Zeitreisen mit dem Ovigo: "Was für ein Theater!"

Das Ovigo-Theater lädt ein zu einer Zeitreise in die Geschichte der sagenumwobenen Burg Murach. Florian Wein, Leiter des Ovigos, begibt sich danach in die umgekehrte Richtung: Auf eine Zeitreise in die Zukunft des Theaters.

Auch damals hatten die Menschen schon Pläne, genau wie dieses Paar der Zeitreise. Doch wie sehen die Pläne des Ovigos aus?
von Vincent PoschenriederProfil

"Riesig, kaum in Worte zu fassen". Florian Weins Grinsen spiegelt die Freude wider, endlich wieder etwas aufführen zu dürfen. "Als wir das erste Mal wieder für Publikum gespielt haben, das war schon etwas ganz besonderes. Wenn man das Leuchten in den Augen der Besucher sieht, auch von den Schauspielern und allen Beteiligten." Leuchtende Augen gibt es auch auf der Zeitreise des Ovigo-Theaters zur sagenumwobenen Burg Murach, die von Wein, dem Leiter des Theaters, begleitet und von den Schauspielern des Ovigos aufgeführt wird.

Trotz Starkregen sammelt sich eine große Besuchergruppe am Treffpunkt mit Blick auf das Ziel des Spaziergangs: die Burg Murach. Nebelverhangen thront sie auf einem Granitfelsen und soll angeblich von Riesenhand erbaut worden sein. Eineinhalb Stunden wird sich auf dem Spaziergang zur Burg alles um die Sagen rund um das "Haus Murach" drehen. Pünktlich zur Begrüßung versiegt der Regen und die Führung bleibt tatsächlich von Unwetter verschont.

Comeback, Schrazeln und ein eigenes Theaterhaus

Kulturschaffende standen in letzter Zeit allerdings ziemlich im Regen. Doch das Ovigo kommt gestärkt aus der Krise: "Ich hätte es auch selbst nicht gedacht, aber wir haben trotzdem so viel gespielt, gerade die Zeitreisen, und so viel Kontakt gehalten mit den Leuten. Wir haben auch Mitglieder dazugewonnen, das sind ja alles gute Anzeichen", erzählt Wein im Gespräch nach der Aufführung. Mitglieder dazugewonnen, während Corona? "Ja tatsächlich, weil die gemerkt haben, da geht trotzdem was vorwärts und wenn es wieder weitergeht, dann wollen wir auch mit dabei sein", erklärt er. Ohne Pandemie wären auch die Zeitreisen zu den Burgen Schellenberg, Thanstein und Murach nicht in diesem Ausmaß aufgeführt worden. Apropos Zeitreise, der Ovigo-Leiter erzählt an der ersten Station gerade von den "Schrazeln", winzige Wesen mit vier Zehen, die dem Menschen heimlich zur Hand gehen.

Obwohl sich die Zeitreisen gerade in der Pandemie gut umsetzen lassen, ist die Idee vorher entstanden. Die Burg Murach liegt im Einzugsgebiet des Ovigos, nahe bei Oberviechtach. Mit Theaterszenen wie der Erzählung von den "Schrazeln" soll den Zuschauern die Geschichte vor Ort nähergebracht werden. "Und wie macht das ein Theaterverein? Natürlich mit Theatereinlagen", erklärt Wein.

Um dem Publikum weiter solche Stücke bieten zu können, sucht das Ovigo nach einem eigenen Theaterhaus. "Wir haben uns natürlich schon mal bei diversen Kommunen umgehört, uns ein paar Häuser angesehen und uns überlegt, ob das was werden könnte. Wir forcieren das aber auch nicht so extrem dynamisch, weil wir wissen so ein Schritt mag wohl überlegt sein und wir sind gerade sehr am Wachsen, vielleicht sollten wir uns erstmal weiterentwickeln und anschließend schauen", meint Wein.

Florian Wein führt die Besucher durch die Zeitreise und lenkt als 1. Vorsitzender die Geschicke des Theaters.

Heimat, Hobby und Grausamkeiten

Viele und auch ungewöhnliche Spielorte sind ein Markenzeichen des Ovigos. Wenn es einmal eine "Heimat" gefunden hat, will das Theater deshalb weiter mindestens genauso viele Orte wie bisher bespielen. "Wir haben unseren Mitgliedern vermittelt, selbst wenn wir mal ein eigenes Haus haben, wo auch immer das sein wird, dann werden wir weiterhin ausschwärmen. Das wird leichter, wenn man einen festen Standort hat." Das Theater möchte den Weg der "Semi-Professionalisierung" gehen. Ein böses Wort denkt Florian Wein, aber der Grundgedanke stimme. "Ich habe Probleme mit Begriffen wie 'Amateure' und 'Laien', das ist ähnlich wie bei Sportlern. Es gibt unglaublich gute Sportler, die damit nicht Geld verdienen. Wir haben einfach einen hohen Anspruch an uns", meint er. Beim Ovigo kämen die Leute von der Arbeit und würden trotzdem versuchen, das Bestmögliche herauszuholen.

So zum Beispiel bei einer etwas gruseligeren Szene: Die Zuschauer sind auf einer Lichtung angekommen, die mit blutbefleckten Tüchern übersäht ist. Ein Knecht sammelt diese jammernd auf. Sein Großvater hat drei Äpfel des Burgherren gestohlen, ein anderer Knecht wurde dafür verantwortlich gemacht, an ein Pferd gebunden und so lange herumgezogen bis seine Kleider zerfetzt waren. Kurz danach starb er und seitdem findet der Geist keine Ruhe. Auch in dieser Szene merkt man, wie begeistert die Schauspieler ihr Hobby ausleben. Nach dieser schaurigen Geschichte macht Wein weiter. Er legt mit Blick auf die Burg eine Geschichtsstunde ein. Es geht um den Besitzerwechsel der Burg, als die Wittelsbacher den Besitzer Rapotto von Ortenburg mit einem Beschluss zwangen, seine Burg an sie abzugeben.

Schaurige Geschichten erleben die Zuschauer hier. Zum Glück haben die Ängstlichen unter ihnen nicht die Grusel-Wanderung gebucht.

Kreativität, Grenzenlosigkeit und die Theateratmosphäre

Weniger dramatisch lief die Übergabe der Leitung des Theaters von Wolfgang Pöhlmann an Florian Wein und Julia Ruhland ab. Seitdem gibt es viele neue Ideen, die das Ovigo verwirklichen will. Würde man ein Stück über das Ovigo schreiben, könnte das nach Wein "Was für ein Theater!" oder "Immer neu, immer anders, immer crazy heißen". Im Gespräch macht Wein deutlich, dass das Ovigo keine Grenzen kennt. Das gilt zum Beispiel für die Aufführungsorte (Lüftungskeller im Donau-Einkaufszentrum) oder die Art des Schauspiels (Krimi-Dinner, Zeitreise, Musical), genauso wie für die Schauspieler. "Bei uns kann jeder mitmachen, der open-minded ist, der für Vielfalt steht, der es cool findet, was wir machen, der aber auch immer wieder offen und bereit ist für etwas Neues", erklärt Wein. Schon das Vorgänger-Ensemble war bekannt dafür, sich etwas zu trauen.

"Mein Vorgänger hat mit Schulaufführungen durchaus mal provoziert und es war ihm wichtig, auch ein bisschen Grenzen auszuloten. Das ist das, was wir ab und an mit Produktionen immer noch machen, dass wir auch mal etwas probieren und versuchen. Wir denken uns, selbst wenn wir mal scheitern, na und?", erzählt der Leiter. Man möchte probieren, was mit der Art von Theater hier in der Region möglich ist. Diese Art von Schauspiel kommt an. Das Theater wurde schon mit einigen Preisen ausgezeichnet, wie dem bayerischen Amateurtheaterpreis oder dem Zukunftspreis des Landkreises Schwandorf. Eine kleine Nettigkeit findet Florian Wein: "Klar ist das eine schöne Anerkennung, aber darum geht es uns gar nicht." Bei dem Publikum und den Schauspielern etwas auslösen zu können sei wichtiger. Man merke nach jeder Aufführung: "Die Stimmung ist gerade total cool, und den Moment genießen wir jetzt einfach zusammen", beschreibt Wein die Atmosphäre nach einer Vorstellung. Alle wissen, wie viel Arbeit in einer Produktion steckt.

Die neuen Zeitreisen sind Anfang diesen Jahres fertiggestellt worden, im Lockdown war viel Zeit, diese zu recherchieren und zu schreiben. Anschließend folgten Leseproben und die Besetzung. Darauf dann Videoproben, und "echte" Proben fanden erst im Mai statt. Bald danach wurden die Zeitreisen auch schon aufgeführt. Davor kam noch die Endprobenwoche, die ist laut Wein der "totale Wahnsinn".

Wir denken uns, selbst wenn wir mal scheitern, na und?

Florian Wein

Florian Wein

Ende der Zeitreise

Doch noch ist die Vorstellung nicht vorbei. Inzwischen in der Burg angekommen hört das Publikum die Geschichte vom wilden Hans, der tausende Hussiten in die Flucht schlug und dessen steinernes Herz nur von der Muracher Burgherrin erweicht werden konnte. Die Gäste lernen außerdem etwas vom Aufbau der Burg und warum die Burg "Haus Murach" heißt. So hat sich die Reise zur Burg gelohnt, der Wissens- und Kulturdurst der Zuschauer wurde für diesen Sonntag gestillt. Zum Schluss tritt noch ein Paar, das früher in der Burg gewohnt haben soll, aus einem Haus und bespricht seine Zukunft. Sie blicken sehr hoffnungsvoll nach vorne. Genau wie das Ovigo. "Stay tuned", also "Bleiben Sie dran", soll die Botschaft sein, denn alles will Florian Wein von den Zukunftsplänen des Theaters auch nicht verraten.

Das Programm des Ovigos

Oberviechtach
Petra Sommer-Stark erzählt ausdrucksstark von der Begegnung mit dem wilden Hans, dem Krieg gegen die Hussiten und ihrem Verlobten.
Info:

Die besondere Geschichte des Ovigos

  • 1979 wird das "Ortenburg-Ensemble" von Kunstlehrer Wolfgang Pöhlmann am Ortenburg-Gymnasium in Oberviechtach gegründet. Erfolge bei den Schauspieltagen in Berchtesgaden bilden den Grundstein für aufsehenerregende Aufführungen über die Region hinaus. Ehemalige Schüler bleiben nach ihrer Schulzeit im Ensemble und spielen mit Jüngeren zusammen.
  • 2012 löst sich das Ensemble von der Schule, da kein Mitglied Schüler am Gymnasium ist. Erstmals werden auch Darsteller von außerhalb aufgenommen. Es entsteht die Abkürzung "OVI" (Oberviechtach) "OGO" (Ortenburg), kurz Ovigo.
  • 2014 übergibt Pöhlmann die Leitung des Theaters an Florian Wein und Julia Ruhland. Die Übergabe ist am Tag des 50. Geburtstages des Ortenburg-Gymnasiums.
  • 2016 gründet sich das Ovigo als eingetragener Verein nochmals neu.
  • 2020 feiert das Ovigo, früher Ortenburg-Ensemble, seinen 40. Geburtstag.
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