11.09.2019 - 23:42 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

"Jetzt red i" zum Süd-Ost-Link aus Neustadt/WN

"Jetzt red i" live aus Neustadt/WN: Minister Aiwanger gegen Landrat Meier, Mittelständler gegen Landwirte, Gelbwesten gegen Tennet.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger gerät kurz mit Landrat Andreas Meier aneinander.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Bei vielen vorangegangenen Sendungen ritten vor allem Bürgerinitiativen und Privatleute Attacken, so dass Politiker den Kopf einziehen mussten. Das ist ansatzweise auch in Neustadt der Fall. Das Zoffometer schlägt das erste Mal allerdings stärker aus, als ein Kommunalpolitiker gegen einen Vertreter der Landesregierung stichelt.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sieht den Süd-Ost-Link längst nicht als gesetzt an und verweist darauf, dass es mit seiner Hilfe gelungen sei, die Trasse P 44 zwischen Altenfeld und Grafenrheinfeld zu verhindern. "Aber nur dadurch, dass dafür die Kapazität auf dem Süd-Ost-Link verdoppelt wird", stänkert Landrat Andreas Meier unter lautem Beifall und schickt seine alte Forderung nach der Prüfung von Leitungen entlang der Autobahn hinterher.

Die Autobahn-Variante könne er ziemlich vergessen. Das habe die Bundesnetzagentur nicht auf dem Tisch und das bedeute viel zu viel Zusatzaufwand, beißt Aiwanger zurück. Seine Reaktion klingt nicht so, als ob er demnächst persönlich mal einen Förderbescheid im Landratsamt vorbeibringt: "Sie machen hier Parteipolitik und suchen einen Dummen bei den Freien Wählern, aber es war Ihre Partei, die CSU, die im Bundestag mit beschlossen hat, dass der Süd-Ost-Link gebaut wird." Auch hier verrät Beifall, dass im 150-köpfigen Publikum, in dem geschätzt 30 Prozent eine gelbe Warnweste tragen, etliche Freie Wähler sitzen.

"Echt enttäuscht"

Die nehmen ihren Minister aber auch ran. "Vergessen Sie nicht, wo Sie herkommen", mahnt Gemeinderat Eka Reber aus Störnstein. Eine Trebsauerin verrät, dass sie die Freien wegen Aiwangers Skepsis zu den Trassen gewählt habe, aber nun sei sie "echt enttäuscht".

Der Minister wiederholt öfter, dass eigentlich der Bund verantwortlich sei. Mit mehr Kraft-Wärme-Kopplung, Solarenergie und mehr Windkraft komme man aber am ehesten von Stromimporten aus dem Norden los. Für Trassen-Verfechter Martin Hagen, Chef der FDP-Landtagsfraktion, ist vor allem dieses Plädoyer für Windenergie eine Steilvorlage. "Ich freu mich schon auf die Jetzt-red-i-Sendung an den Orten, wo Hubert Aiwanger seine paar Hundert Windräder hinstellen will." In Bayern gilt nach wie vor die strenge 10-H-Abstandsregelung von Windkraftanlagen zu Wohnhäusern.

Hagen ist erwartungsgemäß in der Defensive, denn die Gegner fahren eine Fülle von Argumenten auf, von Gesundheitsrisiken über Naturzerstörung und Kosten bis zu Flächenverbrauch und undurchsichtiger Planung. Einige springen dem FDP-Mann aber auch bei, etwa Franz-Josef Einhäupl von der gleichnamigen Feuerverzinkerei in Weiden. Er mahnt Netzstabilität an.

Eine Art Amphitheater hatte der Bayerische Rundfunk als Kulisse seiner beliebtesten Diskussionssendung in der Stadthalle Neustadt aufgebaut. Darin konfrontiert Moderator Tilman Schöberl (stehend) die Landespolitiker Martin Hagen und Hubert Aiwanger mit Bürgerargumenten zum umstrittenen Bau der Stromtrasse Süd-Ost-Link.
Neustadt an der Waldnaab

"Traumtänzerei"

Ingenieur Klaus-Dieter Dönitz, der aus der Solarbranche kommt, nennt Vorstellungen, Bayern könne sich mit erneuerbaren Energie selbst versorgen, "Traumtänzerei". Wolfgang Weig, der behauptet, dass 7000 Megawatt von Offshore-Windrädern, 7 Atommeiler ersetzen, dankt Landwirten im Saal ausdrücklich, dass sie für den Süd-Ost-Link ihren Grund zur Verfügung stellen.

Der Satz klingt in höhnischem Gelächter aus. "Ich schlafe keine Nacht mehr ruhig", sagt Bäuerin Doris Zölch, die ihren Betrieb auf 650 Metren Länge und zwei Hektar gefährdet sieht. "Tennet will uns mit einer Einmalzahlung abspeisen und verdient sich dabei eine goldene Nase. Das sind Wildwest-Methoden."

Martin Groll hält als Sprecher des Netzbetreibers dagegen, spricht von "grüner Leitung", eingehaltenen Grenzwerten bei Magnetfeld und Erderwärmung sowie Anreizen für Landwirte. Eingefleischte Trassen-Verächter überzeugt er damit freilich nicht. Für die stecken Bundesnetzagentur und Tennet unter einer Decke. Eine Frau mit Protestweste formuliert es so: "Wenn ich den Bedarf für Äpfel in Deutschland ermitteln will, dann beauftrage ich mit der Studie keinen Apfelzüchter."

Neustadt an der Waldnaab
Viele wollen etwas sagen, aber nicht alle kommen dran. Die Diskussion hätte auch Stoff für eine drei- statt einstündige Übertragung geboten.
Gesehen werden:

Unabhängig von der bayernweiten Einschaltquote, ist „Jetzt red i“ bei Wahlkämpfern offenbar ein beliebtes Forum. Im Halbrund des improvisierten Stadthallen-Studios boten sich daher interessante Bilder. Neustadts Bürgermeister Rupert Troppmann saß eingesäumt zwischen potenziellen Nachfolgern – links CSU-Kandidat Armin Aichinger, rechts SPD-Bewerber Sebastian Dippold. Gerhard Steiner (Freie Wähler), ebenfalls Aspirant, wäre auch gern dabei, verriet ein Parteifreund, sei aber leider krank. Die Neustädter sind nach jetzigem Stand der Dinge aber wohl in der komfortablen Lage, dass der Süd-Ost-Link ihr Stadtgebiet nicht tangiert.

Weiden könnte schon eher betroffen sein. Daher suchte in der Reihe hinter Troppmann und Co. OB-Kandidat Benjamin Zeitler das Kamera-Objektiv. Schräg gegenüber tat Ali Zant für die Linke in gelber Weste seine Trassen-Ablehnung stadtratskampagnentauglich kund.

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Kommentare

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Maria Estl

Es ist schon recht belustigend, wenn in einer Bürgersendung wie „Jetzt red I“ Bürger das Wort erhalten, die neutral wirken, es jedoch keinesfalls sind, wie sich herausstellte. Warum wusste der berichtende Redakteur Peterhans davon offensichtlich nichts? So geschehen am 11.09.2019 in Neustadt/Waldnaab.
Ein Honorarprofessor, Fritz Dieter Dönitz mit Namen (der übrigens von Redakteur Peterhans falsch geschrieben wurde, aus Fritz Dieter Dönitz machte er Hans Dieter Dönitz) redete die Energiewende schlecht und sprach von „Traumtänzerei“. Er selbst hielt noch 2012 bei Schott Solar in Mitterteich an Desertec fest, obwohl Bosch und Siemens längst aus dem realitätsfernen Mega-Projekt ausgestiegen waren. Ein solches Projekt ist eine echte Traumtänzerei für mich. Eine Gigantomanie, der realistisch agierende Firmen den Rücken kehrten. Genauso verhält es sich mit dem überdimensionierten Stromnetzausbau, hier findet die wahre Traumtänzerei statt.
Ein weiterer Redner, Wolfgang Weig, ist dem Kabelhersteller Nexans eng verbunden, 2016 wurde er für langjährige Betriebszugehörigkeit beim Konzern geehrt.
Dem Redakteur Peterhans scheinen diese Sachverhalte nicht bekannt zu sein, obwohl sein Arbeitgeber, der Neue Tag, damals berichtete. Das ist schon ein Defizit, das man sich als Leser(in) nicht gerade wünscht. Angesichts solcher Fehlleistungen in der Berichterstattung mag es nicht verwundern, wenn immer mehr Abonnenten dem Neuen Tag den Rücken kehren.
Hier die Links zu den damaligen Berichten:
https://www.onetz.de/weiden-in-der-oberpfalz/wirtschaft/interview-mit-dem-wissenschaftler-prof-fritz-dieter-doenitz-ueber-den-zusammenbruch-von-solar-insolvenz-bringt-gesamte-solarthermie-in-misskredi-d1090824.html
https://www.onetz.de/deutschland-und-die-welt-r/wirtschaft-de-welt/schott-mitterteich-liefert-eine-million-receiver-fuer-solarkraftwerke-in-aller-welt-von-desertec-fest-ueberzeugt-d1092138.html
https://www.onetz.de/floss/wirtschaft/am-puls-der-technik-nexans-autelectric-ehrt-langjaehrige-mitarbeiter-d1717521.html

13.09.2019
Friedrich Peterhans

Sehr geehrte Frau Estl, 

Sie haben recht: Herr Dönitz trägt den Vornamen Fritz Dieter. Für den "Hans Dieter" entschuldige ich mich hiermit. 

Zugleich tut es mir leid, dass ich bei 150 Menschen im Saal nicht von jedem den beruflichen oder politischen Hintergrund oder weitere Teile seiner Lebensgeschichte kenne. Ich wage aber die Behauptung, dass es anderen  auch so ging. Wenn Sie mehr wissen, korrigieren Sie mich bitte. Im Übrigen tut das aber kaum etwas zur Sache, da  bei der Diskussion wohl niemand eine "neutrale" Meinung hatte. Das ist im Konzept der Sendung auch nicht vorgesehen. Sollen aber deshalb Leute wie Herr Weig oder Herr Dönitz nicht zu Wort kommen oder in der Zeitung zitiert werden? Das wäre so, als ob wir Landwirten, die sich wegen des Süd-Ost-Links Sorgen um Ihre Zukunft machen, vorwerfen, dass sie wegen persönlicher Interessen nicht "neutral" sind und Ihre Meinung deshalb irrelvant ist.           

 

13.09.2019