01.07.2021 - 16:01 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Sozial-Drama im Gleiritscher Forsthaus: Jäger steht anno 1849 wegen Bigamie vor Gericht

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Vor dem Landgericht Oberviechtach wird im Jahr 1849 ein Fall verhandelt, der bayernweit Aufmerksamkeit erregt. Die Zeitungen schreiben von einem "ganz seltenen Verbrechen": Der Gleiritscher Revierjäger muss sich wegen Bigamie verantworten.

Der Vordergrund der ehemalige Gleiritscher Schlossbauernhof, dahinter rechts das frühere Jägerhaus, gehörten zum einstigen Gutskomplex der Grafen von Kreith.
von Alois KöpplProfil

Das Landgericht in Oberviechtach entstand im Jahre 1840. Nur wenige Jahre später – 1849 – nahm hier ein Fall seinen Anfang, der in ganz Bayern Aufmerksamkeit erregte und dem Leser beim Blättern in alten Zeitungen ins Auge sticht. Mehrere Gazetten, wie die „Donau Zeitung“, „Bayerische Landbötin“ oder die „Neue Münchner Zeitung“ berichteten im Jahre 1850 ausführlich darüber.

In dem Fall ging es um Bigamie, also Doppelehe. „Ein Verbrechen, das in den Annalen der bayerischen Strafrechtspflege gewiss zu den ganz seltenen gehört“ (Zitat: Donau Zeitung, 30. Januar 1850) war Gegenstand einer ersten Verhandlung im Oberviechtacher Landgericht. Weitere Berufungsverhandlungen in Regensburg und Amberg folgten. Vier bis acht Jahre Zuchthaus standen für das Vergehen, das auch heute noch ein Straftatbestand nach Paragraf 172 des Strafgesetzbuches ist, damals im Raum.

Witwe des Vorgängers geheiratet

Was war passiert? Ein 1801 im Schwäbischen geborener Mann, der seit 1826 als Revierjäger im Dienste des Grafen Stauffenberg stand, heiratete am 16. Mai 1826 die knapp 14 Jahre ältere Witwe seines Vorgängers auf der Jägerstelle. Die neue Gattin brachte fünf Kinder mit in die Ehe, ein sechstes aus der neuen Verbindung gesellte sich im Folgejahr dazu.

Die Beziehung schien unter keinem guten Stern gestanden zu haben, kurz nach dem "verflixten siebten Ehejahr" verließ der Jäger seine Familie. In der Zwischenzeit hatte er seine Anstellung verloren, wirtschaftlich ging es bergab. „Nachdem Alles gar war“, wie er es formulierte, machte er sich auf die Suche nach einer neuen Tätigkeit.

Nach einigen Zwischenstationen verschlug es ihn nach Guteneck, wo der Graf von Kreith, damals Hofmarksherr über Guteneck und Gleiritsch, aufgrund der guten Zeugnisse ihm die Förster- und Jägerstelle in Gleiritsch anvertraute. Das zu betreuende Revier umfasste das heute noch zusammenhängende Gebiet zwischen Gleiritsch und Zeinried, vielen als „Plassenberg“ bekannt. Vor einigen Jahren führte ein Streckenteil des Landkreislaufes durch das Waldstück.

Graf wollte keine Rente zahlen

Die Gleiritscher Stelle war wegen des Todes des bisherigen Amtsinhabers vakant. Allerdings hatte die Sache einen Haken, der den Weidmann schlussendlich hinter Gitter brachte. Damit Graf von Kreith keine Rentenzahlungen an die Witwe leisten musste, sollte der neue Jäger die Frau seines Vorgängers einfach heiraten und sich um deren sechs Kinder kümmern.

Wirtschaftliche Absicherung war ein entscheidender Faktor bei einer Ehe zur damaligen Zeit. Die Alternative dazu hieß „Kloster“, allerdings nicht mit Kindern. Der Satz „nach dem siebten Kind mögen sie sich schon“ spiegelt den Zeitgeist wider und kommt nicht von ungefähr. Der Witwe wurde angedeutet, dass sie ihre Tätigkeit verlieren könnte, falls sie die Ehe ausschlagen sollte.

Die Verehelichungserlaubnis, zur damaligen Zeit üblich, wurde auf gräfliches Betreiben beschleunigt erteilt. Der Forstmann verschwieg seine erste, noch rechtmäßig geschlossene Ehe und trat am 16. Februar 1844 in Weidenthal vor den Traualtar. Doch im April 1849 kam das Bestehen der noch gültigen ersten Ehe ans Tageslicht. Das Ehegericht des Ordinariats Regensburg annullierte die zweite Verbindung und das „Landgericht Oberviechtach, in dessen Bezirke Gleiritsch liegt“, so steht im Sitzungsbericht der bayerischen Strafgerichte aus dem Jahre 1850 zu lesen, leitete „eine strafrechtliche Untersuchung wegen Bigamie“ ein.

Bei sechs Monaten Gefängnis bleibt es nicht

Bei einer weiteren Verhandlung am Regensburger Kreis- und Stadtgericht gelang es dem Verteidiger, die Angelegenheit als grobe Fahrlässigkeit seines Mandanten darzustellen. Dieser sei im Glauben gewesen, dass seine erste Ehefrau bereits gestorben war. Das Gericht folgte der Argumentation des Advokaten und verhängte eine „sechsmonatige Gefängnisstrafe“, wie die „Donau-Zeitung“ am 30. Januar 1850 vermeldete. Da die Staatsanwaltschaft aber das Urteil anfocht, entschied das Berufungsgericht für die Oberpfalz und Regensburg auf vier Jahre Arbeitshausstrafe, bei der die Verurteilten produktiv zum Wohle der Staatskasse eingesetzt waren.

Da der Jäger auch nach der zweiten Eheschließung brieflich Kontakt zu seiner ersten Frau gesucht hatte, erschien die Darstellung der groben Fahrlässigkeit als unglaubwürdig. Der Fall war so außergewöhnlich, dass er sogar in ein in Basel erschienenes Lehrbuch für angehende Juristen Eingang fand.

Bericht über das Leben auf dem Land vor einem Jahrhundert

Gleiritsch
Blick auf den Gleiritscher Ortsteil Lampenricht, im Hintergrund auf der rechten Seite die heute noch zusammenhängende Waldabteilung Plassenberg, die sich vom Gleiritscher Sportplatz bis nach Zeinried erstreckt. Der im 19. Jahrhundert angestellte Jäger war für das Revier verantwortlich.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.