24.09.2021 - 19:42 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Internationaler Tag der Flüsse: Wie geht es Waldnaab, Haidenaab und Pfreimd?

Richtig gut steht es nicht um Waldnaab, Haidenaab und Pfreimd. Zum Tag der Flüsse am Sonntag beleuchten wir ihren ökologischen Zustand: Was sind die Probleme, was kann jeder dagegen tun, und wie könnte der Klimawandel die Flüsse verändern?

Die Waldnaab fließt teilweise direkt durch Neustadt/WN hindurch und wird auch für die Naherholung genutzt, hier zum Beispiel bei der Camping- und Freizeitanlage.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Wander- und Radwege führen an ihnen entlang, sie fließen mitten durch viele Orte oder um sie herum, wir angeln, schwimmen oder fahren mit dem Kanu auf ihnen – und doch wissen viele Menschen nur wenig über unsere Flüsse. Zum internationalen Tag der Flüsse am Sonntag fragen wir: Wie geht es Waldnaab, Haidenaab und Pfreimd aus ökologischer Sicht? Die Antwort ist ernüchternd.

"Ein Teil der Pfreimd ist in wünschenswertem, guten ökologischen Zustand", beginnt Andrea Gall von der Gewässeraufsicht am Wasserwirtschaftsamt Weiden mit einer guten Nachricht. Das betrifft den Abschnitt ab unterhalb des Wasserspeichers Trausnitz bis zur Flussmündung bei Pfreimd, dessen ökologischer Zustand mit "gut" bewertet ist. Andere Abschnitte des Flusses werden dagegen nur mit "mäßig" bewertet. "Bei den anderen Gewässern muss noch etwas getan werden, um dorthin zu gelangen", sagt Gall über Wald- und Haidenaab. Die Waldnaab liege mit einem als "mäßig" beurteilten Zustand näher am wünschenswerten Zielzustand als die Haidenaab. Deren ökologische Bewertung lautet nämlich "unbefriedigend".

Gall erklärt gegenüber Oberpfalz-Medien, wie diese Bewertungen überhaupt zustande kommen. Drei Qualitätskriterien spielen eine Rolle bei der ökologischen Bewertung:

  • wirbellose Kleintiere der Gewässersohle (sogenannte Makrozoobenthos) wie Köcherfliegenlarven, Steinfliegenlarven, Libellenlarven,
  • festsitzende Pflanzen und Algen (Makrophyten und Phytobenthos) wie Kieselalgen, Flutender Hahnenfuß, Ähriges Tausendblatt, Laichkraut,
  • Fischfauna mit Arten wie Bachforelle, Barbe, Nase, Schmerle und Elritze.

Jede Komponente bekommt eine eigene Bewertung. Die Skala reicht von "sehr gut" über "gut", "mäßig", "unbefriedigend" bis "schlecht". Der schlechteste Zustand einer Komponente gibt die Beurteilung des ökologischen Gesamtzustands vor. Bei der Benotung wird untersucht, "wie stark die aktuelle Qualität eines Gewässers von der durch menschliche Einflüsse unbeeinträchtigten Gewässerqualität abweicht", so Gall. Je naturnäher und weniger vom Menschen beeinflusst ein Gewässer ist, desto besser also sein ökologischer Zustand.

Das Ziel lautet: Alle Gewässer in einen guten oder sehr guten ökologischen Zustand bringen und erhalten. Um dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, ist Ende 2000 die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) in Kraft getreten. Sie soll für eine grenzübergreifende, ganzheitliche Gewässerschutzpolitik unter der Berücksichtigung ökologischer Aspekte stehen. Doch die Umsetzung der Ziele gestaltet sich schwierig. Die Weidener Expertin beschreibt, unter welchen Hauptproblemen Waldnaab, Haidenaab und Pfreimd leiden.

Eintönige Struktur, viele Nährstoffe

"Sie leiden, wie nahezu all unsere Gewässer, an fehlender oder unzureichender Durchgängigkeit an Wehren und Wasserkraftwerken und an einer zu eintönigen Gewässerstruktur", fasst Gall zusammen. Das bereite vor allem Fischen und Kleinlebewesen Probleme. Unter struktureller Eintönigkeit, wenig Beschattung und zu vielen Nährstoffen beispielsweise aus Siedlungen und der Landwirtschaft leide zudem die Vielfalt der heimischen Wasserpflanzen.

Untersucht wird neben dem ökologischen auch der chemische Zustand der Flüsse. Unter diesem Punkt ist in der Zustandsbewertung immer wieder von Nährstoffen und Quecksilber im Wasser zu lesen. Andrea Gall erklärt, wie sie in unsere Flüsse gelangen und stellt zunächst klar: "Sowohl das Quecksilber, als auch die Nährstoffe sind kein Thema, das nur die Oberpfalz betrifft. In nahezu allen deutschen Gewässern ist Quecksilber ein Problem. Auch die Nährstoffe, Phosphor und Stickstoff, sind ein flächendeckendes Problem, das mal stärker und mal schwächer ausgeprägt ist." Dabei sei das Quecksilber vor allem eine "historisch bedingte Belastung".

Quecksilber könne zum Beispiel durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen in die Luft und von da aus in die Flüsse gelangen. Nährstoffe dagegen kämen vor allem durch Kläranlagen, die Industrie und landwirtschaftliche Flächen ins Wasser. Wenn es starke Regenfälle gebe, während die Böden nicht bewachsen sind, setze dies den Gewässern besonderes zu. Dann gelangen Oberboden und Nährstoffe besonders leicht ins Wasser. Durch verschiedene Maßnahmen soll der Eintrag dieser Stoffe verringert werden.

"Jeder kann etwas tun"

So gibt es beispielsweise Grenzwerte für Kläranlagen und Industriebetriebe bei chemischen Stoffen und Nährstoffen. "Auch beispielsweise die Gewässerrandstreifen tragen dazu bei, dass weniger Nährstoffe von der Flur ins Gewässer gelangen", erklärt Gall. Um eine möglichst naturnahe Gewässerstruktur herzustellen und Voraussetzungen für die Ansiedlung verschiedenster Lebewesen zu schaffen, renaturiere das Wasserwirtschaftsamt Gewässerstrecken.

Das heißt allerdings nicht, dass man nicht auch als Bürger seinen Beitrag leisten kann: "Jeder kann etwas tun", sagt die Expertin und gibt ein paar leicht umzusetzende Tipps:

  • Beim Waschen oder Putzen biologisch abbaubare Produkte nutzen und im Garten auf Pflanzenschutzmittel verzichten, um chemische Rückstände in den Gewässern zu minimieren.
  • Das Auto nicht zu Hause waschen, da dadurch schädliche Stoffe über die Kläranlagen in Gewässer gelangen können. Eine Waschanlage reinigt das Wasser und verwendet es mehrfach.
  • Keine Medikamente in der Toilette entsorgen, sondern zur Apotheke zurückbringen.

Trocknen unsere Flüsse aus?

Will man die langfristige Zukunft unserer Flüsse betrachten, rückt unweigerlich der Klimawandel ins Bild. Wird es Waldnaab, Haidenaab und Pfreimd auch 2050 oder 2070 noch geben? Oder müssen wir damit rechnen, dass sie sich verändern oder sogar austrocknen? Genau vorherzusagen seien mögliche Veränderungen nicht, meint Gall. "Aber durch die Erhöhung der Lufttemperatur und der damit einhergehenden erhöhten Verdunstung trocknen auch jetzt schon kleinere Bäche aus." Das wirke sich auf die Flüsse aus, die von diesen Bächen gespeist werden. "Zudem steigen auch die Wassertemperaturen, was den dort lebenden Tieren sehr zu schaffen macht. Falls sich unser Klima also weiter in diese Richtung entwickelt, kann es durchaus möglich sein, dass sich unsere Flüsse und deren Bewohner in den nächsten Jahren massiv verändern werden und der eine oder andere kleinere Zulauf zu den Flüssen bei starker Trockenheit kein Wasser führt."

Chef des Wasserwirtschaftsamts über die Wasserqualität der Oberpfälzer Flüsse

Weiden in der Oberpfalz

Besonderheiten der Natur im Landkreis Neustadt

Eslarn
Hintergrund:

Der Internationale Tag der Flüsse und die EU-Wasserrahmenrichtlinie

  • Seit 2005 findet jährlich am vierten Sonntag im September der Internationale Tag der Flüsse statt. An diesem Tag soll weltweit an den Wert der Flüsse erinnert werden, die eine wichtige Rolle bei der Biodiversität spielen.
  • Die EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) trat 2000 in Kraft und hat das Ziel, alle Gewässer in einen sehr guten oder guten ökologischen Zustand zu bringen und zu erhalten.
  • Die Bewertung der Flüsse umfasst den chemischen und den ökologischen Zustand des jeweiligen Gewässerabschnittes. Gemessen werden die Daten an Messstellen, die typisch für den jeweiligen Abschnitt sind.
  • Damit sich in einem Gewässer viele verschiedene Lebewesen ansiedeln können, braucht es unter anderem ein vielfältiges Umfeld: verschiedene Fließgeschwindigkeiten, verschiedene Sedimente oder Unterschlupfmöglichkeiten. Deshalb gibt es Renaturierungsmaßnahmen.
  • Generell ist in nahezu allen Gewässern Bayerns beim ökologischen Zustand noch Luft nach oben.

 

 

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