16.07.2021 - 10:32 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Tablet und Stift sind für Neustädter Grundschüler gleichberechtigte Werkzeuge

Nicht nur in Neustadt lernen die 240 Erst- bis Viertklässler mit Stift, Tafel, Tablet und Beamer Rechnen, Schreiben und Lesen. Die Digitalisierung eröffnet Chancen für den Unterricht, bedeutet Arbeit für Lehrer und lässt Wünsche offen.

Die Viertklässler Laurenz, Emilie und Anna erarbeiten sich mit Tablet und Arbeitsblättern den Wasserkreislauf
von Uwe Ibl Kontakt Profil

"Heute lernen wir das kleine und das große C", sagt Marion Steiner zu den Erstklässlern in der Neustädter Grundschule. Die Kinder erkunden den Gebrauch des Buchstabens am Tablet, lösen Aufgaben, laufen zur Tafel, um dort aufgehängte QR-Codes für digitale Arbeitsaufgaben abzuscannen. Zum Einloggen verwenden die Mädchen und Buben ebenfalls einen QR-Code, der im Hausaufgabenheft klebt. Es herrscht viel Leben im Klassenzimmer, bei Fragen melden sich die Kleinen. Andere kreuzen Bilder am Bildschirm an, die für ein Wort stehen, in dem das C vorkommt. "Es ist viel schöner als ein Arbeitsblatt, weil man selbst kontrollieren kann, ob es stimmt", sagt Tessa, die in der hintersten Reihe sitzt, zum Lernen mit dem Tablet.

Am Pult von Lehrerin Steiner stehen zwei Bildschirme. Von dort kann sie sich auch auf die Geräte der Schüler schalten und sehen, was die gerade in der digitalen Lernwelt machen. "Die Kinder arbeiten echt gut mit", urteilt auch Anna Wittmann, die gerade eine dritte Klasse unterrichtet. Für den EDV-Einsatz haben sich alle Lehrer viel selbst angeeignet. Es stehen onlinegestützte Selbstlernkurse zur Fortbildung aller bayerischen Lehrkräfte, digitale Fortbildungen auf Schulamtsebene, Referenten für die digitale Bildung von der Regierung sowie eigene Fortbildungen der Schule für den Einsatz von Apps, Fotos und Videos samt deren Erstellung zur Verfügung. Systembetreuerin Angelika Luber gibt darüber hinaus wöchentlich Digi-Tipps.

Holpriger Weg

"Man hat begriffen, dass der Computer ein Handwerkszeug ist", sagt die stellvertretende Schulamtsleiterin Elisabeth Junkawitscha. Der Weg dorthin war auch in der Grundschule Neustadt nicht einfach. "Corona hat ein Ausrufezeichen unter die Digitalisierung gesetzt." Von gemischten Gefühlen spricht Rektorin Heike Merther, wenn sie sich etwa 7 Jahre zurückerinnert, als Beamer und Dokumentenkamera die Overheadprojektoren ablösten.

W-Lan in allen Ecken und Reihen

Es dauert noch etwas, bis der Computerraum aufgelöst wurde und in jedes Klassenzimmer ein PC kam. Zu diesem Zeitpunkt hätten viele Lehrer erkannt, dass man den PC in den Unterricht einbauen kann. Systembetreuerin Luber hielt die EDV vor 5 Jahren noch mit einem Surfstick aktuell, jetzt sorgt sie mittels Jamf School zentral für Updates und die Verwaltung aller Geräte. "In der hintersten Reihe geht das W-Lan nicht." Solche Klagen sind mittlerweile Vergangenheit, die Verbindung in den Klassenzimmern stabil. Der vorerst letzte Schritt der EDV-Ausstattung ist aber noch nicht gegangen, nicht jedem der 240 Kinder in den 11 Klassen steht im Unterricht kontinuierlich ein Tablet zur Verfügung. Merther: "Wir haben für jeweils 5 Kinder ein I-Pad."

Viel Lob hat Rektorin Merther für die Stadt, die stets ein offenes Ohr bei EDV-Wünschen habe und Förderprogramme vermittle, sowie für ihre Systembetreuerin Luber übrig. Für sie ist die IT-Arbeit nicht nur Beruf, sondern auch Hobby. Anders wäre das Pensum mit nur einer Stunde, die sie für diese Aufgabe freigestellt ist, nicht zu schaffen. Noch vor Corona hat die Schule 24 Tablets bekomme, die sie während des Distanzunterricht an die Schülerinnen und Schüler verliehen hat. Mittlerweile sind sie wieder zurück und werden im Unterricht eingesetzt. "Wenn die Geräte zurückkommen, muss ich sie wieder auf Werkseinstellung setzen und mit Jamf erneut aufrüsten", beschreibt Systembetreuerin Luber das Vorgehen. "Das dauert länger als eine Stunde."

Wenig Zeit für Systembetreuer

Merther unterstützt sie in ihrem Wunsch nach mehr Stunden zur IT-Betreuung, die weit über die technische Seite hinaus geht. Wenn sie nicht mehr weiter weiß oder nach Anregungen für neue Programme, Inhalte und Projekte für sich und ihre Kollegen sucht, findet sie in einer Twitter-Gruppe schnell Rat. "Es gibt total begeisterte Lehrer, die ständig etwas posten." Dienst-Laptops für Lehrer sind bestellt und zum Teil ausgeliefert. Smartboards, hätten ebenfalls schon da sein sollen, hängen aber nach einem Coronaausbruch in einem Hafen in China fest. "Geduld ist gefragt", meint Merther, da aus der geplanten Einarbeitung in diesem Jahr nichts mehr wird.

Manche Lehrer in ihrem Kollegium seien schon sehr weit, was die Digitalisierung des Unterrichts angehe, berichtet die Rektorin. Sträuben würde sich keiner. "Manche beobachten noch, aber es kommt keiner aus." Für die Kinder sie die Arbeit mit dem Tablet im Moment noch etwas aufregendes, tolles. Das bestätigen Laurenz, Emilie und Anna aus der 4b, die sich mit Erklärstücken, Bildern und Videos auf dem Tablet sowie Arbeitsblättern auf Papier in den Wasserkreislauf einarbeiten. Ihre Klassenkameraden Mia und Zawadi berichten, dass sie während des Distanzunterrichts so über Handy gelernt und Hausaufgaben gemacht haben.

Lehrer als Lernbegleiter

Von einer aufwendigen aber lohnenden Unterrichtsvorbereitung spricht ihre Lehrerin Anja Steinsdörfer, die nicht nur fertige Youtube-Filme einbaut, sondern auch eigene Videos verwendet. "Je öfter man das macht, desto schneller geht die Vorbereitung." "Die Lehrerin wird immer mehr zur Lernbegleiterin", stellt sie fest. Der digitale Unterricht erleichtere das fließende Lernen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Steinsdörfer: "Ich hoffe, dass die weiterführenden Schulen mit dem digitalen Lernen weitermachen."

Die Schüler von Anna Wittmann schreiben gerade eine Probe mit Füller auf Papier. Wer fertig ist, geht ins Nebenzimmer und lässt sich selbstständig vom I-Pad ein Lernwörterdiktat vorlesen. Ein Mädchen mit eingeschränkter Hörfähigkeit nutzt dazu nicht wie die anderen den Lautsprecher des Gerätes sondern Kopfhörer, in denen sie die Stimme lauter regeln kann. Die Fehlerkontrolle erledigen alle Kinder mit Hilfe des Lernprogramms selbst.

Intelligentes Digitalmanagement

Schulamtsdirektorin Junkawitsch bescheinigt der Neustädter Grundschule ein intelligentes Digitalmanagement für die verschiedenen Bereiche von der Verwaltung, über den Unterricht, das Team und nach außen. "Wenn man dann noch den Kollegen die Freiheit einräumt, dass Kollegen wie Frau Luber sich entfalten könne, kommen viele positive Komponenten zusammen." Angeschafft sei die digitale Ausstattung schnell, betonte Bürgermeister Sebastian Dippold. "Wichtig ist, sie zu nutzen." Das geschehe an den beiden durch die Stadt finanzierten Bildungsstätten sowohl durch Frau Luber als auch ihren Kollegen Thomas Brandl an der Mittelschule hervorragend.

Gefahren am Bildschirm

Wichtig ist Luber das Projekt Fairnetzen. Darin thematisiert sie mit allen Klassen die Gefahren, die ihr und den Schülern bei ihrem Hobby, der Digitalisierung natürlich auch begegnen. Da geht es um das Suchtpotenzial, zu lange vor dem Bildschirm zu sitzen, ebenso wie um Zeitmanagement, Mobbing und soziale Ausgrenzung.

Spaß machte es, einen Film mit den Drittklässlern zu drehen, in dem sie ihre Schule den künftigen Erstklässlern vorstellen. Die Schüler zeigten den Vorschulkindern den Musiksaal und interviewten die Rektorin, weil der sonst übliche Besuch in der Grundschule für die Fünf- bis Sechsjährigen wegen Corona nicht möglich war. "Gold wert war die Digitalausstattung in der Coronazeit für den Kontakt mit den Eltern", erwähnt Merther einen weiteren positiven Aspekt. "Die Digitalisierung ist positiv, wenn es schnell gehen muss wie bei der Weiterleitung von kurzfristigen Entscheidungen des Kultusministeriums in der Pandemie." Und in der Pause gehen die jungen Neustädter auf die Suche nach Nationalhymnen, die sie mittels Tablet und im Haus verteilten QR-Codes finden und anhören.

Lokalpolitiker kritisieren EDV-Einsatz an Schulen.

Neustadt an der Waldnaab
Hintergrund:

EDV-Anschaffungen der Grundschule Neustadt

  • Beamer, Dokukamera, Soundbar, Headsets, Apple-TV,W-Lan und PC in jedem Klassenzimmer und Fachraum
  • 65 I-Pads und 13 Windows Tablets mit Ladestationen
  • 1 mobiler Beamer
  • 5 Drucker und 3 Transporttaschen für die IPads
  • 2 Smartboards (bestellt)

 

 

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