06.09.2020 - 14:52 Uhr
RegensburgOberpfalz

Bluttat wegen eines Kabels: Kraftfahrer muss ins Gefängnis

Weil er seinen Kollegen wegen eines Stromkabels fast erschlagen hat, muss ein heute 46-jähriger Kraftfahrer für fast fünf Jahren ins Gefängnis. Der Vorwurf des versuchten Mordes wird fallen gelassen.

Symbolbild
von Autor AHSProfil

Vor rund vier Jahren waren zwei Kraftfahrer aus Osteuropa in einer Spedition im Kreis Regensburg wegen einer Kabeltrommel in Streit geraten. Ein damals 48-Jähriger erlitt dabei potenziell lebensbedrohliche Verletzungen. Als die Polizei zwei Tage später von der Attacke Kenntnis erlangte, war der Aggressor (damals 42) verschwunden. Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde er in Rumänien aufgegriffen, kam in Auslieferungshaft und wurde vier Wochen später in die Justizvollzugsanstalt Regensburg überstellt.

Heftige Attacke

Den Ermittlungen zu Folge hatte sich der Geschädigte in der Tatnacht ein Verlängerungskabel besorgt, um seinen in der Halle stehenden Wohnwagen beheizen zu können. Da tauchte der Angeklagte auf, öffnete die Eingangstür zum Wohnwagen und schlug unvermittelt mit einem stumpfen Werkzeug auf den Kopf des Geschädigten ein. Der Geschädigte erlitt eine Impressionsfraktur in der vorderen Schädelpartie, blutete heftig.

Der Geschädigte konnte dennoch den Wohnwagen verlassen und wollte zu einem Waschbecken gehen und seine Kollegen bitten, den Notarzt zu verständigen. Der Angeklagte holte ihn ein, stieß ihn zu Boden und trat mehrfach gegen den Kopf und Oberkörper des Opfers, das blutüberströmt am Boden lag. Erst als Kollegen dazwischen gingen, ließ er vom Geschädigten ab. Während sich diese um den Schwerverletzten kümmerten, versuchte der Angeklagte, die Blutspuren am Hallenboden mit einem Hochdruckreiniger zu beseitigen. Durch die Schläge und Tritte erlitt der Geschädigte unter anderem Frakturen des zweiten Halswirbelkörpers, des Nasenbeins und einer Rippe, sowie eine Kopfplatz- und eine Augenbrauenplatzwunde.

Die Tat wurde der Polizei erst zwei Tage später im Zuge eines anderen Ermittlungsverfahrens bekannt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Angeklagte bereits abgesetzt. Die Staatsanwaltschaft wertete das Tatgeschehen als versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und ließ ihn bereits im November 2016 mit einem internationalen Haftbefehl suchen.

Polizei muss Kronzeugen suchen

Auf Anraten seiner Verteidiger Maximilian Keser und Vaeym Gofshtand (Berlin) schwieg der Angeklagte zum Prozessauftakt im August. Der als Kronzeuge infrage kommende Geschädigte war nicht zum Termin erschienen und musste erst durch die Polizei ermittelt werden. Am Freitag bestätigte er im Wesentlichen den von der Staatsanwaltschaft im Anklagesatz festgehaltenen Sachverhalt. Zwar wichen seine Angaben in verschiedenen Details von seinen früheren Aussagen ab, im Kern blieb er jedoch bei seiner früheren Darstellung. Auch konnte er sich daran erinnern, dass der Angeklagte damals betrunken gewesen sein muss, was er durch dessen verwaschene Aussprache festmachen wollte. Auch habe ihn der Angeklagte einmal im Krankenhaus besucht und so etwas Ähnliches wie eine Entschuldigung ausgesprochen.

Nach kurzer Beratung gab der Gerichtsvorsitzende, Richter Dr. Michael Hammer, eine erste Bewertung durch die Schwurgerichtskammer bekannt. Diese würde den Zeugen für glaubwürdig erachten, seine Abweichungen bei den Aussagen seien ein "Normalzustand". Der Angeklagte habe auch zunächst mit Tötungsvorsatz gehandelt. Er habe jedoch die Tat freiwillig beendet, wovon zu seinen Gunsten auszugehen sei. Möglicherweise habe er die objektive Gefährlichkeit seines Handelns nicht wahrgenommen. Jedenfalls habe er in einer "berauschenden Situation" agiert, sodass anstelle des Mordversuchs eine gefährliche Körperverletzung infrage komme.

Angeklagter entschuldigt sich

Daraufhin räumte Verteidiger Keser den Sachverhalt für seinen Mandanten ein. Dieser würde sich auch bei dem noch im Zuhörerbereich anwesenden Geschädigten entschuldigen. Dieser meinte hierzu: "Ich nehme sie an und vergebe ihm, allein schon wegen seiner Familie." Die dann gehörte psychologische Sachverständige konnte nur wenig über den Angeklagten berichten, schloss bei ihm aber einen Hang zum Alkohol sowie eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit bei Tatbegehung aus.

In seinem Schlussvortrag verwiese der Staatsanwalt auf die massive Einwirkung gegen den Körper des Geschädigten. Dieser habe ein Riesenglück gehabt, dass er die massive Behandlung überhaupt überlebt hat. Er sprach sich für eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten aus. Die Verteidiger hoben den freiwilligen Rücktritt vom Tötungsversuch hervor und versuchten nochmals an der Glaubwürdigkeit des Geschädigten zu rütteln. Sie hielten eine Freiheitsstrafe von drei Jahren für tat- und schuldangemessen. Die Schwurgerichtskammer blieb bei der Urteilsbegründung bei ihrer ersten Bewertung und verurteilte den bis dahin strafrechtlich nicht in Erscheinung getretenen Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Vorbericht zum Prozess gegen Kraftfahrer

Regensburg

Bericht zum ersten Prozesstag

Regensburg
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