17.10.2019 - 17:10 Uhr
RegensburgOberpfalz

Mit Donum Vitae nahe bei Menschen in Not sein, auch wenn's brenzlig wird

In diesem Jahr wird Donum Vitae 20 Jahre alt. Von Anfang an mit dabei war Sabine Demel. Seit zwei Jahren führt die katholische Theologie-Professorin aus Regensburg den bayerischen Verband. Im Interview blickt sie zurück - und nach vorne.

Die Vorsitzende des Vereins Donum Vitae in Bayern, Die Vorsitzende von DonumVitae Bayern, Sabine Demel.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

ONETZ: Donum Vitae feiert an diesem Samstag sein 20-jähriges Bestehen. Was bedeutet das für Sie?

Sabine Demel: Auf jeden Fall eine großartige Erfolgsgeschichte. Wir haben die Unkenrufe von damals, dass unser Verein höchstens ein oder zwei Jahre existieren wird, Lügen gestraft – und zwar ganz gewaltig. Denn wir sind inzwischen zu einem mittelständischen Unternehmen geworden mit circa 200 Mitarbeitenden, das im christlichen Geist und von Ehrenamtlichen geführt wird, das in vielen Lebensbereichen tätig ist, das gut vernetzt ist und das in der Gesellschaft hohes Ansehen genießt.
Es bedeutet für mich aber auch eine einmalige Demonstration des Selbstbewusstseins von uns Laien in der katholischen Kirche. Die Gründung unseres Vereins ist kirchengeschichtlich einmalig. Bisher hatten es Laien in unserer 2000-jährigen Geschichte noch nie gewagt gehabt, das, wovon sie überzeugt sind, auch dann umzusetzen, wenn die Kirchenleitung – hier der Papst und die deutschen Bischöfe – dagegen sind. Doch 1999 sind wir Laien mutig und entschlossen, aber auch strategisch geschickt vorangegangen und haben dabei viele Priester sowie Christen und Christinnen anderer Konfessionen für unser Vorhaben gewonnen.

ONETZ: Bei der Gründung wurde den Mitgliedern aus der Kirche Ungehorsam vorgeworfen. Hatten Sie damals keine Angst, die Lehrbefugnis entzogen zu bekommen?

Sabine Demel: Doch natürlich. Mir war schon bewusst, dass in unserer Kirche leider oft genug die formale Autorität über die Wahrheit der Argumente gestellt wird. Um mich davon nicht zu sehr einschüchtern und zur Untätigkeit verleiten zu lassen, habe ich deshalb damals einen Plan B entwickelt, was ich tue, wenn die Kirchenleitung die Karte der Macht zieht und mir die Lehrbefugnis entzieht. Damit habe ich mir eine gute Portion innere Freiheit erarbeitet. Dass ich Donum Vitae mitbegründe, stand für mich außer Frage. Denn schließlich hatte ich mich intensiv mit dieser Thematik befasst. Ich hatte eine wissenschaftliche Studie zu dieser Frage verfasst. Da konnte ich doch nicht entgegen meiner besseren Erkenntnis und gegen meine Überzeugung – nur aus Angst vor Repressionen – die Hände in den Schoß legen. Ich musste unbedingt dazu beitragen, dass ein zentrales Element unseres katholischen Glaubens in der Gesellschaft präsent bleibt: nahe beim Menschen in Not zu sein und zu bleiben, auch wenn es brenzlig wird.

ONETZ: Sind die Wunden aus der Anfangszeit verheilt?

Sabine Demel: Da bin ich mir nicht ganz sicher. Denn das war schon ziemlich heftig daneben und unchristlich, wie sich viele der hochwürdigen Herren Bischöfe damals verhalten haben gegenüber unseren Gründungsvätern und -müttern, gegenüber unseren Beraterinnen der ersten Stunde und gegenüber unseren Unterstützern und Mitgliedern. Das hat natürlich Spuren in den Köpfen, manchmal sogar noch mehr in den verletzten und enttäuschten Herzen hinterlassen. Und diese Spuren floppen von Zeit zu Zeit auf und führen bei etlichen zu einer zunehmend distanzierten Haltung zu der sogenannten Amtskirche, also den Bischöfen. Auch unsere Klientinnen und Klienten thematisieren heute noch oft ihr Befremden und ihre Fassungslosigkeit über die Bischöfe und ihr Verhalten von damals.

Die Vorsitzende des Vereins Donum Vitae in Bayern, Sabine Demel.

ONETZ: Im Sommer sind Sie mit dem Ellen-Ammann-Preis des Katholischen Deutschen Frauenbunds ausgezeichnet worden. Eine Bestätigung Ihres Engagements?

Sabine Demel: Ja, auf jeden Fall. Der Preis ist eine Bestätigung dafür, dass ich Donum Vitae vor 20 Jahren mitbegründet habe und mich seitdem in unterschiedlichen Funktionen in diesem Verein engagiere. Er ist aber auch eine Bestätigung dafür, dass ich als Theologin von Anfang an bis heute immer wieder alle Angriffe gegen die Legitimität unseres Vereins wissenschaftlich widerlegt habe und weiterhin widerlege. Das war und ist von zentraler Bedeutung, um uns selbst zu vergewissern, wer wir sind, und um Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche für den Verein zu gewinnen. Wenn Sie so wollen, bin ich innerhalb unseres Vereins von Anfang an zuständig für unsere Identitätsbildung als Katholiken und Katholikinnen.

ONETZ: Vor dem Katholikentag im Jahr 2014 in Regensburg gab es eine heftige Diskussion wegen der Teilnahme von Donum Vitae. An diesem Samstag ist die Landesversammlung in der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München. Hat sich das Verhältnis zur Kirche entspannt?

Sabine Demel: Zuerst muss ich kurz richtig stellen: es gab nie eine Spannung zur Kirche. Denn wir selbst sind ja Teil der Kirche. Es gab nur Spannungen zur und mit der Kirchenleitung, also zu und mit den Bischöfen und dem Papst. Und da hat inzwischen schon Entspannung eingesetzt. Zum einen gibt es nicht mehr die großen und teilweise emotional geführten Auseinandersetzungen der Anfangszeit. Und zum anderen hat Kardinal Marx im Januar 2018 in einem Brief an den Präsidenten des ZdK unsere Arbeit positiv gewürdigt.

ONETZ: Sie fordern ein Bekenntnis der katholischen Kirchenleitung zur Arbeit von Donum Vitae. Ist das nicht zu viel verlangt?

Sabine Demel: Keineswegs. Es ist nicht mehr und nicht weniger verlangt, als Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Denn hinter verschlossenen Türen geben inzwischen viele Bischöfe zu, dass es so ist, wie wir von Donum Vitae schon immer gesagt haben: es gibt keinen Unterschied in den Positionen der Kirchenleitung und den Positionen von Donum Vitae. Wir beide sind voll und ganz davon überzeugt, dass Abtreibung bzw. Schwangerschaftsabbruch die Tötung eines ungeborenen Kindes ist und unbedingt so oft wie möglich zu verhindern ist. Nur in der Frage, wie das am besten, am effektivsten und am glaubwürdigsten – gemessen an unserer christlichen Lehre – geht, da unterscheiden wir uns. Aber das ist ja gerade katholisch: einig im Grundsatz, vielgestaltig in der Umsetzung,

ONETZ: Was bedeutet es für Sie, katholisch zu sein?

Sabine Demel: Zu allererst: zu glauben, dass Gott Mensch geworden ist, dass dieser Gott mir nah und fern zugleich ist, begreiflich und unbegreiflich; dann: meinen Glauben nicht nur privat für mich zu pflegen, sondern auch regelmäßig in Gemeinschaft mit anderen zu feiern, mich am Lehramt von Papst und Bischöfen zu orientieren, aber nicht darauf fixiert zu sein, sondern vielmehr das Gewissen als oberste Norm anzuerkennen, keine Grenzen ziehen zu wollen, sondern für alle Menschen und alle Herausforderungen des Lebens offen zu sein, immer wieder neu zu versuchen, mutig, frei und glaubwürdig für das Evangelium einzutreten; schließlich auch: mir bewusst zu sein, dass wir als Kirche heilig und sündig sind.

ONETZ: Heute ist Donum Vitae viel mehr als die reine Konfliktberatung. Ist es richtig zu sagen, die Beratungsstellen sind mit ihren Beratungs- und Präventionsangeboten beinahe Familienzentren?

Sabine Demel: Wir sind auf jeden Fall mehr als Konfliktberatung; allerdings bin ich mit dem oft ideologisch besetzten Begriff der Familie vorsichtig. Unser Verein steht für ein Ja zum Leben. Wir sind überzeugt, dass jedes Leben gelingen kann und wollen dafür alle erdenklich möglichen Hilfestellungen geben. Beraten – schützen – weiterhelfen, unabhängig davon, ob es um Probleme und Nöte von Familien oder außerhalb und unabhängig von Familien geht oder nicht, und unabhängig davon, ob die Menschen, die zu uns kommen, unsere Wertvorstellungen teilen oder nicht.

Die Vorsitzende des Vereins Donum Vitae in Bayern, Sabine Demel.
Donum Vitae:

Der Verein Donum Vitae („Geschenk des Lebens“) ist im Jahr 1999 gegründet worden. Die Gründung war die Antwort auf den Ausstieg der katholischen deutschen Bischöfe aus der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung mit Ausstellung des Beratungsscheins, der zur straffreien Abtreibung berechtigt. In der Oberpfalz gibt es Donum-Vitae-Büros in Amberg, Weiden und Regensburg. Neben der Schwangerschaftskonfliktberatung bietet Donum Vitae auch allgemeine Schwangerenberatung. Nach der Geburt hilft und berät der Verein Eltern bis zum 3. Lebensjahr des Kindes. Zudem bietet er Sexualpädagogik an Schulen an und die vertrauliche Geburt.

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