19.12.2019 - 08:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

„Du hast die richtige Sprach' drauf“

Ist Dialekt im Arbeitsleben noch zeitgemäß? Ein Interview mit dem Mundartforscher Ludwig Zehetner.

Ohne Sprache keine Kommunikation. Doch wie wirkt Dialekt in der Arbeitswelt?
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Dialekt und Karriere – passt das zusammen? Darüber haben wir mit „Dialektpapst“ Ludwig Zehetner gesprochen. Der 80-Jährige ist Honorarprofessor für bairische Dialektologie an der Universität Regensburg und ein gefragter Experte, wenn es um das Thema Mundart geht. Der gebürtige Freisinger lebt seit über 50 Jahren in der Oberpfalz.

Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner ist Honorarprofessor für bairische Dialektologie an der Uni Regensburg.

ONETZ: Herr Zehetner, in Karriereportalen liest man, im Beruf sei Hochdeutsch dem Dialekt grundsätzlich vorzuziehen. Stimmen Sie zu?

Ludwig Zehetner: Nicht summarisch. Es kommt auf den Einzelfall und die Berufssparte an. Im Baugewerbe zum Beispiel ist der Dialekt nach wie vor selbstverständlich. Viele Mitarbeiter auf Baustellen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sind in ihrem Arbeitsleben in den Dialekt hineingewachsen, beherrschen aber das Hochdeutsche nicht.

ONETZ: Kann der Dialekt auch ein Türöffner im Beruf sein?

Ludwig Zehetner: Da habe ich ein schönes Beispiel. Einer unserer Schwiegersöhne stammt aus dem Bayerischen Wald und spricht den dort üblichen Dialekt. Nach dem Studium bewarb er sich in München als Bauingenieur. Gleich die erste Firma, bei der er sich bewarb, stellte ihn sofort an. Das Argument des Personalchefs war: „Du hast die richtige Sprach' drauf, du konnst di mit unsere Leut verständign.“

ONETZ: Was sehen Sie sonst als Vorteil des Dialekts?

Ludwig Zehetner: In einem Verkaufsgespräch zum Beispiel kann der Mitarbeiter mit Dialekt punkten – wenn die Kunden auch dialektnah sind.

ONETZ: Und was als Nachteil?

Ludwig Zehetner: Bei einem Banker oder Anlagenberater kommt Dialekt vielleicht nicht so gut an – es sei denn die Kundschaft fährt darauf ab, wie ich das täte (lacht). Bei einer engstirnigen Geschäftsleitung kann Dialekt sicher hinderlich für die Karriere sein.

ONETZ: Werden Menschen, die einen starken Dialekt sprechen, als weniger kompetent empfunden?

Ludwig Zehetner: Leider ja. Dann heißt es, der oder die kann ja nicht mal anständig Deutsch – als ob Dialekt unanständig wäre. Umgekehrt sage ich: Arm und bedauernswert sind die Menschen, die ausschließlich die Schriftsprache beherrschen, denn sie verfügen nicht über die Möglichkeit, zwischen den beiden Sprachformen zu wechseln. In manchen Unternehmensabteilungen ist Englisch die Standardsprache. Hat Dialekt in der heutigen oft weltweit vernetzten Arbeitswelt überhaupt noch einen Platz?

ONETZ: In manchen Unternehmensabteilungen ist Englisch die Standardsprache. Hat Dialekt in der heutigen oft weltweit vernetzten Arbeitswelt überhaupt noch einen Platz?

Ludwig Zehetner: Es gibt tatsächlich Befürchtungen, dass sogar das Hochdeutsche im Laufe der Zeit auf die Ebene eines Dialekts absinken könnte, wenn das Englische immer weiter um sich greift. In der Technik und der Wirtschaft läuft ja wirklich fast alles auf Englisch ab. Auf Führungsebenen kann sich da keiner mehr blicken lassen, der im Englischen nicht firm ist. 2009 hat die Unesco das Bairische in die Liste der gefährdeten Sprache aufgenommen.

ONETZ: Wie schneidet denn der Oberpfälzer Dialekt innerhalb der bayerischen Mundarten bei der Beliebtheit ab?

Ludwig Zehetner: Leider steht das Oberpfälzische mit seinen „Ou“- und „Äi“-Lauten immer noch in Misskredit und gibt Anlass zu blöden Witzen

ONETZ: Warum glauben Sie, ist das so?

Ludwig Zehetner: Ich vermute, dass die wirtschaftlich schlechte Situation der Oberpfalz in der Vergangenheit eine Rolle gespielt hat. Die Sprache der Bewohner dieser lange als arm und rückständig geltenden Region wurde wohl etwas verächtlich betrachtet. Das ist schade, denn der Sprachwissenschaftler erkennt, dass mit dem Oberpfälzischen eine der wertvollsten und raffiniertesten Varietäten vorliegt, die in sich in der deutschen Sprachgeschichte entwickelt haben.

ONETZ: Sie haben in Ihrem Berufsleben am Gymnasium unterrichtet und an der Universität gelehrt. Haben Sie dabei Dialekt gesprochen?

Ludwig Zehetner: Bei Vorträgen habe ich natürlich Hochsprache verwendet – auch wenn man mir immer anhört, dass meine Grundlage das Bairische ist. Doch im Privatgespräch mit einzelnen Schülern, Studenten oder Eltern habe ich oft umgeschaltet, um eine Partnernähe zu erzeugen.

Sprachwissenschaftler Zehetner: "Es gibt Befürchtungen, dass sogar das Hochdeutsche im Laufe der Zeit auf die Ebene eines Dialekts absinken könnte, wenn das Englische immer weiter um sich greift."
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