15.11.2019 - 11:06 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Der Zylinder bleibt meistens zu Hause

Er steigt den Leuten aufs Dach und ist trotzdem gerngesehen: Karl Winklmann aus Teunz ist nicht nur Schornsteinfeger, er ist auch als Glücksbringer unterwegs. Zu Beginn der Heizsaison wartet er mit Tipps auf, damit der Kamin nicht qualmt.

Glück kann auch bei der Redaktionsarbeit nicht schaden. Als erster Interviewpartner nach der kirchlichen Segnung kommt Schornsteinfeger Karl Winklmann am Marktplatz 24 vorbei.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Wenige Tage nach der kirchlichen Segnung kommt Kaminkehrer Karl Winklmann (56) zum Pressegespräch in der neuen Redaktion von Oberpfalz-Medien am Marktplatz 24 vorbei. Natürlich in seiner Arbeitskleidung, dem schwarzen Kehranzug. Die kragenlose Jacke mit zweireihigen Knöpfen (Gold für Meister, Silber für Gesellen und Lehrlinge) nennt man Koller. Dazu kommt ein Gürtel mit Schnalle, an denen die Schlüssel für die Kamintüren baumeln. Statt der modernen Staubmaske knotet sich Winklmann das weiße Mundtuch um. Den Zylinder lässt er meistens zu Hause; er setzt lieber die praktischere Gesellen-Kappe auf. Früher galt: „Hohe Hüte für hohe Persönlichkeiten.“ Schließlich waren die bis Ende der 1950er-Jahre durch die Dörfer ziehenden Männer seit dem Mittelalter wichtig für den Feuerschutz.

Wettbewerbsrecht

Heute sind sie auch dafür zuständig, dass Heizungsanlagen effizient und umweltschonend arbeiten. Seit 2013 kann jeder Hausbesitzer seinen Kaminkehrer frei wählen. Mit dem Aus für das Monopol wurde die europäische Dienstleistungsrichtlinie umgesetzt. Karl Winklmann aus Teunz muss als bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger mit zwei verschiedenen Briefköpfen firmieren: Einen für seine hoheitlichen Aufgaben (wie Feuerstättenschau) im Bezirk Nabburg. Und einen weiteren als freier Schornsteinfeger, der in ganz Europa Kamine kehren könnte. Das macht er natürlich ebenso wenig, wie seine tschechischen Kollegen: „Im Bereich Niederbayern/Oberpfalz ist kein einziger ausländischer Kaminkehrer in die Handwerksrolle eingetragen.“ Laut Wettbewerbsrecht darf er die Aufgaben nicht vermischen. „Das ist Quatsch, aber Vorschrift“, sagt Karl Winklmann. Neu ist, dass ein Kaminkehrer jetzt bei den freien Aufgaben selber entscheiden kann, was er dafür in Rechnung stellt. Doch wirklich verändert hat sich wenig: „Kaum einer macht vom Wahlrecht Gebrauch. Viele sind zufrieden und schließlich ist es auch eine Frage des Vertrauens, wen man in seine Wohnung lässt.“ Er findet es aber gut, dass es keine Zwangsbeziehung mehr ist. Sein Betrieb hat jetzt 110 Kunden mehr als vor 2013. Nur zehn sind abgesprungen. Noch etwas ist neu: Der Kaminkehrer heißt jetzt auch in Bayern offiziell Schornsteinfeger.

Den Überblick, ob regelmäßig gekehrt wird (ein- bis viermal im Jahr, je nach Heizsystem), hat der zuständige Bezirksschornsteinfeger mittels Führung eines Kehrbuches. „Diese Kontrolle ist der Hauptgrund, warum die Bezirke nicht aufgelöst wurden. Die Arbeit müssten sonst die Landratsämter leisten“, sagt Winklmann. Schon einige Male musste er zusammen mit Polizei, Feuerwehr und Schlüsseldienst anrücken, um eine Pflichtkehrung (Ersatzvornahme) auszuführen. Der Berufswunsch Kaminkehrer stand für ihn schon als kleiner Bub fest. „Ich wollte selbstständig werden und nie in einer Halle arbeiten“. Er schätzt die abwechselnde Tätigkeit zwischen Dach und Heizungskeller, zwischen draußen und drinnen. Und auch den Kontakt zu den Leuten.

Gefährlicher Job

„Kaminkehrer dürfen ohne Gerüst auf den höchsten Dächern herumkraxeln“, sagt der 56-Jährige. Abgestürzt ist er noch nicht. Er erinnert sich an seine Lehrzeit, als er mit weichen Knien auf dem 30 Meter hohen Stahlkamin in der Neunburger Kaserne die drei Röhren reinigte. Auszubildende müssen schwindelfrei sein und dürfen keine Angst vor Schmutz haben. „Wir haben keine Nachwuchssorgen“, freut sich Winklmann, der zehn Jahre nebenamtlich als Berufsschullehrer für Bayern Nord am Aus- und Fortbildungszentrum Mühlbach tätig war. Nach wie vor arbeitet er im Prüfungsausschuss mit. Zehn Prozent der Auszubildenden sind weiblich. Auch der Teunzer hat eine Schornsteinfegerin im Team.

„Wir sehen uns nach wie vor als Glücksbringer“, sagt der stellvertretende Obermeister der Innung Oberpfalz. „Erst heute hab ich einen getroffen, der mich vor 30 Jahren für seine Hochzeit engagiert hat.“ Schmunzelnd ergänzt er: „Die Ehe hat aber sicher nicht wegen mir gehalten!“ Er freut sich über die positive Darstellung des Berufsstandes zu Neujahr. Und er ist aktiv mit von der Partie, wenn der Kaminkehrer-Chor der Innung am 1. Dezember beim Weihnachtsmarkt auf Schloss Thurn und Taxis auftritt.

Das Kehren ist für Bezirksschornsteinfegermeister Karl Winklmann aber nur ein kleiner Teil des Arbeitsspektrums.
Ein gefährlicher Job: Der Kaminkehrer kraxelt ohne Gerüst auf den Dächern über der Eisenbarth-Stadt.
Warme Wohnung ohne "Stinker":

Tipps vom Bezirksschornsteinfeger

Aufgaben

Reinigung von Abgasanlagen, Feuerstätten, Rauchrohren, Lüftungsanlagen sowie das Messen von Grenzwerten. Prüfen- und Aufsichtstätigkeiten darf nur der Bezirksschornsteinfeger ausführen: Bauabnahme, Kehrbuch-Führung, Feuerstättenschau (alle drei Jahre), Ersatzvornahme (Pflichtkehrung) oder anlassbezogene Prüfung (nach Beschwerde wegen starker Rauchentwicklung). Seit 2013 ist eine Nebenbeschäftigung erlaubt: Energieberater, Energieausweise ausstellen, Öfen und Kamine verkaufen und einbauen.

Tipps zum Heizen

„Die Kaminkehrer setzen sich dafür ein, dass hochwertig geheizt wird. Denn wir wollen keine Stinker, die den Brennstoff Holz in Verruf bringen“, sagt Karl Winklmann. Er appelliert daran, auf drei Dinge zu achten: Zum einen auf die Technik, denn ein hochwertiger Ofen hat bessere Werte. Der Brennstoff muss trocken sein und je nach Feuerraum die richtige Länge und Größe aufweisen (bei der Feinstaubmessung deutet der Rußansatz im Kamin auf Mängel hin). Die Holzlege wird bei der Feuerstättenschau kontrolliert. Richtig: Abgedeckt, vom Boden weg und gut belüftet. Das Kunststück bei der Bedienung ist es, das Sauerstoff-Luftgemisch richtig einzustellen. Denn ist der Zug zu weit offen, ist der Abbrand zu schnell. Ist er zu weit geschlossen, besteht Sauerstoffmangel. In der Zukunft wird ein luftgesteuerter Abbrand auch für Kaminöfen Pflicht werden (Stromanschluss nötig).

Alte Öfen fliegen raus

Ein knisterndes Feuer in der Wohnung ist gemütlich. Holzöfen setzen neben Wärme aber auch Emissionen wie Feinstaub und Kohlenmonoxid frei. Die 1. Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchV) von 2010 legt die Grenzwerte fest. Der „Austausch ungeprüfter Öfen“ läuft: Bis Ende 2020 müssen die raus, die von 1985 bis 1995 eingebaut wurden. Die vierte Frist (Inbetriebnahme bis 2010) geht bis 2024. Eine Nachrüstung lohnt meist nicht. „Vorsicht bei Schnäppchen aus dem Ausland“, warnt Winklmann. Denn ab Baujahr 2016 muss der Ofen auch die Prüfung nach Stufe zwei (Umweltschutz) aufweisen. Ob Kaminofen oder Kachelofen-Einsatz weiter betrieben werden können, checkt der Experte in einer Online-Datenbank.

Die Kaminkehrer setzen sich dafür ein, dass hochwertig geheizt wird. Denn wir wollen keine Stinker, die den Brennstoff Holz in Verruf bringen.

Karl Winklmann, bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger

Karl Winklmann, bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger

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