Wer die Bronzetafel am Marktplatz Nummer 7 beim Buchcafé zum ersten Mal sieht, ist versucht, das Handy zu zücken. Denn von einem Posamentier namens Gottlieb Lorenz Heinrich ist da die Rede, der ab 1706 hier gewohnt hat. Was ist das für ein Beruf? Das Internet liefert schnell eine Antwort: Hier lebte einst ein Handwerker, der sich auf schmückende Geflechte aller Art verstand: Borten, Bänder, Fransen, Quasten, Schnüre, Schärpen Cordons, Litzen - die Liste der Produkte ist so lang wie die Varianten bei der Berufsbezeichnung, die vom Posamentenmacher über den Bortenwirker und Gorlnäher bis hin zum Tressenwirker reichen. Für die einfachen Leute dürfte dieser Handwerker allerdings vor mehr als 300 Jahren nicht produziert haben.
Dass Gottlieb Lorenz Heinrich überhaupt wieder in Pfreimd präsent ist, hat er den jetzigen Eigentümern seines Hauses zu verdanken. Durch die "Anregung von nebenan" sind Marie-Luise und Anton Bock auf die Idee gekommen, auch ein Stück Geschichte für alle sichtbar an der Hauswand zum Leben zu erwecken. Denn am Nachbarhaus verweist schon länger eine Bronzetafel auf den Pfreimder Goldschatz und ranghohe Bewohner von anno dazumal. "Es gibt nichts Besseres, als ein altes Objekt, das eine Geschichte erzählen kann", sagt Anton Bock, der mit dieser Privatinitiative auch etwas für seine Heimatstadt tun wollte. Das geschichtsträchtige Erbe hat den 80-Jährigen zusammen mit seiner Frau schließlich nach 50 Jahren in München zurückgebracht an den Ort seiner Kindheit. Gelockt hat ihn nicht ein komfortabler Neubau, sondern ein "Pflegefall" mit schmalen Treppen, Holzheizung, aber prächtigen Balken und einem Tor, das einst Pferde-Fuhrwerke passierten.
"Als junger Mann habe ich München genossen, jetzt muss ich diesen Trubel nicht mehr haben", sagt Anton Bock, der sich schon immer für "alte Sachen" interessierte und früher mal am liebsten sämtliche Winkel der Burg Wernberg erforscht hätte. Jetzt wohnt er im eigenen Forschungsobjekt und teilt mit seiner Frau die Begeisterung für Bruchsteinmauern, die etwas zu erzählen haben. "Es hat mir als Kind schon gefallen, wenn die Leute vor der Hauswand am Rathaus stehen geblieben sind, um nachzulesen, wer da gewohnt hat", berichtet Marie-Luise Bock.
Schnell nachzulesen
Sie ist in dem heute blaugrau verputzten Haus am Marktplatz geboren, ihr Vater Josef Braun betrieb dort eine Gaststätte. 1983 erbte die Tochter das Anwesen. Nur vorübergehend hatte sich im Erdgeschoss eine Eisdiele etabliert, dann blieb das Haus an prominenter Stelle nicht vom Leerstand verschont. "Wir hatten uns schon überlegt, unten unser Wohnzimmer einzurichten", erzählt Anton Bock - doch dann kamen vor über fünf Jahren Karin und Birgit Wilnauer mit der Idee für ein Buchcafé auf das Ehepaar zu. "Schön, dass das so gut eingeschlagen hat", freuen sich die Vermieter über die Nutzung unter ihrer Wohnung im ersten Stock. Die nagelneue Bronzetafel ist das i-Tüpfelchen für die Freude über das Erbe. Der Auftrag dazu ging an den Künstler in der Nachbarschaft: Engelbert Süß. Er musste sich erst kundig machen, wer hier vor Jahrhunderten gelegt hat. "Dieser Posamentier hat sicher die Oberschicht beliefert, Adelige und die Kirche", meint der Künstler mit Respekt vor dem Qaulitätsbewusstsein, das damals in dieser Branche sehr hoch gewesen sei.
Ein angesehener Mann
"Der Name Zeisenhaus basiert auf dem Besitzer Stefan Zeiss", weiß Helmut Friedl, der als Mitglied des Heimatkundlichen und historischen Arbeitskreises eine gute Adresse für Fragen zur Stadtgeschichte ist. Am 26. Juni 1780 habe Zeiss das Anwesen übernommen. Seine Tochter Sabine heiratete Josef Letsch, der dann ab August 1820 als neuer Eigentümer auftritt. Interessanter ist aber wohl jener frühere Eigentümer, der als Posamentier oder Posamentierer bekannt war und das Haus ab 1706 besaß. Er fungierte von 1719 bis 1750 auch als Kirchenprobst (Kirchenverwalter) und war laut Friedl somit für die damalige Zeit ein angesehener und "ehrengeachteter" Mann.
Da das Gebäude aber an prominenter Stelle liegt, schätzt der Heimatforscher, dass früher leuchtenbergische Amtsträger, jedenfalls "betuchte" Bürger ansässig waren. "Leider beginnen die Eigentümer-Listen des Gebäudes erst ab 1650, also nach der Leuchtenberger-Zeit", bedauert Friedl. "Es wären also Forschungen erforderlich." Immerhin, der erste Schritt ist schon getan. Familie Bock würde sich freuen, wenn rundum noch mehr Fakten aus der fernen Vergangenheit sichtbar werden - und nebenbei alte Mauern neue Bewohner finden, die den "Pflegebedarf" eines Altstadthauses nicht fürchten.














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