25.09.2018 - 21:03 Uhr
RegensburgOberpfalz

Vertuschen und Wegsehen bei Missbrauch in der Kirche

Die Missbrauchsstudie der katholischen Bischöfe zeichnet ein düsteres Bild. Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs spricht von schlaflosen Nächten, obwohl er die Größenordnungen in seinem Bistum kannte.

Generalvikar Michael Fuchs und die Präventionsbeauftragte Judith Helmig stellen die von Regensburg für die Studie zum Missbrauch ermittelten Daten vor.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Es ist ein Tag des Schuldeingeständnisses und es ist der Tag der Bitte um Vergebung durch die Katholische Kirche. In Fulda verweist der Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, am Dienstag bei der Vorstellung der Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige" (MHG-Studie) auf die Schuld der Amtskirche, der Bischöfe und auf seine persönliche Schuld.

Zu lange ist "in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden", betont der Münchener Kardinal. Er bittet um Vergebung und bekundet seine Scham: "Wir haben den Opfern nicht zugehört. All das darf nicht folgenlos bleiben. Die Betroffenen haben Anspruch auf Gerechtigkeit." Es ist nicht die erste Bitte um Vergebung der Bischöfe seit im Januar 2010 der damalige Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, Pater Klaus Mertes, den Missbrauchsskandal an seiner Schule öffentlich gemacht hatte. Berichte über weitere Schulen folgen, darunter über die Domspatzen.

Bitte um Vergebung

Im Sommer 2017, nach der Veröffentlichung des Berichts zum Missbrauchsskandal bei den Domspatzen, bittet der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer in einem Hirtenwort die Betroffenen um Vergebung. Darauf bezieht sich am Dienstagnachmittag in Regensburg Generalvikar Michael Fuchs. Das Bistum stellte unmittelbar nach der Präsentation der Studie in Fulda die aus Regensburg eingeflossenen Daten der Öffentlichkeit vor. Aus der Diözese wurden 199 Betroffene, darunter 59 weibliche, und 81 Beschuldigte (71 Priester und 10 Ordensleute) in den Akten gefunden und anonymisiert an die Studienmacher gemeldet. Bundesweit wurden 3677 Betroffene und 1670 Beschuldigte in Akten der Jahre 1946 bis 2014 gefunden.

Die Regensburger verweisen darauf, das sich bei einem Teil der Funde der Verdacht nicht bestätigt habe, sie diese Fälle gleichwohl weitergemeldet hätten, weil es die Studienvorgabe erfordert hätte. Dies gelte für 16 Priester und Ordensleute sowie 40 Betroffene. "Ich bin für alles dankbar, was uns mehr Klarheit verschafft", sagt Fuchs. Er macht aber auch deutlich, dass manche Hinweise zu ungenau sind, manches nicht in den Akten stehe, Beschuldigte verstorben sind. Deshalb könne möglicherweise nicht alles geklärt werden.

In einigen Bistümern gab es zudem umfangreiche Aktenvernichtungen, etwa im Erzbistum München und Freising. Weshalb die Studienautoren auch von einer beträchtlichen Dunkelziffer ausgehen. Im Bistum Bamberg wurden Hinweise auf sexuellen Missbrauch und Grenzverletzungen in 41 Personalakten entdeckt. 88 Betroffene im Alter zwischen 4 und 20 Jahren seien in der Diözese Bamberg gezählt worden. Das Bistum Eichstätt spricht von 29 Opfern, darunter 13 weibliche, und zehn Priestern als Täter.

In Regensburg reicht die Altersspanne der Betroffenen von unter sechs Jahren (8) bis über 18 Jahren (10). Der Großteil der Betroffenen ist zwischen sieben und 13 Jahren (97) und 14 und 17 Jahren (59). In diese Zahlen sind Opfer des Missbrauchs bei den Domspatzen nur zum Teil eingeflossen, falls sie bis 2015 bereits in den Akten waren. Die Studie zum Missbrauch an der Vorschule und dem Gymnasium der Domspatzen wurde erst 2017 fertiggestellt. Auf die Untersuchung wird aber in der Literaturübersicht der MHG-Studie verwiesen.

"In der Kirche wirkten Straftäter, die Kinder und Jugendliche tief verletzten", macht Fuchs unmissverständlich deutlich: "Diese Straftaten haben das Leben von Menschen in übler Weise geprägt." Zugleich unterstreicht er, den Willen des Bistums zur Offenheit und zum Gespräch mit Opfern sexuellen Missbrauchs. So wie dies in der Vergangenheit bereits durch Bischof Voderholzer geschehen sei. Die Kirche müsse ihr "Hauptaugenmerk auf alle richten, die sich melden, weil ihnen Furchtbares angetan worden ist".

Hausaufgaben machen

Fuchs, der bekennt, dass ihm die Berichte und die Daten immer wieder schlaflose Nächte bereiten, betont aber auch, dass die deutschen Diözesen noch eine Reihe Hausaufgaben zu erledigen hätten. Unter anderem gebe es noch immer keine einheitliche Standards, etwa bei den Personalakten, bei Verfahren zu Anerkennung von Opfern und bei der Prävention sexuellen Missbrauchs. Fuchs betont, die Generalvikare der deutschen Bistümer hätten noch einiges abzuarbeiten.

Aus der Studie zieht der Regensburger Generalvikar die Schlussfolgerung, die Kirche müsse "noch besser werden, schneller, transparenter und verlässlicher". Dazu zählen für Fuchs unter anderem Präventionssysteme, Aus- und Fortbildung für Priester, Diakone und pastorale Mitarbeiter. Er betont auch, dass die Kirche noch stärker auf die nötige "Entwicklung und Reife" achten müsse.

Die Prävention sexualisierter Gewalt in der Kirche solle als "ständiger Lern- und Verbesserungsprozess" eingerichtet werden, sagt Fuchs. "Helfen könnte dabei eine staatlich organisierte, unabhängige Zertifizierungsstelle." Die Federführung könnte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, übernehmen.

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Kommentare

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Haimo Herrmann

Scheinheiligkeit oder Heiligkeit?

Gerade ein Generalvikar M. Fuchs, der Unmengen von Serienbriefen an ehemalige Regensburger Domspatzen versandt hat, in den ersten davon den Tatbestand des Missbrauchs konsequent ableugnete und dadurch viel Unverständniss erzeugte, spricht jetzt von schlaflosen Nächten. Na dann bekommt er mal einen Vorgeschmack davon wie es in uns heute aussieht. Aber möglicherweise kann er ja Kraft seines Amtes was für uns tun.Als ehemalige Schüler der Regensburgerdomspatzen schätzen wir die MHG Studie folgendemaßen ein.
Große Worte bei der Veröffentlichung des MHG aber bis jetzt nichts dahinter!
Solange die RKK , speziell das Bistum Regensburg, den verstorbenen Schlägern mit Ehrentiteln huldigt, wird sich im Bewußtsein dieser kriminellen Mafia nichts ändern. Wer früher mit vollem Einsatz Kinder blutig schlug, auf dessen Grab prangen heute die Buchstaben MSGR. Wer Solisten mit der Faust unter den Flügel drosch, dessen Büste steht heute noch vor dem Gymnasium der Regensburger Domspatzen samt Ehrentitel von Hitlers Gnaden. Vernichtet diese unwürdigen Reliquien wenn ihr uns Opfern glauben machen wollt jetzt besser zu sein.
Haimo Herrmann _ Etterzhausen 1962 – 1964

26.09.2018

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