Die Fakten sind schnell erzählt. Eine Gemeinschaftspraxis mit zwei Hausärzten zieht am 1. Oktober von Pfreimd nach Wernberg-Köblitz um. Es ist das gute Recht der Mediziner, sich anderorts niederzulassen, denn es gilt freie Arztsitzwahl. Doch mit dem Wegzug verliert die Stadt die Hälfte der Allgemeinärzte. Die beiden Ärzte der Gemeinschaftspraxis wollen sich gegenüber Oberpfalz-Medien zu Gründen des Umzugs ebenso wenig äußern wie ein Hausarzt zu den Folgen beziehungsweise einem möglichen Patientendruck auf seine ohnehin schon überfüllte Praxis. Über Stunden hinweg ist die Telefonleitung der Praxis belegt. Einer spricht allerdings mit Oberpfalz-Medien und ist der Meinung: "Der Umzug war nicht alternativlos."
Alternative vor Ort in Planung
Pharmazeut Dr. Matthias Lotter wollte das Stockwerk über seiner Apotheke in der Freyung zu einer Arztpraxis umbauen. Er spricht von Planentwürfen. Fünf Behandlungszimmer wären entstanden, ein Aufzug eingebaut worden, "damit die ärztliche Versorgung erhalten bleibt und weiterhin sichergestellt ist". Über Dritte habe er dann erfahren, dass die Ärzte nach Wernberg-Köblitz umziehen. Matthias Lotter verhehlt seine Enttäuschung nicht. Es seien zwar noch keine konkreten Vereinbarungen getroffen, aber mit ihm auch nicht mehr gesprochen worden. Er sei wegen des Umbaus bereits mit der Stadt Pfreimd in Kontakt gewesen.
Bürgermeister auf Arztsuche
Bürgermeister Richard Tischler bestätigt dies und ergänzt gegenüber Oberpfalz-Medien: "Ich bin davon ausgegangen, dass das Vorhaben verfolgt wird." Als er davon erfahren habe, dass die Ärzte künftig in Wernberg-Köblitz praktizieren und es keinen Umbau gibt, sei er von dieser Nachricht reichlich überrascht worden. Getrieben von dem Faktum, dass von vier Hausärzten zwei Pfreimd verlassen, wird er seinen Worten nach sofort aktiv. Er erkundigt sich bei der kassenärztlichen Vereinigung in Regensburg und erfährt: "Im Versorgungsbezirk sind 2,5 Arztsitze frei." Der Versorgungsbezirk deckt sich in etwa mit dem Altlandkreis Nabburg. Sofort kontaktiert er die zwei ab dem 1. Oktober noch ortsansässigen Mediziner, ob sie einen Arzt aufnehmen würden. Einer sagt Ja. Dann wird der Pfreimder Bürgermeister in Krankenhäusern vorstellig, die Allgemeinärzte ausbilden, unter anderem in Schwandorf und Amberg. Über interne Portale erreicht eine Suchanzeige Richard Tischler zufolge insgesamt etwa 500 angehende Ärzte.
Lieber in Gemeinschaft als allein
"Ich habe versucht das massiv abzufedern." Gänzlich auffangen kann er es nicht, denn: "Ein Gesundheitsversorgungszentrum kann sich die Stadt Pfreimd nicht leisten." Für ein Ärztehaus nach dem Wackersdorfer Modell fehlen der Stadt ebenso die finanziellen Mittel wie für ein Gesundheitszentrum Ostoberpfalz in Trägerschaft der Stadt Neunburg vorm Wald. Die Sicherung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung auf dem Land wandelt sich zu einer zentralen Aufgabe von Bürgermeistern. "Den klassischen Landarzt gibt es nicht mehr", sagt Richard Tischler. In Gesprächen in Krankenhäusern in den vergangenen Wochen ist ihm deutlich klar geworden, dass "junge Ärzte lieber in Gesundheitszentren mit geregelten Arbeits- und Bereitschaftszeiten arbeiten".
Dr. Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktor am Klinikum St. Marien Amberg, kleidet die gleiche Aussage in diese Worte: "Gleichzeitig wollen viele junge Ärzte:innen nicht mehr in einer Einzelpraxis als Unternehmer, sondern vielmehr als Angestellte in einem Medizinischen Versorgungszentrum tätig werden." Dem Leiter des onkologischen Zentrums in Amberg lässt der Hausärztemangel nicht ruhen. Oberpfalz-Medien teilt er schriftlich mit: "Aktuell sind in Bayern ca. 400 Hausarztsitze nicht besetzt. Berücksichtigt man das Durchschnittsalter der Hausärzte und die Zahl der in den nächsten Jahren aus dem Beruf ausscheidenden Ärzte:innen, so werden aktuell deutlich zu wenig Ärzte:innen ausgebildet, um diesen Bedarf zu decken." Eine zunehmende Bürokratisierung und eine hohe Arbeitsbelastung, aber vor allem die Überalterung der Gesellschaft verstärken für ihn diesen Effekt noch. Nicht zuletzt aus Gründen der Überlastung, sondern auch aus Gründen einer sicheren Versorgung und Zukunft kooperieren ein Pfreimder und ein Nabburger Hausarzt seit 1. April. Es ist ein Einstieg in die Vier-Tage-Woche. Das heißt nicht, dass sich Arzt und Personal dann einen schönen Tag machen können. Erledigt werden andere Arbeiten.
Pilotprojekt in Amberg?
Dr. Harald Hollnberger sieht in der Landarztquote im Projekt Hausärztemangel einen guten Ansatzpunkt. Was für den Amberger Mediziner aber fehlt ist eine Vollfinanzierung der jungen Ärzte in den Kliniken. Die Ausbildung Allgemeinmedizin wird mit einem geringen Anteil gefördert. Durch die anstehende Krankenhausreform müssen nach den Worten von Harald Hollnberger Kliniken Fachspezialisten ausbilden, "um die Qualitätsanforderungen bei den Leistungsmengen der Lauterbach-Reform zu erfüllen". Er ist für einen runden Tisch um dieses Problem gesamtgesellschaftlich auch unter Einbeziehung von Vertretern von Kommunen zu lösen. In dieser Angelegenheit war er bereits mit dem Neunburger Bürgermeister Martin Birner beim Vorstandvorsitzenden der KVB (Kassenärztliche Vereinigung Bayern). Doch Dr. Harald Hollnberger verfolgt bereits einen konkreten Plan: "Wir haben dazu auch ein Pilotprojekt vorgeschlagen, wo wir eine Vollfinanzierung der Ausbildung der Allgemeinärzte:innen beispielsweise am Klinikum St. Marien Amberg auch wissenschaftlich begleiten lassen würden, um deren positiven Effekte zu belegen."
Hausärzte im Versorgungsbezirk Nabburg
- Versorgungsbezirk Nabburg besteht aus Nabburg, Wernberg-Köblitz, Pfreimd, Trausnitz, Gleiritsch, Guteneck, Altendorf, Schwarzach, Stulln. Fensterbach und Schmidgaden
- Anzahl der Einwohner: 35526 (Stand: 31. Dezember 2022)
- Anzahl der Hausärzte: 23
- Versorgungsgrad: 104,18 Prozent
- Durchschnittsalter der Ärzte: 54,4 Jahre (in Bayern 55 Jahre), über 60 Jahre 8
- Räumliche Verteilung der Ärzte: Fensterbach 1, Schwarzenfeld 7, Nabburg 8, Pfreimd 4, Wernberg-Köblitz 3. (Quelle: Versorgungsatlas Bayern der KVB, Stand: 1. Januar 2024)



















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