31.01.2020 - 12:46 Uhr
MünchenOberpfalz

Ökumene der Märtyrer: Pater Alfred Delp und Graf Moltke

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Noch in der Todeszelle schreibt Jesuitenpater Alfred Delp religiöse Meditationen. Seine mehr als 75 Jahre alten Sätze und Texte, sein Vorbild bewegen bis heute viele Mitglieder seines Ordens - und darüber hinaus.

Pater Alfred Delp, Jesuit, Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, hingerichtet in Berlin-Plötzensee, vor dem Volksgerichtshof 1945 in Berlin. (Aufnahmedatum unbekannt)
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Vor 75 Jahren machte der Volksgerichtshof in Berlin mit Alfred Delp kurzen Prozess. Der Jesuit hatte sich am "Kreisauer Kreis" beteiligt. Der 37-jährige Priester arbeitete in der zivilen Widerstandsgruppe um Helmuth James Graf von Moltke mit, die für einen Neuanfang nach dem Sturz der Nationalsozialisten plante. Aus der Sicht des Regimes war das Hochverrat. Am 2. Februar 1945, an Mariä Lichtmess, wurde Pater Alfred Delp in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet. Seine Asche wurde verstreut.

Victor von Gostomski, der 1992 verstorbene Verleger und Mitbegründer des Verlagshauses "Der neue Tag", war während der NS-Herrschaft selbst in Plötzensee eingesperrt. In seinem mit Walter Loch verfassten Buch "Der Tod von Plötzensee" von 1969, in dem er das Morden der NS-Schergen festgehalten hat, beschreibt von Gostomski den Jesuiten als "ungewöhnlichen Priester. Seine Gestalt ist uns vertraut durch sein Wirken als Lehrer, als Publizist, als Pfarrer". "Wer Kaltenbrunners Bericht an Bormann und Hitler liest, merkt, wie wenig diesen Leuten vom Geiste und Wollen Pater Delps bekannt wurde. Sie rekonstruierten seine Wege, seine Gespräche. Mehr begriffen sie nicht. Für sie war der Jesuit ein Ultramontaner, ein Jesuit, nicht viel anderes als ein Jude. Nur so erklärt sich die Härte des Urteils."

Video über Pater Alfred Delp

Delp war sich bewusst, dass er sterben sollte, weil er Jesuit war, und nicht nur, weil er Teil des Widerstands war. Die Gestapo hatte ihn aufgefordert, den Orden zu verlassen, um sein Leben zu retten, was dieser ablehnte. Am 8. Dezember 1944 legte er in der Haftanstalt Berlin-Tegel im Geheimen und unter Duldung des Wachbeamten in die Hände von Pater Franz von Tattenbach die endgültigen Gelübde ab.

Zur Person:

Pater Alfred Delp, SJ

Pater Alfred Delp kam am 15. September 1907 in Mannheim als ältester Sohn von sechs Kindern eines protestantischen Kaufmanns und einer katholischen Mutter zur Welt. Er trat 1926 in den Jesuitenorden ein. Der Jesuit war unter anderem Redakteur der NS-kritischen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. Ab 1941 war er Kirchenrektor der Kirche St. Georg in München-Bogenhausen, wo er am 28. Juli 1944 nach der Frühmesse verhaftet wurde. Am 2. Februar 1945 wurde Delp in Berlin-Plötzensee gehängt. (paa)

Vom Schwandorfer Rösch entsandt

Seinen Weg in die zivile Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis" hatte Delp durch einen gebürtigen Schwandorfer gefunden, durch Augustin Rösch. Über den damaligen Jesuitenprovinzial aus München schreibt Moltke Anfang April 1943 an seine Frau: "Er ist der stärkste Mann des Katholizismus in Deutschland." Rösch hatte Delp zur Mitarbeit im Widerstand in den "Kreisauer Kreis" entsandt, der einen Soziologen suchte. Zugleich versuchte Rösch seine Mitbrüder zu schützen, allen voran Pater Rupert Mayer, sowie die Bischöfe zum entschiedeneren Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu drängen.

"Rösch war sozusagen der Stratege und Mittelsmann zu den Bischöfen, Delp der Kopf des Kreises, Ideenträger und Vordenker. Hinzu kam als dritter Jesuit Pater Lothar König, der in Pullach tätig war und vor allem Kurierdienste übernahm", sagt Pater Martin Stark, Leiter Kommunikation & Fundraising der Jesuiten in München.

Wir wollen durch die tiefe philosophische Bildung junge Menschen ermutigen, falsche Ideologien zu entlarven und insbesondere gegen geistige Vergiftung durch völkischen Fremdenhass eintreten – und damit im Sinne von Alfred Delp einen Beitrag dazu leisten, dass so etwas wie Auschwitz nie wieder geschieht.

Professor Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie München

Professor Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie München

Im Glauben verbunden

"Delp und Moltke fühlten sich - bei unterschiedlicher Konfessionszugehörigkeit - im Glauben miteinander verbunden", beschreibt Hans Maier im Jahr 2007 in einem Vortag das Verhältnis. Der frühere bayerische Kultusminister verweist auf den Briefwechsel der Zellennachbarn. Während Delp dem Protestanten für dessen "Beispiel der Unermüdlichkeit" gedankt habe, habe Moltke in seinem letzten Brief an den Jesuiten geschrieben: " ... denn wir wollen, wenn man uns schon umbringt, doch auf alle Fälle reichlich Samen streuen". Das haben sie.

An der Hochschule für Philosophie München, die 1971 aus der Philosophischen Fakultät der Jesuiten in Pullach hervorgegangen war, gilt Delp als Vorbild. "Als Hochschule für Philosophie wollen wir daran mitwirken, die Zukunft menschenwürdig zu gestalten", sagt der Präsident der Hochschule, Professor Johannes Wallacher. Die Studierenden würden lernen "sich an Wahrheit und Werten auszurichten. Unser Alumnus Alfred Delp steht noch heute für all das". Seit 1984 verleiht die Hochschule alle drei Jahre den Alfred-Delp-Preis für herausragende Dissertationen. An Delp, der von 1928 bis 1931 selbst an der Hochschule studiert hatte und sich 1942/43 mit dem "Kreisauer Kreis" im Gebäude in der Kaulbachstraße traf, erinnert eine Gedenktafel.

Herausforderung für Christenheit

"Für viele Mitbrüder ist Pater Alfred Delp bis heute ein Vorbild und Leitbild", sagt Stark. "Seine Meditationen und seine Aufzeichnungen aus der Haft, die er mit gefesselten Händen geschrieben hat, sind ein großes Zeugnis seiner Treue zur Ordensberufung in der Gesellschaft Jesu." Er betont zudem, Moltke und Delp seien als Christen verurteilt worden. "Diese Ökumene der Märtyrer bleibt eine Herausforderung für die ganze Christenheit."

Hintergrund:

Kreisauer Kreis

Der „Kreisauer Kreis“ war eine bürgerliche Widerstandsgruppe, die sich um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg ab 1940 gebildet hatte. Die Gruppe arbeitete an Neuordnungsplänen für die Zeit nach dem Sturz der Nationalsozialisten. Der Name geht auf das Moltkes Gut Kreisau in Schlesien zurück. In der Gruppe arbeiteten drei Jesuiten mit: Alfred Delp, Augustin Rösch und Lothar König. Rösch überlebte durch einen Zufall, König starb kurz nach Kriegsende. (paa)

Im Jahr 1952 ist auf dem Gelände des ehemaligen NS-Gefängnisses Plötzensee zur Erinnerung an die 2800 hier hingerichteten Männer, Frauen und Jugendlichen eine Gedenkstätte errichtet worden.

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