01.03.2020 - 19:12 Uhr
RegensburgOberpfalz

Ankerzentrum Regensburg: Erster Anlaufpunkt für Asylbewerber in der Oberpfalz

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der Ruf des Ankerzentrums in Regensburg ist nicht gut. Und auch der Blick von außen auf die frühere Bajuwarenkaserne in Regensburg passt dazu. Ein zweiter Blick lohnt aber.

von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Hohe Mauern, Stacheldraht: Von außen wirkt das Ankerzentrum im Regensburger Südosten wenig einladend. Der Leiter der größten Asylbewerberunterkunft im Bezirk weiß das. Karl-Heinz Kreuzer bleibt dennoch gelassen. Der Beamte bei der Regierung der Oberpfalz legt dar, weshalb der schlechte erste Eindruck trügt.

Ruhig soll es bleiben hier in der ehemaligen Bajuwarenkaserne und den beiden Außenstellen. Eine liegt nur ein paar Hundert Meter weiter in der früheren Pionierkaserne, die andere in Schwandorf. Damit die rund 600 Menschen aus Äthiopien, dem Irak, Nigeria und Moldawien tatsächlich die Ruhe bewahren, sind einfache Dinge wichtig, sagt Kreuzer: "Das Essen muss passen, den Kindern muss es gut gehen."

Die einfachen Dinge

Wie wichtig diese "einfachen Dinge" sind, hat Kreuzer seit 2014 immer wieder erlebt. Damals eröffnete der Freistaat hier im Gewerbegebiet eine Außenstelle der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf. Von Anfang an war Kreuzer der Leiter. 2018 folgte die Umwandlung ins Ankerzentrum. Die Arbeit habe sich in den bald sechs Jahren verändert, sagt Kreuzer. Mit dem neuen Namen habe das aber weniger zu tun. Eher mit der gesammelten Erfahrung.

Start im August 2018

Regensburg

Auch Dank dieser Erfahrung geht es heute wesentlich friedlicher zu, als man von außen glauben mag. Die Unruhe nach dem Tod einer jungen Nigerianerin im Mai 2019 war eine Ausnahme, versichert Kreuzer. Der krankheitsbedingte Tod der Frau war ein Schock, mit den Abläufen nach einem ungeklärten Todesfall waren die Angehörigen überfordert. Die Situation habe sich nach einem Gespräch schnell entspannt. "Das war eher ein kulturelles Problem", sagt Wolfgang Schmitt, der Bereichsleiter Ausländerrecht bei der Regierung. Ansonsten bringt es Karl-Heinz Kreuzer so auf den Punkt: "Wenn sie hier 600 Deutsche einziehen lassen, sind sicher auch zehn dabei, die Ärger machen." Oft sei Alkohol im Spiel, wenn es unfriedlich wird. Streit aus religiösen Gründen habe er dagegen noch nie erlebt.

Unruhe im Anker Regensburg

Regensburg

Auch mit Rechtsextremen gab es bisher keine Probleme. Das liege wohl auch an den Sicherheitsmaßnahmen. Weil Wachdienst und Zäune so martialisch wirken, bemühen sich die Verantwortlichen um Offenheit. Regelmäßig kommen Schulklassen zur Besichtigung. Auch der bayerische Flüchtlingsrat ist immer wieder zu Gast. Dass es dann auch Kritik gibt, sei klar, sagt Kreuzer. "Wir sind nicht immer einer Meinung." Der Flüchtlingsrat komme oft eher ideologisch daher. Seine Aufgabe sei es dagegen, im Rahmen der Gesetze und mit den vorhandenen Ressourcen das Beste für die Bewohner zu erreichen.

Ein unmoderner Uni-Campus

Tatsächlich wirkt die Einrichtung beim Rundgang nicht nur gut organisiert, sondern viel weniger trostlos als von außen. Den früheren Kasernenhof rahmen alte Bundeswehrbauten ein, in denen die Bewohner leben. Dazu kommen zwei größere Neubauten für Verwaltung, medizinische Versorgung, Kinderbetreuung. Über den Hof ziehen zur Mittagszeit junge Menschen zur Mensa. So ohne Militärgerät wirkt der Kasernenhof wie ein Uni-Campus. Nicht mehr ganz modern, dafür sehr international. Es sind vor allem junge Menschen die hier leben. Zwei Drittel der 600 Bewohner sind Teil einer Familie.

Und es sind nicht nur Menschen, die ohnehin nicht bleiben dürfen. Als die Anker-Einrichtungen 2018 die Arbeit aufnahmen, hieß es, dass hier Asylbewerber ohne Aussicht auf Bleiberecht einziehen sollen. Anker steht für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung". Der Ablauf schien vorgegeben. Tatsächlich habe die Bleibeperspektive nie eine Rolle gespielt, erklärt Schmitt. Fast jeder Neuankömmling starte in Bayern in einem Ankerzentrum. Hier sind alle beteiligten Stellen vor Ort, um die Verfahren zu beschleunigen. "Dieses Ziel haben wir erreicht, die Verfahren dauern bei weitem nicht mehr so lange."

Im Schnitt sechs Monate

Drei Monate benötige das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für eine Entscheidung im Schnitt. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Anker beträgt 6 Monate. Bei einer Ablehnung folgt meist ein Verfahren beim Verwaltungsgericht. Abschiebungen aus der Anker-Einrichtung seien deshalb Ausnahme.

Rückläufige Zahlen

Deutschland & Welt

In der Regel verlassen die Menschen das Zentrum in eine der Asylbewerberunterkünfte in der Oberpfalz. 5500 Asylbewerber leben derzeit hier. Manche bleiben aber auch im Umfeld. Unter den Wachmännern, die am Tor den Einlass kontrollieren, sind Bewohner der früheren Erstaufnahmeeinrichtung, sagt Karl-Heinz Kreuzer. So schlecht sind die Erfahrungen in der Bajuwarenkaserne also gar nicht.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.