Pfreimd
23.08.2019 - 14:26 Uhr

Mit dem Sarg gleich nebenan

Niemals reinquetschen: Mit dieser Devise schafft es Peter Stubenvoll aus Pfreimd, dass Sohn Max in seine Fußstapfen als Schreiner tritt – auch wenn er dabei dem Tod sehr nahe kommt.

Max Stubenvoll (links) übernimmt von seinem Vater Peter nicht nur die Schreinerei, sondern auch die Aufgaben eines Bestatters. Bild: bl
Max Stubenvoll (links) übernimmt von seinem Vater Peter nicht nur die Schreinerei, sondern auch die Aufgaben eines Bestatters.

Die Bandsäge fand Peter Stubenvoll schon als Kind verlockend. Heimlich hat er damit in der Pfreimder Schreinerei hantiert und sich prompt in die Hand gesägt. "Die Narbe sieht man immer noch", sagt der Schreiner, zu dessen erster Produktion in der Kindheit Vogelhäuschen und hölzerne Gewehre für Wildwest-Spiele gehörten - bis es ernst wurde mit der Arbeit in der elterlichen Bau- und Möbelschreinerei. Seit 30 Jahren verfügt er über ein zweites Standbein, um das ihn aber kaum einer beneidet: Er ist der Mann, der Verstorbene in einen Sarg bettet und nicht nur einmal im Jahr einen tränenreichen Abschied erlebt. Sein Sohn Max ist mit diesem Teil der Arbeit aufgewachsen. Und wie der Vater will er der Aufgabe als Bestatter gerecht werden - freiwillig.

Zweites Standbein

"Ich selber bin auch nicht hineingedrückt worden in die Rolle als Meister im Familienunternehmen", sagt Peter Stubenvoll. Die Tätigkeit als Bestatter hat er aufgenommen zu einer Zeit, als sich die Möbelschreiner schwer taten, mit den technischen Raffinessen der industriellen Fertigung Schritt zu halten. "Ich weiß noch gut, wie problematisch es vor 30 Jahren war, ein Rondell für einen Eckschrank irgendwo aufzutreiben", erinnert sich der 57-Jährige. In diese Zeit fiel ein Vorstoß des damaligen Pfreimder Bürgermeisters Werner Bernklau, der sich einen ortsansässigen Bestatter wünschte.

"Ein Jahr lang habe ich überlegt", erzählt der Schreiner, "denn da muss die Familie und das ganze Umfeld mitspielen, und die rechtliche Seite muss auch stimmen". Wie der Arzt und der Pfarrer zählt schließlich auch der Bestatter zu den "Krisenagenten", weil er in seinem Job mit sehr viel Leid konfrontiert ist. Ein Vorteil für Peter Stubenvoll war, dass im Berufsbild des Schreiners auch der Sargmacher fest verankert ist. Es folgte ein Schnupperkurs bei einem Kollegen in Furth im Wald, und dann ging es los. "Die Investitionen für den Anfang haben mich allerdings überrascht", gesteht der Handwerksmeister und zählt auf: "Auto, Gerätschaften, Deko, Friedhofstechnik - und dabei hatten wir anfangs noch gar keinen Bagger." Vom Ämtergang über den Blumenschmuck, Sarg- oder Urnenwahl bis hin zur Sterbeurkunde reichten die Aufgaben, die auf den Vater von vier Kindern zukamen.

Aus dem Leben gerissen

"Anfangs war das alles schon sehr ungewohnt", erinnert sich Peter Stubenvoll, "das ist schließlich auch eine Vertrauenssache, bei der man niemanden enttäuschen will". Manche Fälle haben ihn persönlich mitgenommen, viele Verstorbene hat er gekannt. "Am schlimmsten ist es, wenn ein Kind aus dem Leben gerissen wird", gesteht er. Überhaupt die plötzlichen Todesfälle und Unfälle und so manche "Polizeieinsätze" sind auch für Bestatter nicht einfach. "Man kann den Partner damit nicht belasten und muss dass wegkriegen aus Kopf und Bauch", sagt der Fachmann, der überzeugt ist, dass ihm bei schweren Aufgaben auch sein Glaube hilft. Max Stubenvoll konnte sich langsam an diese Herausforderungen herantasten. Nach der Realschule hat er eine Schreinerlehre gemacht, dann aber doch sein Abi nachgeholt und mit einem Architekturstudium geliebäugelt. Auch die Polizei-Prüfung hatte er schon in der Tasche, als er sich schließlich doch entschied, in die Fußstapfen des Vaters zu treten - inklusive Bestattertätigkeit. Sein Vorteil: Keine der Aufgaben war ihm fremd. Jetzt baut er Küchen, Esszimmer, Einbauschränke und Badmöbel oder Einzelstücke wie einen Tisch oder ein Sideboard. Und wie sein Vater vertraut er auf ein zweites Standbein als Bestatter.

"Nicht schlimm, aber doch anders", fand der 30-Jährige den Moment, als er zum ersten Mal dabei war, um eine verstorbene Person zu überführen. Bei den Trauer-Gesprächen konnte der inzwischen 30-Jährige dem Vater über die Schulter schauen. "Da muss man zuhören können und auch mal jemand in den Arm nehmen können", sagt der Senior. Es gehört aber auch dazu, rund um die Uhr per Handy erreichbar zu sein und den extremen Druck auszuhalten, wenn gleich mehrere Beerdigungen anstehen.

Vater und Sohn stehen nun pünktlich zum 125-jährigen Bestehen der Schreinerei und zum 30-Jährigen als Bestatter stressige Zeiten bevor: Die Gebäudeteile neben der Werkstatt inklusive Nachbarhaus werden abgerissen, um neue Büro- und Ausstellungsräume und eine Wohnung für den jungen Nachfolger einzurichten. Der profitiert inzwischen von dem Trend der jungen Generation, die mit Möbelhäusern aufgewachsen ist, nun im Internet originelle Stücke findet und auf Qualität setzt - gefertigt vom örtlichen Schreiner. Nur Särge werden bei Familie Stubenvoll in der Regel nicht selbst gebaut. "Nur einmal, da wollten wir es wissen und haben eine Kollektion von zehn Särgen aufgelegt", verrät der Vater. "Aus Sicht eines Schreiners ein schönes Produkt, bei dem man sich entfalten kann", meint der Sohn. Pech nur, dass eines der individuellen Einzelstücke, das auf einer Beerdigung einen Bewunderer fand, dann nicht mehr lieferbar war.

Vor 125 Jahren hat sich sein Urgroßvater in Pfreimd dem Schreiner-Handwerk verschrieben. Jetzt tritt Max Stubenvoll in seine Fußstapfen und nimmt dabei auch Särge in Kauf. Bild: bl
Vor 125 Jahren hat sich sein Urgroßvater in Pfreimd dem Schreiner-Handwerk verschrieben. Jetzt tritt Max Stubenvoll in seine Fußstapfen und nimmt dabei auch Särge in Kauf.
Nur kein Zwang: Mit dieser Strategie hat es Peter Stubenvoll (links) geschafft, dass das Familienunternehmen weitergeführt wird. Bild: bl
Nur kein Zwang: Mit dieser Strategie hat es Peter Stubenvoll (links) geschafft, dass das Familienunternehmen weitergeführt wird.
Mit Massivholz arbeiten Vater und Sohn am liebsten. Aber den beiden sind auch Aufgaben nicht fremd, die viele weit von sich schieben: die Bestattung der Verstorbenen. Bild: bl
Mit Massivholz arbeiten Vater und Sohn am liebsten. Aber den beiden sind auch Aufgaben nicht fremd, die viele weit von sich schieben: die Bestattung der Verstorbenen.

Da muss man zuhören können und auch mal jemand in den Arm nehmen.

Schreiner Peter Stubenvoll über seine Arbeit als Bestatter

Schreiner Peter Stubenvoll über seine Arbeit als Bestatter

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.