12.09.2019 - 10:56 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Zerbrechliche Welten entdecken

Seit über 20 Jahren gibt es die "Glasstraße" von Neustadt/WN bis Passau. Auf ihr lässt es sich nicht nur gut wandern. Die Besucher sehen kleine und große Kunst entlang des Weges.

Bis zu eine Million Besucher jährlich zählen die 70 000 Quadratmeter großen Kristall-Erlebniswelten bei Joska in Bodenmais. Besucher können dort Glaskünstlern beim Schleifen, Gravieren oder Bemalen über die Schulter schauen.

Ein gläserner Zauberwald, gläserne Gärten, eine Arche aus Glas: Die Magie des zerbrechlichen Werkstoffs inspiriert heimische Künstler und Meister aus der ganzen Welt. Die "Glasstraße" in Ostbayern begeistert seit über zwei Jahrzehnten Urlauber.

Glas, ein Werkstoff, auf den die Menschen seit Jahrhunderten bauen: im Alltag und als Basis für große Kunst und für kreative Meisterleistungen. In Ostbayern ist das Glas heute auch der "Baustoff" einer Urlaubs-Erlebniswelt: der 250 Kilometer langen "Glasstraße". Sie gilt nicht nur als eine der schönsten Ferienstraßen in der Bundesrepublik, sondern entwickelt sich zunehmend auch zur "Open-Air-Galerie", auf der sich der zerbrechliche Werkstoff auf einzigartige Weise erleben lässt.

Glas blasen

In der Stadt Regen wurde der gläserne Wald aus transparenten Bäumen zu einem Wahrzeichen. In Viechtach ist die gläserne Scheune Besuchermagnet ebenso wie die größte Kristallglas-Pyramide der Welt in Zwiesel oder die gläserne Arche am Lusen und die gläsernen Gärten in Frauenau. Zahlreiche Glashütten entlang dieser Straße haben ihre Werkstätten für Besucher geöffnet und bieten teils auch die Möglichkeit, in den gläsernen Erlebniswelten selber Glas zu blasen.

Die Glasstraße führt von Neustadt/WN quer durch den Oberpfälzer und den Bayerischen Wald bis nach Passau. Seit ihrer Eröffnung durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1997 wurde sie zu einer Erfolgsgeschichte: Entlang der Route reiht sich heute eine gläserne Attraktion an die andere: Hüttenführungen, Glasmacherkurse, Erlebnis-Angebote, Museen und auch Werksverkäufe ziehen Besucher an.

Inzwischen als Touristenattraktionen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt sind die Angebote, die unter freiem Himmel einzigartige Naturerlebnisse auf dem "Grünen Dach Europas" mit der großen Kulturtradition rund um das Glas verbinden. Bis zu fünf Meter ragen beispielsweise bei Regen im Bayerischen Wald mehr als zwei Dutzend grün, braun und blau schimmernde Tannen, Fichten, Buchen, Kiefern und Espen in die Höhe. Im Wind aber wiegen sich diese Bäume nicht und der Waldduft fehlt ihnen ebenfalls. Diese Stämme hat nicht die Natur, sondern Menschenhand geschaffen: Die Bäume in diesem Wald in Niederbayern sind aus feinstem Quarzglas.

Zauberhaft im Winter

Der bekannte Glaskünstler Rudolf Schmid - er hat in Viechtach auch die einzigartige "Gläserne Scheune" geschaffen - entwickelte eigens eine spezielle Glasmischung für die gläsernen Bäume: Denn die Stämme aus Glas sind auf den Höhen des Bayerischen Waldes Wind und Wetter ausgesetzt. Als besonders zauberhaft gilt der "Gläserne Wald" im Winter, wenn er von einer dünnen Frostschicht überzogen ist.

Bunte gläserne Natur-Welten blühen im Glasdorf der Traditions-Manufaktur Weinfurtner in Arnbruck. Dort "fliegen" zerbrechliche Schmetterlinge und Marienkäfer, "blühen" filigrane Blüten und glitzern Mobiles im Schein der Sonne. Im Glasdorf zwischen idyllischen Seen und Wasserspielen arbeiten Künstler, Kunsthandwerker, Designer und Gärtner zusammen und erschaffen tagtäglich aufs Neue gläserne Welten in der niederbayerischen Gemeinde.

In den 70 000 Quadratmeter großen Kristall-Erlebniswelten bei Joska in Bodenmais demonstrieren ausgebildete Glasbläser am Schmelzofen ihr Handwerk. Besucher können dort Glaskünstlern beim Schleifen, Gravieren oder Bemalen über die Schulter schauen. Der Landkreis Regen, heute einer der letzten in sich geschlossenen Glas-Zentren Europas, bündelt auf www. glasregion-arberland.de alle Informationen über die "Glasregion Arberland". "Nirgendwo in Bayern gibt es auf einer solchen Fläche eine ähnliche Dichte und Vielfalt an Glasspezialisten", sagt Projektleiter Stephan Lang, Regionalmanager im Landkreis Regen. Zwiesel im Landkreis Regen ist auch Standort einer Glasfachschule, an der junge Menschen - bundesweit einzigartig - bis heute die Kunst des Glasblasens, Glasmachens, Glasveredelns und Glasmalens lernen.

Am Fuße des Lusen-Massivs zwischen Teufelsloch und Himmelsleiter fasziniert ein grün schimmerndes, fünf Meter langes Schiff seine Besucher: Die "Gläserne Arche" besteht aus 480 miteinander verbundenen Glasscheiben und wird von einer Hand aus Eichenholz gehalten.

Das deutsch-tschechische Kunstobjekt ist gleichzeitig Symbol für die Bewahrung des gemeinsamen Natur- und Kulturraums Bayerischer Wald und Böhmerwald und Monument für die jahrhundertealte Bedeutung dieser Waldlandschaft als weltweit berühmte Glas-Region. Als "Gläsernes Herz des Bayerischen Waldes" gilt Frauenau, wo die älteste Industriellenfamilie Deutschlands, die Familie von Poschinger, seit nahezu 500 Jahren edle gläserne Gebrauchsgegenstände produziert. Auch Erwin Eisch, einer der bedeutendsten Glaskünstler der Studioglasbewegung, hat seine Glashütte in Frauenau. In den "Gläsernen Gärten" begeistern in Frauenau auf einer Fläche von acht Hektar 24 Skulpturen von renommierten Künstlern aus der ganzen Welt.

Garten aus Glas

Mitten im Ort Riedlhütte ist in aufwendiger Handarbeit der 1000 Quadratmeter große Wald-Glas-Garten der Familie Köck entstanden. Im Sinne des Wortes "herausragender" Mittelpunkt der Garteninszenierung ist eine gläserne Baumgruppe aus Fichte, Tanne und Buche. Die gläsernen Baumriesen ragen fast zehn Meter in den Himmel. Allein die Blätter und Nadeln der Bäume bestehen aus mehr als 1000 von Hand hergestellten Glasscheiben. Den "Waldboden" bevölkern gläserne Hirsche und Rehe, Füchse und Hühner, Eulen, Schnecken und Frösche.

Im Bayerischen Wald hilft Glas mittlerweile auch dabei, die innere Balance wiederzufinden: Auf dem Meditationsweg im Pfarrgarten Kollnburg laden imposante, mit Versen aus der Bibel versehene Glastafeln zum Innehalten inmitten der Natur ein. In Zwiesel bieten eine gläserne Kapelle und ein gläserner Kreuzweg Gelegenheit zum Verweilen und Nachdenken. 14 Stationen säumen den etwa einen Kilometer langen Wanderweg. Jede Station ist ein individuelles Kunstwerk aus Spezialglas, auf Granit- oder Gneisfindlinge montiert und mit einem hölzernen Dach geschützt.

Mehr Informationen zur Glasstraße gibt es auf www.die-glasstrasse.de.

In der Stadt Regen wurde der „Gläserne Wald“ aus transparenten Bäumen zum Wahrzeichen.
Zu den Höhepunkten der „Glasstraße“ gehört die größte Kristallglaspyramide der Welt in Zwiesel.

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