfinden können. „Wir spüren deutlich, dass Spenden, die wir für unseren Unterhalt brauchen, stark zurückgehen“, so Susanne Wagner. Zeitgleich seien die Kosten für Schutzausrüstung gestiegen. „Ich hoffe, dass die Gesellschaft weiter zu uns steht.“

Wer das Hospiz unterstützen möchte, kann dies über das Spendenkonto der Einrichtung tun. Empfänger: Hospiz Sankt Felix gemeinnützige GmbH, Kennwort: Sankt Felix, IBAN: DE07 3706 0120 1201 2701 00

Info:

Serie: Leben im Hospiz Sankt Felix

Das Hospiz Sankt Felix in Neustadt besteht seit gut einem Jahr. Wie ist das Leben an einem Ort, an dem gestorben wird? In einer losen Serie stellen wir das Hospiz und die Menschen dort vor.

Dieser Artikel ist der erste Teil der Serie. Der zweite Teil zeigt das Hospiz abseits der Coronakrise und beantwortet wichtige Fragen zur Einrichtung. In drei weiteren Teilen kommen die pflegerische Leiterin Elfriede Dollhopf, ein 73-jähriger Gast und zwei Hinterbliebene zu Wort.

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