20.09.2021 - 19:06 Uhr
RegensburgOberpfalz

Gender-Sprache an Bayerns Unis: Markus Söder stellt Sprachleitfäden auf den Prüfstand

Und plötzlich werden Verwaltungvorgaben zum Wahlkampfthema. Es geht um Empfehlungen zur gendergerechten Sprache. Ein Problem können die Verantwortlichen der Hochschulen darin nicht erkennen - manch ein Student schon.

Studenten an der OTH Regensburg. Auch dort gibt es einen Leitfaden
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Sorgen ausgerechnet die Gleichstellungsbeauftragen an Bayerns Universitäten dafür, dass manche Studenten benachteiligt werden? Ministerpräsident Markus Söder hatte das im Redaktionsgespräch bei Oberpfalz-Medien angedeutet: Die meisten Unis und Hochschulen im Freistaat haben inzwischen Leitfäden für "gendergerechte Sprache" veröffentlicht. Söders Verdacht: Diese Leitfäden führen dazu, dass Studenten schlechtere Noten bekommen, wenn sie sich nicht an die von der Uni veröffentlichten Sprachvorgaben halten.

Ausdrücklich nannte der Ministerpräsident im Redaktionsgespräch die Uni Bayreuth. Und tatsächlich gibt es dort seit März 2020 einen entsprechenden Sprachleitfaden. Nur: Bisher habe sich keine Studentin und kein Student darüber beschwert. "Uns sind zum jetzigen Zeitpunkt keine solchen Fälle bekannt", erklärt Anja-Maria Meister, Sprecherin der oberfränkischen Uni, auf eine entsprechende Nachfrage unserer Redaktion.

In Regensburg seit 2012

Ganz ähnlich fallen die Rückmeldungen von den anderen Hochschulen der Region aus: An der OTH Amberg-Weiden gibt es schon seit 2016 einen solchen Leitfaden, der dafür sorgen soll, dass niemand durch Sprache diskriminiert wird. "Der Leitfaden dient der Orientierung und gibt Empfehlungen, Anregungen und praktische Beispiele für die Umsetzung einer gendergerechten Sprache", erklärt OTH-Sprecherin Sonja Wiesel. Der Leitfaden gelte für alle Angehörigen der OTH Amberg-Weiden. Aber: Verpflichtend sei er nicht.

Die Uni Regensburg hat sich sogar schon im Jahr 2012 einen Leitfaden für gendergerechte Sprache gegeben, der im Jahr 2019 erstmals überarbeitet wurde. Auch hier vermeldet die Pressestelle der Uni, dass die Universitätsleitung allen Mitgliedern der Universität die Einhaltung empfehle. "Der Leitfaden der Universität Regensburg ist kein Zwang, sondern empfiehlt gendergerechte Sprache als Zeichen des Respekts vor allen Menschen und als Baustein zur Verwirklichung der Chancengleichheit und Gleichbehandlung."

Von der Uni Bayreuth heißt es zudem, der Leitfaden wende sich ausdrücklich an Beschäftigte, und nicht an Studentinnen und Studenten. Deshalb spiele die Einhaltung auch bei der Prüfungsbewertung keine Rolle. War Markus Söders plötzlich entdeckte Sorge um die Gleichbehandlung aller Studenten also alleine ein Manöver, um sich im Wahlkampfendspurt ein paar Stimmen zu sichern?

Nicht ganz. Dass aus solchen Leitfäden unter Umständen auch Druck auf Studenten entstehen kann, hat Wolfgang Ficht in Gesprächen immer wieder gehört. Ficht studiert in Bayreuth Geschichte und engagiert sich als Sprecher beim Ring Christlich Demokratischer Studenten Bayreuth (RCDS). Die Beteuerung der Universitäten, dass der Sprachleitfaden nur eine Empfehlung sei und sich vor allem an die Mitarbeiter richte, kann Ficht nicht überzeugen: "Ich finde, dass es sich die Uni Bayreuth hier zu leicht macht."

Kein konkreter Fall

Tatsächlich kann auch Ficht keinen konkreten Fall benennen, bei dem ein Student wegen "falscher Sprache" schlechtere Noten erhalten hätte. Allerdings würde es ein Professor kaum so offen kommunizieren, wenn die Note wegen unpassender Sprache schlechter ausfällt, berichtet Ficht aus dem Uni-Alltag.

Er höre immer wieder, dass sich Studenten in manchen Studiengängen einer neuen Erwartungshaltung gegenüber sehen, die auch als zusätzlicher Druck empfunden werden kann. Als Beispiel verweist der RCDS-Sprecher darauf, dass manche Professoren inzwischen auf den Gender-Leitfaden verweisen, wenn es um grundsätzliche Vorgaben für Hausarbeiten geht.

Normalerweise wird in diesen Vorgaben geregelt, welche Schriftgröße und welchen Zeilenabstand Studenten in einer Hausarbeit anwenden sollen. "Natürlich macht man sich als Student dann seine Gedanken, wenn dort dann auch der Hinweis auftaucht, dass die Einhaltung des Sprachleitfadens erwartet wird."

Der Student betont dabei, dass er kein Problem mit diskriminierungsfreier Sprache habe. "Ich glaube aber, dass wir noch nicht so weit sind, um hier schon verbindliche Vorgaben zu machen." Die Umsetzung der derzeitigen Vorgaben erfordere zu großen Aufwand für den Beitrag, den sie gegen Diskriminierung leisten. Bei einfachen Anreden in einem Brief sei der Fall relativ einfach. Wenn die Vorgaben aber in einer kompletten wissenschaftlichen Arbeit durchgehalten werden sollen, wird es schon schwieriger. Probleme gebe es auch, wenn durchs Zusammensetzen zweier Hauptwörter neue Begriffe entstehen. Fichts Beispiel: Der Begriff Bundeskanzler sei noch relativ einfach zu gendern. Müsse dann aber Kanzlerkandidat zu Kanzler_Innenkandidat_Innen werden? "Die Wissenschaft hat ohnehin das Problem, dass ihre Sprache von Laien kaum verstanden werden kann. Durch solche neuen Regeln entfernen wir uns nur noch weiter von der Alltagssprache der Menschen", sagt Ficht. Und noch ein Argument spricht seiner Meinung nach gegen die Genderrichtline an den Unis: ausländische Studentinnen und Studenten. "Deutsch ist schon jetzt eine der schwersten Sprachen", sagt Ficht. Gerade die Verwendung unterschiedlicher Artikel mache es Menschen schwer, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben. Die neuen Vorgaben seien gerade für sie kaum noch zu verstehen - auch weil mehrere verschiedene Varianten gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dass Ministerpräsident Söder sich der Thematik nun annimmt, begrüßt Wolfgang Ficht darum ausdrücklich.

Schreiben des Ministeriums

Dass dies inzwischen tatsächlich passiert, bestätigen die Universitäten Regensburg und Bayreuth. Das Wissenschaftsministerium habe sich bereits gemeldet. Das Schreiben des Ministeriums informiert alle bayerischen Universitäten und Hochschulen, "dass sich aus den Sprachleitfäden keine Benachteiligung bei der Bewertung von Prüfungsleistungen und Auswahlentscheidungen ableiten darf, und gebeten, die Leitfäden daraufhin zu überprüfen", sagt Uni-Sprecherin Anja-Maria Meister.

Eine Änderung in der bisherigen Praxis an der Uni Bayreuth habe sich daraus aber nicht ergeben. "Aus unserer Sicht hat der Sprachleitfaden für die Universität Bayreuth einen rein empfehlenden Charakter." Das betonen auch OTH und Uni Regensburg. Mit der Bewertung der Leistungen der Studenten habe der Leitfaden nichts zu tun.

Markus Söder im Redaktionsgespräch

Weiden in der Oberpfalz

Kommentar zum Gendern

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Gendergerechte Sprache

Sprache gilt als gendergerecht, wenn ihr Gebrauch nicht einzelne Geschlechter - in der Regel das weibliche - ausschließt. Zusätzlich verweisen Experten darauf, dass sich manche Menschen weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Deshalb gibt es die Forderung, auch Sprache nicht "nur" männlich und weiblich anzulegen. An der Uni Bayreuth empfiehlt der Sprachleitfaden folgende Möglichkeiten, sich gendergerecht auszudrücken:

  • Variante 1:
    Die kürzeste Möglichkeiten sind geschlechtsneutrale Formen, die alle Geschlechter einschließen, z.B. Studierende, Lehrkraft, Beschäftigte.
  • Variante 2:
    Weit verbreitet ist die Beidnennung, z. B. Professorinnen und Professoren.
  • Variante 3:
    Die sogenannte Sparschreibungen verwenden den Schrägstrich, z. B. der/die Mitarbeiter/in, oder das Binnen-I, z. B. die KollegInnen.
  • Variante 4:
    Um sichtbar zu machen, dass Personenbezeichnungen die Vielfalt der Geschlechtszugehörigkeiten umfassen, bieten sich das sog. Gendersternchen (Asterisk) *, z.B. die Student*innen oder die*der Mitarbeiter*in, oder die Verwendung des Unterstrichs an, z.B. Wissenschaftler_innen.
  • Keine Option:
    Die Generalklausel, in der darauf verwiesen wird, dass mit der Verwendung des generischen Maskulinums alle Geschlechter sozusagen mitgemeint seien, ist an der Uni Bayreuth ausdrücklich nicht erwünscht!

 

 

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