13.11.2020 - 11:43 Uhr
RegensburgOberpfalz

Stolpersteine gegen das Vergessen

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Wer mit offenen Augen durch Regensburg geht, dem fallen sie immer wieder auf: glänzende Messing-Gedenktafeln im Altstadtpflaster. Diese Stolpersteine sollen an die Schicksale derer erinnern, die von den Nazis deportiert und getötet wurden.

An das Schicksal von Frieda und Robert Koller, den Eltern von Else Fleischmann, erinnern zwei der insgesamt elf Stolpersteine in der Gesandtenstraße 10. Von dort wurden sie 1942 nach Piaski in Polen deportiert.
von Autor EWAProfil

Wenn Else Fleischmann, die früher Else Koller hieß und 1930 geboren wurde, an ihre Kindheit in Regensburg zurückdenkt, sind das erst einmal angenehme Erinnerungen. Sie erzählt von der schönen Wohnung in der Stadt, in der sie mit ihren Eltern Frieda und Robert lebte, von ihren Freunden, mit denen sie so gerne draußen auf der Straße spielte, von den Sonntagsspaziergänge mit den Eltern und den Besuchen im öffentlichen Schwimmbad. Doch die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 änderte alles. „Mitten in der Nacht kam plötzlich die Polizei in unsere Wohnung, weckte uns auf und nahm uns mit zur Polizeistation“, erzählt die Holocaust-Überlebende 1996 in einem Interview mit der USC Shoa Foundation. „Als wir wieder nach Hause kamen, lag in unserer Wohnung alles durcheinandergeworfen auf einem Haufen, vieles war zerbrochen. Auch in unserem Laden war alles zerstört. Die nicht-jüdischen Leute, die wir kannten, waren plötzlich nicht mehr freundlich zu uns und wir konnten zu vielen Orten nicht mehr gehen. Mein Leben war plötzlich bestimmt von einem Gefühl der Angst.“

Tochter gerettet

Über die Nazis habe sie damals nichts gewusst, erzählt die Holocaust-Überlebende in dem bewegenden Interview. Und so verstand sie auch erst einmal gar nicht, warum sie 1939 plötzlich ihre Sachen packen musste und von ihren Eltern nach Frankreich zu Verwandten geschickt wurde. „Meine Mutter begleitete mich bis Straßburg. An der Grenze sagte sie mir, wir müssten uns verabschieden. Damals wusste ich nicht, dass ich sie nie wiedersehen würde.“ Den letzten Brief von ihren Eltern erhielt Else im Jahr 1942, kurz bevor sie in die Vereinigten Staaten reiste, um bei ihrem Onkel und ihrer Tante zu leben. „1945 wurde mir dann klar, dass meine Eltern wohl nicht mehr leben würden …“ Ihre Tochter konnten sie noch retten, doch Frieda und Robert Koller wurden zusammen mit 104 anderen Regensburger Juden im April 1942 ins Durchgangslager Piaski bei Lublin deportiert und schließlich in den Vernichtungslagern von Belzec und Sobibor ermordet. An ihr Schicksal erinnern heute zwei von insgesamt elf Stolpersteinen vor dem Haus in der Gesandtenstraße 10 in Regensburg, in dem Elses Eltern vor ihrer Deportierung lebten.

241 Stolpersteine

„Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt der Kölner Künstler Gunter Demnig, der das Stolperstein- Projekt 1992 initierte und inzwischen europaweit bereits über 75 000 Stolpersteine verlegt hat. Jeder Stein wird in seiner Werkstatt von Hand gefertigt und graviert. Name, Geburtsdatum, Datum und Ort des Todes – viel mehr steht nicht auf den glänzenden Messingplatten. Und das ist auch gar nicht nötig. „Was mich an dem Projekt fasziniert, ist, dass ein persönlicher Bezug zu den Menschen hergestellt wird“, sagt Ulrich Fritsch von der Stolperstein-Initiative des Evangelischen Bildungswerkes Regensburg. „Es wird klar: Es geht um Leute, die hier mitten in der Stadt gelebt haben. Die morgens aus dem Haus gingen, ihre Nachbarn begrüßten und Teil der Gemeinschaft waren.“ Wer einen der Gedenksteine im Pflaster aufblitzen sieht, bleibt meist stehen, beugt sich nach vorne und verneigt sich symbolisch vor dem Opfer. „Das NS-Opfer und sein Schicksal wird auf diese Weise dem Vergessen entrissen“, so Ulrich Fritsch. Insgesamt 241 Stolpersteine und drei Stolperschwellen sind mittlerweile in Regensburg zu finden – und es sollen noch mehr werden. Die nächste Verlegung von weiteren 15 Gedenksteinen ist für Juli 2021geplant. Gegen das Vergessen.

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