27.03.2020 - 15:20 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Familie mit Corona-Fall: Testen oder nicht?

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Der Opa liegt leblos auf der Couch. Der Enkel findet und beatmet ihn. Rettungskräfte bringen den Senior ins Krankenhaus. Er bekommt Fieber. Ein Coronatest ist positiv. In der Familie Lahner aus Schnaittenbach fangen jetzt die Probleme an.

Am Gesundheitsamt in Amberg gehen viele Anfragen zum Coronavirus ein.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Thorsten Lahner ist fix und fertig. Es liegt nicht unbedingt an der erhöhten Temperatur und den Halsschmerzen, die er jetzt hat, sondern an der Vorgehensweise bezüglich seines Großvaters, der positiv auf Covid-19 getestet wurde, und seiner Familie. Die Herangehensweise des Gesundheitsamtes ist für ihn nicht nachvollziehbar. Seines Erachtens wäre eine sofortige Quarantäne des gesamten Sieben-Personen-Haushalts inklusive weiterer Tests sinnvoll gewesen.

"Wir haben jetzt eine Pandemie", holt Gesundheitsamtsleiter Dr. Roland Brey auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien aus. "Wir sind jetzt in einem Stadium, von dem wir wissen, das Virus verbreitet sich immer mehr, es gibt immer mehr Infizierte." Die Arbeit des Gesundheitsamtes laufe nach einem bestimmten Schema ab. Wird die Behörde über einen Fall informiert, werden im dortigen Umfeld Kontaktpersonen ermittelt. Es wird nach fachlichen Kriterien abgeklärt, wie relevant der Kontakt war. Enge Kontaktpersonen wie solche, die aus demselben Haushalt stammen, haben das höchste Risiko, sich anzustecken. "Wir wissen aber auch, bei dieser Infektion gibt es viele, die wenig oder kaum Symptome haben. Da es sich aber sehr rasch verbreiten kann, ist die Zahl der Infizierten viel größer, als man das bisher zum Beispiel von der Grippe gewohnt war."

Brey sagt: "Es macht nicht Sinn, dass man alle testet. Gesunde sowieso nicht. Leicht Erkrankte auch nicht." Viele Tests hätten dazu geführt, dass die Testergebnisse viel zu lange brauchen. "Der Erkrankte ist krank, ob er den Test macht oder nicht. Und man hat keine spezielle Behandlung."

Auch Dr. Markus Baier vom Bayerischen Hausärzteverband fordert diesen klaren Strategie-Wechsel in der Medizin: "Im großen Stil teils asymptomatische, klinisch stabile Verdachtsfälle und Kontaktpersonen zu testen, ist bei der aktuellen Fallzahlentwicklung und angesichts der weltweiten Lieferengpässe von Testmaterial und Schutzkleidung bei endlicher Laborkapazität eine unverantwortliche Ressourcenverschwendung", schreibt er in einem offenen Brief an seine Kollegen.

Warum über Familie Lahner nicht sofort eine Quarantäne verhängt wurde, nachdem der Covid-19-Fall bekannt wurde, erklärt Brey so: "Es gelten mittlerweile sowieso für alle die Ausgangsbeschränkungen. Da stellt sich für mich die Frage: Brauche ich überhaupt noch die Quarantäne? Für mich ist das Verhalten jedes Einzelnen entscheidend. Es nützt nichts, Quarantäne anzuordnen, die Leute müssen sich an die Regeln halten. Zu Hause bleiben, von anderen fernhalten."

Bei Thorsten Lahner kam das anders an. Der Schnaittenbacher arbeitet in einem systemrelevanten Beruf: bei einem Essenszulieferer für Altenheime. "Ich hätte doch nicht einfach wieder in die Arbeit gehen können."

Wer Krankheitssymptome zeige, habe die Möglichkeit, sich vom Hausarzt krankschreiben zu lassen, so Brey. Er ist der Meinung, dass in bestimmten systemrelevanten Bereichen andere Wege gefunden werden müssen, als das Personal unter Quarantäne zu stellen. "Die Lösung liegt für mich darin: Abstand halten, nicht in Gruppen rausgehen. Das ist für mich die zentrale Botschaft." Er stehe als Leiter des Gesundheitsamtes dafür, dass mit Vernunft und Augenmaß agiert wird, "sonst fliegt uns alles um die Ohren".

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) hat seine Empfehlungen für Covid-19-Kontaktpersonen angepasst: „Medizinisches Personal muss künftig nach engem ungeschützten Kontakt zu Covid-19-Erkrankten nicht mehr so lange in Quarantäne und darf bei dringendem Bedarf in Klinik oder Praxis arbeiten, solange keine Symptome auftreten“, wird der RKI-Präsident Lothar Wieler im Ärzteblatt zitiert.

Thorsten Lahner aus Schnaittenbach wollte trotzdem nicht einfach ohne Gewissheit, ob er das Virus in sich hat oder nicht, weitermachen. Der Corona-Test wurde von seinem Hausarzt vorgenommen. Er hat sich von seiner Familie isoliert und wartet noch auf das Ergebnis.

Kein Corona-Test auf Wunsch

Amberg
Info:

Die Situation im Gesundheitsamt

Der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Roland Brey, befand sich gerade im Urlaub, als Anfang März die Coronakrise auf Amberg und den Landkreis zurollte. Wegen eines positiv getesteten Corona-Falles wurde als Erstes das Gregor-Mendel-Gymnasium geschlossen. "Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man von Schulschließungen nicht so viel gehalten. Denn wo treffen sich die Schüler, wenn sie nicht in die Schule gehen? Untereinander." Brey war selbst überrascht von der Geschwindigkeit der darauffolgenden Entwicklung: "Ich hätte zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet, dass es in so kurzer Zeit zu diesen einschränkenden Maßnahmen kommt." Er verweist auf den Schweizer Professor für Infektiologie, Dr. Pietro Vernazza vom Kantonspital St. Gallen, der die These vertritt: 90 Prozent der Coronainfektionen sind vielleicht unbemerkt.

Der Arbeitsaufwand im Gesundheitsamt in Amberg sei von den eigenen rund 22 Beschäftigten mittlerweile nicht mehr zu stemmen. "Ich nehme jedes Angebot an. Medizinstudenten werden im Crashkurs ausgebildet." Die Belegschaft ist ausgedünnt durch Krankheitsfälle. "Wir arbeiten seit Wochen mit Rufbereitschaften. Irgendwann geht es nicht mehr." Dass alle anfangs auf das Gesundheitsamt verwiesen hätten, sei "massiv auf uns hereingebrochen". Roland Brey ist derzeit von früh bis spät damit beschäftigt, Anfragen zu beantworten oder sie weiterzuleiten, unter anderem von Leuten, die wissen wollen, ob sie noch angeln gehen dürfen.

Dr. Roland Brey, Leiter des Amberger Gesundheitsamtes.

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