17.02.2021 - 14:56 Uhr
PfreimdOberpfalz

Pfreimder Einzelhändlerin über Achterbahn im Buchhandel mit Café

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Fluch und Segen: Zwischen diesen zwei Polen kämpft sich das Pfreimder Buchcafé durch die Corona-Krise. Buchhändlerin Karin Wilnauer stemmt sich gegen den Trend zum Online-Kauf und hat die Schattenseiten im Blick.

Stammkunden halten dem Pfreimder Buchcafé auch in der Pandemie die Treue. Von den Vor- und Nachteilen mit zwei Standbeinen kann Karin Wilnauer (links) ein Lied singen.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Pünktlich um 14.30 Uhr klopft die erste Kundschaft an die Scheibe des Pfreimder Buchcafés. Die Abholzeit ist gerade angelaufen in dem kleinen Laden am Marktplatz, der im Lockdown erst den Cafébetrieb einstellen musste, dann auch den Buchverkauf. Inzwischen heißt es von Mittwoch- bis Freitagnachmittag "Click and Collect", also bestellen und abholen. Karin Wilnauer hat Himbeertorte und Käsekuchen schon auf dem Pappteller portioniert, georderte Bücher liegen griffbereit, und direkt neben dem Fenster ist die Kasse aufgebaut. Denn der Zutritt zu ihrer Buchhandlung in Kombination mit Café bleibt auch nach den jüngsten Beschlüssen zur Eindämmung der Corona-Pandemie tabu.

"Viele denken, dass wir diese Zeit nicht überstehen", sagt die Buchhändlerin, die in sieben Jahren ein treues Publikum für sich erobert hat. Dabei ist sie zuversichtlich, dass es ihr Geschäftsmodell auch nach Corona geben wird. Es ist das zweite Standbein, der Buchhandel, der sie durch die Krise bringen soll, jetzt wo die Gastronomie schon so lange dicht ist. Von den angekündigten November- oder Dezemberhilfen für die Ausfälle wird sie keinen Cent sehen, weil es sich beim Buchcafé um einen Mischbetrieb handelt. Die vollmundig angekündigte Wirtschaftshilfe bekommen nur jene, die 80 Prozent ihres Umsatzes in einem zwangsweise geschlossenen Bereich machen. Das zweite Standbein, das jetzt zum Überleben hilft, verbaut den Weg zum Zuschuss.

Doch Karin Wilnauer will nicht jammern, sondern den Blick auf die Folgen von sich ändernden Konsumgewohnheiten lenken, die vielleicht auch nach der Pandemie unumkehrbar sind. "Ich würde die Menschen gerne mal ein bisschen wachrütteln", sagt die fröhliche junge Frau und zählt auf, was es für einen Ort bedeutet, wenn Menschen dort lokal einkaufen: Arbeitsplätze, weniger Müll, Entlastung für die Post, Unabhängigkeit von der Preispolitik großer Internet-Anbieter und Sozialkontakte, die ein Stück Lebensfreude bringen.

Buchcafé beeindruckt auch den Bayerischen Rundfunk

Pfreimd

In den vergangenen Wochen hat die Pfreimder Buchhändlerin erfahren, wie auch ein "dankbares Gut wie das Buch" unter die Räder kommen kann, wenn die Großhändler bei Lieferengpässen vorrangig die "Großen" bedienen. "Die kleinen Händler schauen dann in die Röhre." Bitter ist es für sie, wenn dann im Internet ein Werk "lieferbar" ist, auf das man sie vertröstet. "Diese Tendenz gab es vorher nicht", ist sie sich sicher. Überhaupt sei es ja die Buchpreis-Bindung in Deutschland, die eine Buchhandlung erst konkurrenzfähig mache. Frustrierend findet sie nun diese "Abwanderung ins Online-Geschäft", die Haltung, dass alles sofort da sein muss. "Wovon lebt ein Ort, wenn das Schreibwarengeschäft gegenüber auch noch verschwindet?", fragt sie mit einem Blick aus dem Abholfenster und holt zu einem leidenschaftlichen Plädoyer aus für den lokalen Einkauf aus.

"Ich habe noch keinen Vertreter von Amazon gesehen, der in einer Schule Lesestoff vorstellt", gibt Karin Wilnauer zu bedenken. Der bequeme Knopfdruck im Internet, der gehe doch einher mit einem Kontrollverlust. Sie hat die älteren Menschen im Blick, die ihre Bestellung am Telefon erledigen wollen und die Arbeitskräfte, deren Job jetzt überflüssig ist. Bis zu zehn Köpfe zählte ihre Team in der Hochsaison, für die Mini-Jobber gibt es nicht einmal Kurzarbeit. Die Studenten waren die ersten, die sich anderweitig orientieren mussten.

"Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen mitziehen, um die Arbeitsplätze im Ort zu sichern", sagt die 42-Jährige nach Wochen geprägt von einer emotionalen Achterbahnfahrt, viel Bürokratie und brutalen Stoßzeiten im vorweihnachtlichen Geschäft. Die drei Stunden am Abholfenster sind rum, jetzt startet sie mit der Auslieferung für alle, die über den Web-Shop (www.geniallokal.de) bei ihr bestellt haben. Was ihr Standbein "Café" betrifft, setzt sie voll auf den Außenbereich. Irgendwann, vielleicht im April, wenn es warm wird, werden die Leute in Strömen kommen, prophezeit Karin Wilnauer. Nur eins macht ihr dann Sorgen: "Wer macht mit uns den Bomben-Sommer?"

Buchhändlerin Karin Wilnauer hat die Kasse ans Fenster gerückt. Auf den Tischen, wo sonst Kaffee und Kuchen serviert wird, lagern die bestellten Bücher. Über ein Abholfenster oder per Lieferservice kommen sie zu den Kunden.
Ein Sozialkontakt den viele Kunden nicht missen wollen. Am Abholfenster im Pfreimder Buchcafé ist trotz Abstand und Mundschutz immer Zeit für ein paar freundliche Worte.

"Ich würde die Menschen gerne mal ein bisschen wachrütteln. Wovon lebt ein Ort, wenn das Schreibwarengeschäft gegenüber auch noch verschwindet?"

Karin Wilnauer

Karin Wilnauer

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Buchtipps für trübe Tage

Buchhändlerin Karin Wilnauer kennt ihre Kundschaft, weiß wann welcher Band erscheint und hat auch ein paar Tipps für den Lockdown-Endspurt auf Lager.

  • "Die Kraft des Waldes" von Doris Iding mit Fotografien von Kilian Schönberger; für alle, die zwischen den vier Wänden auftanken wollen.
  • "Mama Tandoori": Roman von Ernest van der Kwast; gut für eine Lach-Therapie.
  • "Der Chauffeur": Roman von Heinrich Steinfest über einen Mann, der nicht nur einen Schicksalsschlag meistert
  • "Oberpfälzer Wald" in der Reihe "kurz & gut": für alle, die dringend neue Spazier-Routen brauchen.
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