24.06.2021 - 11:47 Uhr
OberviechtachOberpfalz

"Eine Nacht in Oberviechtach": Rebellen-Pfarrer wird zur Bühnen-Figur

Das Oberviechtacher Schauspiel entwickelt sich: Mit einem geheimnisvollen Szenentitel ruft Regisseur Stefan Eiser einen rebellischen Ortspfarrer in Erinnerung. Das Festspiel „Stadt.Spiel.Platz.“ greift Ereignisse der Ortsgeschichte auf.

Eine Schlüsselszene ist die Anwerbung Pfarrer von Millers (Michael Trapp links) durch den Kriegskommissär Matthias Ägidius Fuchs (Hans Fleischer rechts). In der Mitte Manfred Aschenbrenner als Knecht des streitbaren Geistlichen.
von Georg LangProfil

Bis zum Rückbau des ehemaligen AOK-Gebäudes war das Bild des Oberviechtacher Freiheitskämpfers Pfarrer von Miller allgegenwärtig, auch wenn das fassadenfüllende Sgraffito von 1956 am markanten Kreuzungspunkt in letzter Zeit schon arg verblasst war. Der Doktor-Eisenbarth-Festspielverein lässt jetzt aber mit einer eindrucksvollen Szene die Erinnerung an den adeligen Pfarrer und Freiheitskämpfer vom Beginn des 18. Jahrhunderts wieder aufleben.

Was die Stadt Oberviechtach mit dem Pfarrer-von-Miller-Bildnis am AOK-Gebäude vorhat, lesen Sie hier

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Neben den Proben für die übrigen Festspiel-Aufführungen am 11. und 12. September gibt das etwa fünfzehnminütige Spiel um den Geistlichen ein authentisches Bild dieser schillernden Figur aus der Oberviechtacher Geschichte wieder. Noch heute erinnert eine in die Wand eingelassene Gedenktafel am rechten Seitenaltar der Chamer Stadtpfarrkirche St. Jakob an den „kurbayerischen Brigadier Florian Sigismund Maximilian Miller von Altammerthal und Fronhofen“, wie er sich nach der Einnahme von Cham in der Neujahrsnacht 1705/1706 selbst nannte. Die Chamer Gedenktafel, die 200 Jahre nach der Erstürmung errichtet wurde, spricht vom „Heldentod“, der sich zwar auf Mitkämpfer bezieht, nicht aber auf den Anführer von Miller selbst, denn dieser wurde bei der Rückeroberung Chams von den kaiserlichen Truppen verhaftet und schließlich nach Wörth in eine siebenjährige Festungshaft verbracht.

Die Spielszene unter der Regie von Stefan Eiser greift im Kern ein Ereignis auf, das sich etwa zwei Monate vor der Einnahme Chams zugetragen hat. „Eine Nacht in Oberviechtach“ wurde diese Szene genannt, in der der Kriegskommissär Matthias Ägidius Fuchs als Abgesandter des bayerischen Kurfürsten im Oberviechtacher Pfarrhof vorstellig wird und den Geistlichen als „Ritter“ und „Edler von Miller“ umschmeichelt, um ihn für die Anführerschaft zu gewinnen.

Dabei stößt der kurfürstliche Abgesandte keineswegs auf taube Ohren, denn Florian von Miller ist kein demütiger Geistlicher, sondern entwickelt auch in seinem Priesteramt Verhaltensweisen seiner feudalen Abstammung, wenn es darum geht, Abgaben einzutreiben. Er erscheint persönlich bei den säumigen Bauern oder sendet seine Knechte aus, um die dem Pfarrherrn zustehenden Leistungen auf brutale Art durchzusetzen.

Der Eingangsdialog der Spielszene zwischen Pfarrer von Miller und seinem Knecht bezieht sich auf quellenmäßig belegte Beispiele für gewaltsame Aktionen gegen den Müller Matthias Schindler von der Steinmühle oder gegen den Müller Wolfgang Roth von der „unteren Kefermühl“. Die historische Grundlage für die gesamte Szene liefert Dr. Reiner Reisinger im Band 1 der Oberviechtacher Museumsschriften aus dem Jahr 2002.

Diese Publikation, für die Edmund Strangl umfangreiche Vorarbeiten erbracht hat, bietet auch interessante Details bei der handstreichartigen Einnahme Chams durch von Miller und seine Freiheitskämpfer, die sich gegen die österreichische Besatzungsmacht im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) wehrten.

Nahe Verwandte von Millers sind mit seinem Rebellentum keineswegs einverstanden. Deshalb erscheint ein Neffe von ihm in Cham, um ihn umzustimmen und auch ein Brief seines Bruders vermag den Freiheitskämpfer nicht von seinem Ziel abzubringen. Selbst die Pfarrhaushälterin in Oberviechtach sagt sich von ihm los, weil sie Repressalien der kaiserlich österreichischen Verwaltung befürchtet. Pfarrer von Miller aber scheint guter Dinge zu sein und bittet sie Anfang Januar 1706, ihm persönliche Gegenstände aus dem Oberviechtacher Pfarrhof nach Cham zu schicken.

Ein Bericht über das Leben des "Rebellen-Pfarrers" aus Oberviechtach

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Bericht über die Vorarbeiten für das Eisenbarth-Festspiel

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Das Sgraffito am ehemaligen AOK-Gebäude während dessen Rückbau im April.
Die Gedenktafel von 1906 in der Chamer Stadtpfarrkirche St. Jakob erinnert an die einstigen Freiheitskämpfer und ihren Anführer aus Oberviechtach.
Hintergrund:

Ein Auftrag an die Pfarrhaushälterin

Am 4. Januar 1706 bittet Pfarrer von Miller seine Pfarrhaushälterin Justina Hasenohr um Übersendung persönlicher Gegenstände nach Cham: „Schicket mir meinen Schlafrock, meine Schlafhosen, die kleine Schere im Kasten und das Büchschen so auf dem Fenster lieget und die Ohrenlöffel darinnen sind und meinen Pallasch (Degen), die zwei kleinen Pistolen, sie sind geladen, gebt Achtung, daß nichts geschieht, und meinen veilchenblauen Rock samt dem Kamisol (Wams), und mein goldenes Kreuz, wo oben im Kasten in Papier eingewickelt ist, 4 Hemden, soviel Schnupf- und Halstücher…“.

 

 

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