17.01.2020 - 11:34 Uhr
PoppenrichtOberpfalz

Als Mann im Kindergarten "der Exot im Garten der Frau"

Der Kindergarten St. Michael Poppenricht hat einen neuen Leiter. Einen Mann. Michael Kraus ist damit der Exot unter den Kita-Leitungen im Landkreis. Aber ist das ein überhaupt (noch) ein Thema? Ist es, sagt Kraus.

Angekommen: Michael Kraus fühlt sich wohl beim Spielen mit den Kindern. Und die mögen den neuen „Chef“. So nennen sie den 32-Jährigen Schäfloher, der der neue Leiter im Kindergarten St. Michael Poppenricht ist. Manche sagen auch einfach Michael.
von Heike Unger Kontakt Profil

Ein Mann als Erzieher im Kindergarten, oder gar als Chef: "Das ist ein großes Thema", betont Michael Kraus. Nicht zuletzt, weil hier, ähnlich wie an den Grundschulen, ständig mehr männliche Pädagogen gefordert würden. Warum sind dann die Männer hier immer noch so rar? Natürlich nennt Kraus da die Bezahlung. Seine Erfahrung: "Im Pädagogenkreis geht's viel ums Geld, was schade ist." Aber auch nachvollziehbar.

Bezahlung ist ein Thema

Obwohl Erzieher gebraucht würden, seien sie "nicht wirklich gut bezahlt". Wer dagegen "Kopfstützen biegt, verdient ordentlich", das weiß Kraus aus seiner eigenen beruflichen Vergangenheit. "Ein gewisser Hemmschuh" sei zudem, dass die Ausbildung zum Erzieher fünf Jahre dauere. In dieser Zeit könne man auch ein Studium absolvieren, mit dem man dann beruflich bessere finanzielle Aussichten habe. Bei Michael Kraus selbst war dieser Aspekt nicht ausschlaggebend. Der verheiratete Familienvater aus Schäflohe ist vielmehr auf einem langen Weg mit Umleitungen jetzt da angekommen, wo er immer hin wollte. Seit Anfang des Jahres leitet er den Poppenrichter Kindergarten St. Michael.

Schon als er 14 Jahre alt war, weckte ein Ferien-Praktikum in der Ergotherapie seine Begeisterung für die Arbeit mit Menschen. Allerdings sei der Run auf diesen Beruf groß gewesen, die Wartelisten lang. Der Wirtschaftsschüler konnte sich für "Rechungswesen und Betriebswirtschaft nie richtig begeistern". Er hat's trotzdem versucht, eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann begonnen und "wenig erfolgreich beendet".

Glücklich im Seniorenheim

Der Zivildienst führte ihn zurück zu den Menschen, als Hausmeister in einem Seniorenheim. "Da hab ich gemerkt, das ist toll. Obwohl ich eigentlich handwerklich zwei linke Hände habe", berichtet Kraus und lacht: "Ich habe die ganzen neun Monate gebraucht, um in allen Zimmern die Wasserhähne zu entkalken." Nicht wegen der linken Hände: Er hat mit den Senioren "Papierschifferl gefaltet und sie im Waschbecken schwimmen lassen" - eine Freude für die Bewohner und auch für ihn selbst.

Typisch: Nur zwei Männer

Es folgte eine Suche nach dem richtigen Beruf, Praktika, Jobs, auch Arbeitslosigkeit. In der Ausbildung zum Erzieher "waren wir zu zweit", erinnert sich Kraus - der typische Männer-Schnitt für einen Ausbildungs-Jahrgang in diesem Beruf. Nach einem Praktikum in der Jugendhilfestation (in der er später auch mehrere Jahre tätig war), tat er sich in der Ausbildung anfangs ein bisschen schwer, als er in einer Kinderkrippe zum ersten Mal ein Baby im Arm hatte. Zweifel kamen auf. Und dann kam ein Eineinhalbjähriger, der gerade Laufen lernte, auf Michael Kraus zugetorkelt, um ihm dann freudestrahlend um den Hals zu fallen. Der kleine Bub von damals hat wohl auch einen Anteil daran, dass Michael Kraus heute beruflich da ist, wo er ist.

Dass der 32-Jährige, der auch Heilpädagoge ist, nicht als Erzieher, sondern als Leiter in der Kita in Poppenricht arbeitet, hat auch damit zu tun, dass sein eigener Sohn diese Einrichtung besucht. So bekam Kraus mit, dass die Leitungsposition frei wurde - und bewarb sich um die Stelle. Eine Herausforderung, denn beim Verwaltungsteil betritt der Erzieher Neuland, wie er zugibt. Er zeigt auf eine "Mind Map", eine Ideensammlung, die er sich für seine neue Aufgabe in der Kita zusammengeschrieben hat: Diese Notizen werden wohl noch ein bisschen warten müssen, bis er mit den Abläufen in Verwaltung und Leitung vertraut ist. "Ich arbeite mich gerade ein", sagt Kraus. Aber seine Ideensammlung hat er aufgehoben. "Da sind Sachen drauf, die ich irgendwann mal umsetze."

Der Praktikant ist heute Chef

Eine nette Randnotiz ist die, dass Kinderpflegerin Elisabeth Englhard und Erzieherin Emmi Schrödl, bei denen Kraus einst sein Praktikum in St. Michael gemacht hat, jetzt seine Mitarbeiterinnen sind. Und dann kommt er noch einmal zurück auf das Mann-Frau-Thema. "Es gibt Männer, die handwerklich nicht begabt sind - und Frauen, die gern gegen den Ball treten", sagt er, obwohl er schon glaubt, dass es Rollen gibt. "Das ist auch gut. Und das soll es auch im Kindergarten geben."

Nicht nur für Buben seien hier auch "männliche Ressourcen" wichtig: "Auch Mädchen wollen gern mal von einem Mann vorgelesen bekommen." Ein bisschen schwierig sei es, wenn man als Mann ein Kind in den Arm nehme, um es zu trösten, oder weil es kuscheln will. Während in solchen Momenten bei einer Frau niemand auf dumme Gedanken komme, werde ein Mann dabei "immer ein bisschen beäugt". Kraus hat diese Erfahrung selbst bislang noch nicht gemacht, sondern nur positive Reaktionen bekommen "als exotische Blume im Garten der Frau".

Info:

Spielen ist mehr als nur spielen

Michael Kraus fühlt sich wohl in seinem Team. Und die Kinder „nehmen mich gut an, sie wollen gern mit mir spielen“. Einen Schwerpunkt will der neue Leiter auf „viel Kommunikation“ legen, sowohl nach innen als auch nach außen. Und zwar direkt. Deshalb bevorzugt er auch das Du im Umgang mit anderen, sofern diese einverstanden sind. Damit, so seine Erfahrung, lässt sich auch Unangenehmes mit Eltern leichter besprechen.

Wichtig ist Kraus auch, „dass man seine Arbeit reflektiert“, gerade als Erzieher. Denn einem Einjährigen dabei zu helfen, aufs Töpfchen zu gehen, sei eben viel mehr als nur das. Es erweitere die Kompetenzen des Kindes. Aus demselben Grund sei auch Spielen nicht nur Spielen – „das muss man sich bewusst machen. Sonst glaubt man es irgendwann selbst." Auch wenn es für viele so aussehe, als bedeute die Arbeit im Kindergarten nur „spielen und Kaffee trinken“, sagt Kraus: „Diese Arbeit nimmt einem viel und ist für den Kopf durchaus anspruchsvoll. Aber sie gibt einem auch sehr viel.“

Eine nette Randnotiz ist die, dass aus dem Vater, dessen Sohn die Kita besucht, jetzt deren Chef geworden ist. Und dass Kinderpflegerin Elisabeth Englhard und Erzieherin Emmi Schrodl, bei denen Kraus einst sein Praktikum gemacht hat, jetzt seine Mitarbeiterinnen sind. Und dann kommt er noch einmal zurück auf das Mann-Frau-Thema. "Es gibt Männer, die handwerklich nicht begabt sind – und Frauen, die gern gegen den Ball treten", sagt er. Er glaube dennoch grundsätzlich, dass es Rollen gebe. "Das ist auch gut. Und das soll es auch im Kindergarten geben." Nicht nur für Buben seien aber "männliche Ressourcen im Kindergarten" wichtig: "Auch Mädchen wollen gern mal von einem Mann vorgelesen bekommen."

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